Hilfe und Pflege 

Pflichtpflegeeinsätze - Interesse für Intimes


Die denkwürdigen Erfahrungen der Christa M. mit ,,qualifizierten Fachleuten


Christa M. (Name geändert) weiß beinahe nicht, wo sie mit ihrer Erzählung beginnen soll, als ich sie besuche. Sie hatte versucht, das Erlebte zu verdrängen.

Eine nicht erkannte Zöliakie/Sprue (Stoffwechselerkrankung) löste vermutlich die Osteogenesis imperfekta, im Volksmund als Glasknochenkrankheit bekannt, aus. Diese Krankheit verursachte Wachsstumsstörungen bei Christa M. Sie blieb kleinwüchsig. Die Behinderung als solche stellt kein Hindernis für ein ,,normales" Leben dar.

Vor 27 Jahren heiratete sie ihren normalgroßen Mann. Er assistiert ihr bei allen benötigten Hilfeleistungen wie der Körperpflege und im Haushalt. Die beiden haben viele gemeinsame Interessen und verstehen sich nach wie vor sehr gut.

Eingespieltes Team

,,Meine Behinderung war nie das eigentliche Problem in meinem Leben. Zwar muß ich seit einigen Jahren den Rollstuhl benutzen, mein Mann und ich sind jedoch ein eingespieltes Team und kommen mit den zwangsläufigen Handicaps gut klar. Das Problem ist unsere Umwelt. Es nervt, ständig mit großen Augen angesehen zu werden, wenn wir uns als Ehepaar vorstellen. Die meisten denken, mein Mann sei mein Pfleger. Meine Schwiegermutter hat mich auch nach so vielen Jahren noch nicht akzeptiert."

Früher habe sich niemand darum gekümmert, wie sie den Alltag bewältigten. Seit Einführung der Pflegeversicherung hat sich das – leider nicht zum Positiven – geändert. Christa M. wurde vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK) in Pflegestufe III eingestuft. Sie bekommt ihre Assistenz ausschließlich durch ihren Mann. Daher beansprucht sie die Pflegegeldleistungen.

Laut Pflegeversicherung müssen PflegegeldbezieherInnen der Pflegestufe III vierteljährlich einen sogenannten Pflichtpflegeeinsatz abrufen. Wenn sie das nicht tun, wird ihnen das Pflegegeld gestrichen.

Diese Einsätze dienen der Kontrolle. Vernachlässigungen und Mißhandlungen pflegebedürftiger Menschen und Überlastungen pflegender Angehöriger sollen durch Beratung vorgebeugt werden.

,,Beratungseinsatz"

Gezwungenermaßen rief Christa M. einen ,,Beratungseinsatz" bei einem ambulanten Dienst ab. Sie kann sich nicht leisten, auf das Pflegegeld zu verzichten. Zum vereinbarten Termin erschien eine Krankenschwester. Christa M. schildert ihre Erlebnisse.

Schon nach kurzer Begrüßung fragte die Schwester, wie alt Christa M. sei. Als diese ihr Alter nannte, meinte die Schwester, dann sei sie ja wohl schon in den Wechseljahren oder kurz davor. Ob ihre Blase denn noch dicht sei. Verständnislos erklärte Christa M., keine Probleme zu haben. Darauf die Schwester: ,,Sie müssen sich nicht schämen, es ist doch ganz normal, daß Frauen in dem Alter anfangen zu tröpfeln." Während des fast einstündigen Gespräches fragte sie diesbezüglich noch mehrmals nach. Außerdem fragte sie, wer bei der Intimhygiene helfen würde, wenn Christa M. ihre Periode habe. Es sei doch sicher sehr unangenehm, wenn da der Partner helfen müsse.

Die Schwester zeigte sich weiterhin ,,verständnisvoll" und bohrte nach. ,,Sicher gibt es Probleme, die Sie mit Ihrem Mann nicht besprechen können. Wenn Sie wollen, können wir ein persönliches Gespräch von Frau zu Frau führen." Christa M.s Intimsphäre schien sie sehr zu interessieren, da sie auch dort mehrfach nachhakte.

Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Häkeldeckchen. Die Schwester wollte wissen, wer das hergestellt hätte. ,,Nein, ich war das nicht", erklärte Christa M. ,,Warum nicht?", bohrte die Schwester nach. In ihrer Verwandtschaft gäbe es eine an Polio erkrankte Frau, die stricken würde. Dann könne Christa M. doch wohl auch häkeln. Ihre weitere Fachkenntnis tat sie mit der Bemerkung kund, man sehe an der gepflegten (Unterarm-) Haut, daß Christa M. nicht nur für den Einsatz hergerichtet, sondern auch sonst gepflegt sei. Außerdem habe sie sie in der Stadt gesehen, und Christa M. habe auch dort einen gepflegten Eindruck gemacht. Während der weiteren ,,Beratung" wollte sie wissen, wo und wie oft am Tag sich Christa M. hinlegt und ausruht.

