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Rollende Zeitbomben ?


Zumindest solange der allgemeine öffentliche Nahverkehr nicht wirklich behindertengerecht ausgebaut ist, werden wir nicht ohne Behindertenfahrdienste auskommen können. Sie holen Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer in der Wohnung ab und transportieren sie - bei Bedarf im Rollstuhl sitzend.

Manche sind noch in der Lage, vom Rollstuhl auf einen Autositz umzusetzen, und das ist auf jeden Fall sinnvoll - so ist es nicht nur bequemer (ein Autositz ist nun einmal besser ausgeformt und gepolstert als ein Rollstuhl), es ist vor allem auch sicherer.

Bei vielen Fahrdiensten muß der Fahrgast froh sein, wenn wenigstens der Rollstuhl sicher im Auto verankert wird - sonst rutscht der Rollstuhl beim nächsten Bremsen nach vorn oder bei einer scharfen Kurve in die Ecke. Aber nicht einmal diese Verankerung ist im Alltag überall gewährleistet!

Wenn der Rollstuhl gesichert ist, hilft das dem Menschen im Fall eines Falles wenig: ohne jede Sicherung fliegt er durch den Wagen, knallt gegen irgendwelche Teile. Wo kämen wir hin, wenn Fahrgäste ohne Sicherheitsgurte transportiert werden dürften? Ach nein - wir reden ja von behinderten Fahrgästen, da sieht man das nicht so eng. Immerhin: es gibt inzwischen Fahrzeuge, in denen es wenigstens einen Bauchgurt gibt, und als Sahnehäubchen kursiert das Gerücht, es gebe sogar Dreipunktgurte...

Merkwürdig: obwohl es schon mehrere schwere Unfälle gab, sind diverse Stellen zwar aufmerksam, aber nirgends will man sich auf Vorschriften o.ä. festlegen.

Unser Leser Kurt R.B. Wanke aus Würzburg machte ein paarmal recht unangenehme Erfahrungen und wollte nicht abwarten, bis auch er bei einem Unfall zusätzliche, vermeidbare Verletzungen abbekommen würde. Nach ersten Berichten in Behinderten-Zeitschriften erhielt er Zuschriften über ähnliche, zum Teil sogar weitaus schlimmere Zustände aus anderen Städten.

In Würzburg wurde einer Rollstuhlfahrerin vom Gericht Schadenersatz und Schmerzensgeld in fünfstelliger Größenordnung zugesprochen, weil durch einen groben Fehler des Fahrdienstes ein Unfall mit gravierendem Gesundheitsschaden entstand.

Auch wenn TÜV und ähnliche Stellen nicht gerade durch übergroßen Eifer oder Sorgfalt glänzen, hat sich doch der Leiter des Sozialamtes Würzburg bereiterklärt, wenigstens auf lokaler Ebene für Abhilfe zu sorgen. Nur: Herr Wanke möchte doch bitte die Sicherheitsstandards zusammentragen oder notfalls selbst definieren, an die sich dann die Fahrdienste halten sollen.

Natürlich muß der Rollstuhl selbst sicher im Fahrzeug fixiert werden, und selbstverständlich reicht ein Beckengurt für den Fahrgast nicht aus. Ob allerdings ein Dreipunktgurt (Fixierung einer Schulter) ausreicht? Sollte eher eine sichere Abstützung für den Oberkörper (analog den Autositzen für Kinder) gefordert werden? Was ist zu tun, damit der Fahrgast nicht unter den Gurten hindurchrutscht und mit den Füßen voraus viel weiter vorn landet? Und schließlich: ein Rollstuhl ist für wesentlich niedrigere Geschwindigkeiten konstruiert - wie kann ein Rückhaltesystem zuverlässig funktionieren, das den Rollstuhl nicht als tragendes Element mißbraucht? Schon bei einem Aufprall mit 40 oder 50 km/h treten Kräfte auf, die einen Rollstuhl gnadenlos überfordern. Wie es dem Menschen im Rollstuhl dabei geht, hat leider recht eindrucksvoll die VW-Untersuchung gezeigt (vgl. Para 3/95,S.8).

Schließlich hat sich der Autor bereit erklärt, die Anregungen und Forderungen zu sammeln und zusammenzutragen.

Hannes Heiler