BMO 

Ambulante Dienste


9. Ambulante Dienste

Wer eine Alternative zur Heimunterbringung sucht, braucht eine Möglichkeit, Helfer zu organisieren, die notwendige Hilfestellungen geben, und zwar in einer Umgebung, die dem Betroffener angenehmer als das Heim ist. Eine solche Umgebung kann das Elternhaus sein, aber auch eine frisch. bezogene eigene Wohnung. Schließlich kann es auch ein.eine Wohngemeinschaft sein, in der ein Behinderter lebt. Es gibt schon lange die Möglichkeit, daß privat beschaffte Pflegekräfte vom Sozialamt finanziert werden; praktische Bedeutung~ hat dieser Weg jedoch nie gehabt,. da der Behinderte in diesem Fall keinen organisierten Rückhalt hat. Ein anderer Versuch sind Hauspflegevereine und Sozialstationen. Diese Verbände bezogen ihre Strukturen jedoch weitgehend aus der Krankenpflege, und das bedeutet: sie setzen qualifiziertes Personal ein, und wo es keine solchen Qualifikationen gab, versuchen sie, für ihre Helfer ein Berufsbild zu schaffen. Sozialstationen sind nicht nur relativ teuer, ihre Kapazität schränkt ihre Möglichkeiten auch auf kurze Einsätze mit täglich wenigen Stunden ein. Oft organisieren Sozialstationen nur während der "Bürostunden" Helfer, also Mo-Fr, zwischen 8 und 16 Uhr. Behinderte sind aber auch abends und am Wochenende behindert.

Anders ist das bei Ambulanten Diensten, wie sie in den letzten 5-10 Jahren entstanden sind, v.a. durch den Einsatz von Zivildienstleistenden (ZDL) in diesem Bereich. Mitte der 70er Jahre entstanden durch zwei Förderungsprogramme ("Mobiler Sozialer Hilfsdienst" und "Individuelle Schwerstbehindertenbetreuung")eine große Zahl von Einsatzstellen, die durch die Subventionen Helfer sehr billig anbieten können; Kosten waren schon immer ein Argument. Ansprüche in Bezug auf irgendwelche Qualifikationen wurden diesen Überlegungen geopfert. "Helfer" in Ambulanten Diensten können aber auch Studenten oder Praktikanten sein, z.B. im Rahmen des "Freiwilligen Sozialen Jahres"(FSJ), in Ausnahmefällen auch voll angestellte Personen, die u.U. dieselbe Tätigkeit vorher in einem Heim ausgeführt hatten.

Grundgedanke Ambulanter Dienste ist, Behinderten die Hilfestellungen in der von ihnen gewählten Umgebung zu geben, sie also nicht zu einem Umzug in irgendeine Institution zu zwingen. Außerdem sind ambulante Helfer individuell zugeordnet, d.h., sie sind nie gleichzeitig für mehrere Behinderte "zuständig".

Dadurch wird es nebensächlich, ob die Hilfestellungen innerhalb der Wohnung, am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Freizeit oder im Urlaub gebraucht werden. Hilfen außerhalb der "eigenen 4 Wände" sind nicht schwieriger zu bekommen als solche zuhause.

10. Zum Beispiel: der CeBeeF Frankfurt

In rund 5o Städten der BRD gibt es inzwischen "Clubs Behinderter und ihrer Freunde"; der Frankfurter Club wurde 1975 gegründet. Anfangs war der Club auch in Frankfurt ein reiner "Freizeitverein": es gab Veranstaltungen, gemeinsame Unternehmungen, gelegentlich auch ein bißchen Öffentlichkeitsarbeit.

Dann standen einige Mitglieder vor Problemen, wie sie ihre Hi1festellungen organisieren sollten. Das führte 1977 dazu, den Club als Dienststelle für ZDL anerkennen zu lassen; die ersten Hauptamtlichen und ZDL nahmen 1978 ihre Arbeit auf, im April 79 wurden geeignete Clubräume mit Büros gefunden. Heute umfaßt der Verein rund 8o Mitglieder (davon etwa 1/3 behindert)., Clubtreffen und Arbeitsgruppen. Es werden über 30 ZDL eingesetzt, für die eine Dienststellenleiterin und eine Verwaltungskraft zuständig sind. Die ZDL übernehmen v.a. zeitintensive Hilfestellungen, typischerweise 10-14 Stunden an 7 Tagen pro Woche.

