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Schmerz


Im Grunde ist Schmerz ein wichtiges Signal: Obacht! Da passiert etwas Schädliches! Sei es eine Verletzung, Druck oder Quetschung, sei es eine Entzündung. Schmerz ist ein Signal, das uns auf den Auslöser aufmerksam macht.

Unangenehm ist, daß nach Behebung der Ursache der Schmerz nicht sofort beseitigt ist, sondern mehr oder weniger langsam abklingt.

Doch es gibt auch Schmerzen, die bleiben oder mehr oder weniger regelmäßig wiederkommen. Sie haben keine medizinisch zu bestimmende "Ursache" oder der ursprüngliche Auslöser kann nicht (mehr) behandelt werden, sie können und müssen als eigenständiges Symptom bekämpft werden.

Am bekanntesten sind die sog. Phantom-Schmerzen: einem Beinamputierten tut ein Fuß weh, den er gar nicht mehr hat. Lange Zeit stand man ziemlich ratlos vor diesem Phänomen, und es kostete lange Auseinandersetzungen, bis so etwas überhaupt ernst genommen wurde.

Oft als Phantom-Schmerzen bezeichnet wurden die Schmerzen bei Querschnittlähmung; neuere Forschungen haben aber ergeben, daß es sich dabei um eine eigenständige Form von Schmerzen handelt (die übrigens weiter differenziert werden, je nachdem, ob sie im Lähmungs-Grenzbereich oder im gelähmten Bereich auftreten).

Auf den "Schmerztagen" der 1997 zum dritten Mal veranstalteten zentralen Versammlung von Schmerz-Ärzten, wurde immer wieder referiert, wie es zu chronischen Schmerzen kommen kann: durch sehr intensive Schmerzen wird die Reizleitung (die mit körpereigenen, opiat-ähnlichen Botenstoffen arbeitet) so überreizt, daß sie schon nach kurzer Zeit dauerhaft "erregt" wird - eine Veränderung, die sich nicht vollständig zurückbildet. Schon kleinste Signale reichen daraufhin, neue starke Schmerzsignale auszulösen, obwohl der tatsächliche Anlaß viel geringer ist. Diese Überreizung kann durch frühzeitige Gabe von starken Schmerzmitteln blockiert werden, und wenn sie geschehen ist, können die Schmerzen wenigstens durch Opiate zurückgedrängt werden - chronischer Schmerz muß dauerhaft behandelt werden.

Heute sind wir selbst in Deutschland so weit, daß es ein "Recht auf Schmerzfreiheit" gibt, auch wenn dies bei Lichte betrachtet etwas viel versprochen ist. Immerhin: ein Arzt darf keinen Schmerz-Patienten mehr wegschicken mit dem saloppen Satz, das müsse man eben aushalten. Vielmehr stellt sich je länger desto deutlicher heraus, daß starke, hoch wirksame Schmerzmittel auch mittel- und langfristig eingesetzt werden können und sollen - denn sie haben richtig eingesetzt sehr viel weniger Nebenwirkungen als die "einfachen" Schmerzmittel.

Denn es sind gerade einige "milden", frei verkäuflichen Schmerzmittel, die recht schnell schwere körperliche Nebenwirkungen und Schäden verursachen - insbesondere an den Nieren. Fast ein Viertel der Dialysepatienten hat seine Nieren durch falschen Schmerztablettenkonsum ruiniert!

Die bekanntesten spezifischen Schmerzmittel sind Morphin und Opiate. Lange waren sie verteufelt, wurden bestenfalls Todkranken im Endstadium gegeben. Man hatte Angst davor, Menschen süchtig zu machen, und nicht zufällig fallen diese Stoffe unter das Betäubungsmittel-Gesetz (BTMG). Doch inzwischen wurde nachgewiesen, daß sie bei kontrolliertem Einsatz eben nicht süchtig machen, und da sie sehr viel wirksamer sind als einfache "Schmerztabletten", hat eine sehr viel niedrigere Dosis schmerzstillende oder wenigstens schmerzlindernde Wirkung.

Doch auch heute noch gibt es die Situation: Ärzte sind zu zaghaft, verordnen keine oder zu wenig wirklich wirksame Schmerzmittel - die Patienten erdulden das und nehmen heimlich irgendwelche frei verkäuflichen Schmerztabletten dazu.

Nicht die hochwirksamen Schmerzmittel sind gesundheitsgefährdend, sondern diese per Selbstindikation eingenommenen Aspirin und Co.

