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Schutz vor der Sonderschule


Kommentar Frankfurter Rundschau, 6.8.96

Vor mehr als dreissig Jahren galt die Einrichtung von Sonderschulen ein grosser Fortschritt. Körperlich und geistig Behinderter sollten besonders gefördert und nicht zuletzt vor den Hänseleien nichtbehinderter Schüler geschützt worden. Aus heutiger Sicht stehen sich die Sonderschulen eher als Einrichtungen dar, die zu viele Schueler unnoetig absondern. Zudem haben Behinderte mit Sonderschulabschluss noch schlechtere Berufschancen als aufgrund ihres Handicaps ohnehin.

Aber auch die soziale Inkompetenz der sogenannten Gesunden ist mit dem Ausbau der Sonderschulen gewachsen. Wer weiss schon, wie man sich an einem Fussgaengerueberweg gegenueber einem Rollstuhlfahrer verhalten soll? Wird Hilfe als Entmuendigung empfunden, oder gilt umgekehrt das Ignorieren der Behinderung als Ruecksichtslosigkeit? Wir sind unsicher, weil uns konkrete Erfahrungen im Umgang mit Behinderten fehlen.

In einigen Bundeslaendern gibt es bereits seit laengerem ein Umdenken. Seit vor zwei Jahren der Schutz behinderter Menschen vor Benachteiligung ausdruecklich ins Grundgesetz aufgenommen wurde, haben weitere Laender ihre Schulgesetze geaendert. Die Gerichte scheinen sich jedoch noch teilweise zu sperren. Mit der Karlsruher Entscheidung sind die Chancen Behinderter gewachsen, wann immer es moeglich ist, in Regelschulen integriert zu worden. Zwar hat Baden-Wuerttemberg sein Schulgesetz noch nicht geändert. Hierzu könnte das Land aber gezwungen werden; denn das Land riskiert, daß seine bisherige Praxis wegen Verfassungswidrigkeit gestoppt wird.


Thema: Kommentar zum Verfassungsgerichtsurteil FR 6.8.97
Von: miles-paul@asco.nev.sub.de (Ottmar Miles-Paul)
Datum: Thu, 15 Aug 1996 04:39:00 +0200
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