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Ergebnisse mehrerer Studien:
Schmerzpatienten auch unter Opioiden fahrtüchtig

(StK) Widersprüchliche Aussagen über die Fahrtüchtigkeit von Schmerzpatienten unter Opioiden (Schmerzmedikamente mit morphinartiger Wirkung) sowie die noch nicht beschlossene gesetzliche Neuregelung des § 24 StVG stellen Arzt und Patient vor eine schwierige Entscheidung: Fahruntüchtigkeit durch Schmerzkrankheit oder Fahruntüchtigkeit durch Medikamente?
"Die klinische Erfahrung zeigt immer wieder", betont Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident des schmerztherapeutischen Kolloquiums, in der "StK-Zeitschrift für angewandte Schmerztherapie", "daß die sensomotorische Leistungsfähigkeit durch chronische Schmerzen und damit verbundenem Schlafmangel wesentlich höher beeinträchtigt ist als durch Medikamente bei einer sinnvollen, konstanten medikamentösen Schmerztherapie."
Dies wird durch etliche internationale Untersuchungen belegt. Demnach ist die Unfallgefahr unter einer Morphindauermedikation bei konstanten Dosen nicht höher als bei Placebogabe (Scheinmedikament), wie Anneli Vainino (Helsinki) nachwies. Bei den viel häufiger eingenommenen Benzodiazepinen (Psychopharmaka aus der Gruppe der Tranquillizer)und trizyklischen Antidepressiva hingegen wächst die Unfallgefahr deutlich.
Auch konnte eine kürzlich in Nürnberg vorgestellte Studie zeigen, daß Patienten unter konstanter Opioidgabe am Fahrsimulator verkehrstüchtiger waren als Probanden unter Benzodiazepinen. Einzelne dieser Schmerzpatienten reagierten sogar besser als Normalpersonen nach Nachtdienst oder Alkoholkonsum.
Unzureichend behandelte Schmerzpatienten weisen vor allem wegen des häufigen Schlafentzuges erheblich beeinträchtigte Fahrtüchtigkeit auf. Einer australischen Studie zufolge sind die kognitiven (wahrnehmenden) psychomotorischen Fähigkeiten nach 17 Stunden Schlafentzug genauso schlecht wie bei einem Blutalkoholpegel von 0,5 Promille.
Als entscheidend in der Praxis bezeichnet Müller-Schwefe die dokumentierte Aufklärung. Der Arzt sollte dem Patienten erläutern, daß vor allem in der Einstellungs- und Umstellungsphase Beeinträchtigungen auftreten. Aber er sollte sogleich auch anklingen lassen, daß die geplante Opioidtherapie bei stabiler Dosierung die oft durch die Grundkrankheit eingeschränkte Fahrtüchtigkeit unter Umständen wiederherstellen kann.
Praktisch bewährt hat sich ein Behandlungsvertrag zwischen Arzt und Patient. In ihm sollten vor allem drei Komponenten enthalten sein:
1. Die Opioidtherapie wird von einem Arzt geplant und durchgeführt. Rezepte werden nur von ihm bezogen.
2. Änderungen der Dosierung und des Präparats erfolgen nur nach Rücksprache mit dem verordnenden Arzt.
3. Fahrerlaubnis besteht nur mit ausdrücklicher und dokumentierter Zustimmung des verordnenden Arztes.
Unter diesen Sicherheitsvorkehrungen ist es "gerechtfertigt", argumentiert Müller-Schwefe, "vielen chronisch Schmerzkranken bei konstanter Opioiddosierung die durch sinnvolle Schmerztherapie neugewonnene Freiheit auch am Steuer eines Fahrzeugs genießen zu lassen".


in: "Signal - Leben mit Krebs", Karl F. Haug Verlag, Hüthig GmbH, Heidelberg, Heft 4/97, 4.Quartal, S.40