Die einfachste Form solche Schmerzmittel einzunehmen, sind Tabletten. Dabei gibt es Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten. Daher gibt es die Möglichkeit, eine kleine Infusionspumpe unter die Haut zu pflanzen, von der die Schmerzmittel direkt ins Rückenmark gegeben werden - der Umweg über Mund und Magen wird dabei eingespart, es gibt weniger Komplikationen (Übelkeit) und man kommt mit viel geringeren Mengen aus. Allerdings sind diese "Schmerzpumpen" recht teuer, sie müssen einzeln bei der Krankenkasse beantragt werden.

Leider gibt es auch heute noch Schmerzen, gegen die auch engagierte Ärzte machtlos sind. Insofern steht das "Recht auf Schmerzfreiheit" manchmal nur auf dem Papier. Natürlich ist die Abgrenzung schwer, wann ein Arzt nicht ausreichend Schmerzmittel einsetzen will und wann er tatsächlich "mit seinem Latein am Ende" ist, also einfach keine weiteren Behandlungsmöglichkeiten mehr zur Verfügung hat - im Zweifelsfall eine schwierige Vertrauenssache.

Festzuhalten ist, daß ein Arzt Schmerztherapie nicht verweigern darf, sonst macht er sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, die strafbar ist. So beruhigend dies manchmal sein mag, so schwierig ist und bleibt die Situation vieler Schmerzpatienten - es gibt mittlerweile ein paar renommierte Behandlungszentren (gerade auch für Schmerz bei Querschnittlähmung), doch die erste Frage ist, wann der "Interessent" denn zu einem Ambulanztermin komme. Da beißt sich manchmal die Katze in den Schwanz, denn schon kurze Fahrten sind für manche Betroffene eine Tortur - wie sollen sie dann mehrere hundert Kilometer bis zum nächsten Spezialisten fahren? Aussichtslos!

Interessanter sind da die Versuche, auch "alternative Heilmethoden" in die Schmerztherapie einzubeziehen. Die Palette reicht dabei von Musik und Tanz bis zu wissenschaftlichen Versuchen, mit Design-Musik Beruhigungsmittel vor Operationen einzusparen. Wie meist, gehören dabei jedoch zwei Dinge dazu: der Betroffene muß einen "Draht" zu dieser Richtung haben, die als Schmerztherapie dienen soll, und es müssen seriöse Therapeuten sein.

Viele Menschen glauben: Wenn ich Schmerzen habe, dann gehe ich zum Doktor, der schreibt mir ein Rezept, und die Tabletten sorgen dann dafür, daß meine Beschwerden aufhören,

Im Grunde ist diese Erwartung ja nicht völlig verkehrt: Das Medizinstudium sollte Ärzten die Kenntnisse vermittelt haben, die sie brauchen, ihre Patienten zu heilen. Und die Medizin ist eine so große, mächtige und aufwendige Fakultät, daß leicht der Glaube entsteht: gegen jedes Wehwehchen haben die das passende Mittel.

Ob das nun ein Stoffwechselproblem ist, ob ich zu dick oder zu dünn bin, ob ich Schmerzen habe... Erst einmal interessiert mich nur, wie ich möglichst schnell, möglichst vollständig und mit möglichst geringem Aufwand meine Symptome loswerde.

Aber leider klappt die Behandlung nicht nach so einem mechanischen Schema.

Das wirksamste Heilmittel: Vertrauen. Ich fand es wirklich erfreulich, daß sich einige Referenten beim Schmerztag 97 ausdrücklich vom Bild der "Halbgötter in Weiß" distanzierten und sich ausdrücklich als Partner verstanden - gerade Schmerz sei nur erfolgreich zu behandeln, wenn Arzt und Patient aktiv zusammenarbeiten.

Doch solche Kooperation kostet viel Zeit, und das ist etwas, was Ärzte heute weniger denn je haben - sie müssen "Abrechnungspunkte" sammeln, ohne zu wissen, was diese Punkte am Ende des Quartals wert sein werden. Auch bei der Zulassung von Schmerzärzten wird im Hintergrund heftig gerungen - der Markt ist enger geworden.

Das Risiko wächst, daß Schmerzpatienten wieder zu den unangenehmen Patienten gerechnet werden, die kein Arzt in seiner Praxis haben möchte.

Schließlich noch ein aktuelles Thema: Autofahren mit Schmerzmitteln?

Offensichtlich wird dieses Thema sehr unterschiedlich gehandhabt. Es gibt Menschen, die können und dürfen autofahren, obwohl sie Opiate gegen Schmerzen nehmen. Anderen wurde der Führerschein eingezogen - offensichtlich herrscht da einige Unsicherheit. In der November-Sendung der Reihe "ARD-Ratgeber Recht" begnügte man sich mit dem weisen Rat: "wer Medikamente nimmt, sollte nicht autofahren". Sehr tröstlich für Menschen, die ständig Schmerzmittel brauchen!

Hannes Heiler


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