,,Wenn man will, geht alles..."

Außerdem glaubte sie nicht, daß Christa M. nicht mehr stehen kann. ,,Wenn man nur will, geht alles." Das Ehepaar M. war von der Art der ,,Beratung" total schockiert. Als Christa M. sich entsprechend äußerte, erklärte die Schwester, sie meine es doch nur gut. Wenn sie wirklich kontrollieren wolle, hätte sie auch im Schlafzimmer nachschauen können, ob die Betten gemacht seien. Aber ihre daheim seien es auch nicht immer. Dazu Christa M.: ,,Sie müssen sich ja auch nicht kontrollieren lassen." ,,Wenn ich Sie schon nicht beraten kann, könnte ich Ihnen ja künftig beim Baden helfen, wenn ich vierteljährlich komme", bot die Schwester an. ,,Aber Ihr Mann muß mir dabei natürlich helfen." Darauf entgegnete Christa M. nur noch, sie bade täglich und nicht einmal vierteljährlich. Und das auch nicht nachmittags um 14 Uhr.

Zum Abschluß der ,,Beratung" wollte die Schwester wissen, wie die Behinderung von Christa M. heißt. Als Christa M. mit ,,Osteogenesis imperfekta und Zöliakie" antwortete, bekam sie zu hören: ,,Gibt es da keinen anderen Namen für? Das kann ich nicht schreiben! Außerdem gibt es eh bald keine Leistungen aus der Pflegeversicherung mehr. Die Kassen sind leer." Von 8,3 Milliarden Mark Überschuß in der Pflegeversicherung hat diese ,,Spezialistin" noch nichts gehört.

Merkwürdige Psychotherapie

Christa M. hat es über, ihr Leben stets von Fremden in Frage gestellt zu sehen und dumme Fragen anzuhören. Der Pflichtpflegeeinsatz hat sie sehr schockiert und deprimiert. Vor dem nächsten hat sie schon jetzt Angst. Die Vertretung ihres Hausarztes empfahl eine Gesprächstherapie bei einem Psychotherapeuten.

Ihr Mann machte in der Praxis des Therapeuten einen Gesprächstermin für einen Hausbesuch aus. Der Therapeut erschien und begrüßte Christa M. mit den Worten: ,,Ihr Mann, oder als was er sich vorgestellt hat, war ja schon bei mir in der Praxis...." Dann erkundigte er sich nach ihren Problemen. Christa M. erzählte, daß die Pflichtpflegeeinsätze sie sehr deprimieren. Darauf meinte der Therapeut: ,,Wenn Sie Probleme mit den Gesetzen haben, suchen Sie sich einen Rechtsanwalt." Außerdem solle sie sich halt nicht aufregen, wenn sie wüßte, daß sie dadurch Magenschmerzen bekäme.

Die Zöliakie habe jedenfalls nichts mit den Problemen zu tun. Er sei schließlich Arzt. (Bei Zöliakie ist der psychische Zustand der Patienten außerordentlich wichtig. Streß löst häufig Krämpfe und Durchfälle aus – Anm. d. Autorin) Es sei doch in Ordnung, kontrolliert zu werden. Auf die Frage, woher die Symptome sonst kämen, meinte er: ,,Von diesem und jenem."

Dann wollte er wohl der Sache auf den Grund gehen und erkundigte sich nach ihrer Kindheit. Es sei doch sehr nett, wenn ihre Mutter sie täglich zur Schule gebracht hätte. Da müsse sie doch dankbar sein, kommentierte er ihre Schilderungen.

Doch damit nicht genug. Als Christa M. über ihre Probleme mit der Schwiegermutter berichtete, bekam sie zu hören: ,,Ich kann verstehen, daß Ihre Schwiegermutter Sie nicht anerkennt. So wie Sie dasitzen. Sie können doch nicht erwarten, daß Ihre Schwiegermutter Sie sympathisch findet. Ich kann die Reaktion verstehen. Sie müssen die Wahrheit vertragen, auch wenn es weh tut." Er könne die Welt auch nicht verändern, erklärte er weiterhin. Die Probleme seien keine Depressionen, sondern Realität, mit der sie sich abfinden müsse. Wahrscheinlich sei es ihr nur langweilig und sie habe zu viel Zeit nachzudenken. Zum Abschied meinte er nur noch: ,,Hoffentlich sind Sie Ihrem Mann auch dankbar, für das, was er Ihnen hilft!" Zurück ließ er eine völlig erschütterte Christa M., die sich bei Problemen, egal welcher Art, künftig sicher nicht mehr irgendwelchen ,,Fachleuten" ausliefern wird.

Elke Bartz

in: Leben und Weg, Heft 5/97


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