1982 wurde ein zweiter Bereich begonnen, in dem (mittlerweile rund. 4o) nebenamtliche Helfer (z.B. Studenten) eingesetzt werden.: Da es hierfür keine Subventionen gibt, übernehmen diese Helfer vor allem kurzfristige Betreuungen bzw. solche solche geringeren Umfangs.

Daneben gibt es im CeBeeF Beratung (bei psychischen, rechtlichen und Hilfsmittel-Fragen) sowie ein Wohngruppenprojekt.

Aus einer Reihe von Erfahrungen hat sich folgende Gruppen- und Entscheidungsstruktur entwickelt:

Ein oder zwei Behinderte und die bei ihnen eingesetzten Helfer bilden eine "Kleingruppe" innerhalb der der Einsatzplan und persönliche Schwierigkeiten geregelt werden, bei Bedarf auch mit einem Angestellten, der auch für die formale Organisation zuständig ist. Diese Treffen und Einzelgespräche sind für ein eine kontinuierliche Arbeit sehr hilfreich. Daneben gibt es regelmäßige ZDL- bzw. Helfertreffen; nur sporadisch gibt es Treffen der Behinderten.

Zur Einführung neuer Helfer gibt es ein "Rollstuhltraining" sowie eine Einführung in "Hebetechnik" durch eine Krankengymnastin.

11. Gefahr: das "ambulante Heim"

Ambulante Dienste wurden lange Zeit argwöhnisch beobachtet, ob sie Hilfestellungen auf Dauer zuverlässig gewährleisten könnten. Weithin herrschte "ambulante Hilflosigkeit". Auf der anderen Seite stand die Unsicherheit vieler Behinderter, die sich nur wenig zutrauten, sich oft nicht einmal sicher waren, ob sie außerhalb von abgeschirmten Heimen durchhalten könnten.

Das führte dazu, daß Ambulante Dienste an ihre eigene Arbeit sehr hohe Anforderungen stellen - und viele Behinderte wissen das und verlassen sich darauf. Kaum ein Behinderter begreift sich als Arbeitgeber, obwohl sie das zumindest indirekt -durchaus sind. Behinderte bleiben passiv, konsumieren. Eine weitere Entwicklung: in den meisten Ambulanten Diensten arbeiten Behinderte nur am Rande mit, als Hauptamtliche schon gar nicht. Das alles faßt August Rüggeberg, Mitbegründer und Vorstandsmitglied der VIF unter dem Stichwort vom "ambulanten Heim" zusammen.

Bei der VIF ging man daraufhin dazu über, kaum noch von der Organisation angestellte Helfer ("Hilfsdienst-Modell") einzusetzen, sondern Helfer nur noch zu vermitteln: Auf Anfrage bekommen Behinderte die Adressen einiger potentieller Helfer, mit denen sie dann alles weitere absprechen. Die Helfer sind dann nicht bei der VIF, sondern beim Behinderten selbst beschäftigt. Allerdings werden dabei weder Behinderte noch Helfer alleingelassen; sobald mehrere Behinderte vor demselben Problem stehen (z.B. formale Konsequenzen des Arbeitgeber-Status), wird die Bildung einer Arbeitsgruppe angeregt.

Nach einem halben Jahr hatte dieses "Vermittlungsmodell" bereits einen größeren Umfang als das (hier schon "klassische") Hilfsdienst- Modell. Behinderte können weiterhin Helfer bekommen, ohne daß die Organisation an Kapazitätsgrenzen stößt; auf der anderen Seite kann nur so vermieden werden, daß Ambulante Dienste zu anonymen Großbetrieben, zu "Sozialkonzernen" (wie dies bei den meisten Heimträgern der Fall ist) werden.

Die weiteren Perspektiven gehen über ein "Kurssystem" (das in München gerade vorbereitet wird) zum Projekt "Autonom Leben".


BM-Online