BM-Online 

Ein-Euro-Jobs


Sozialhilfeverein redet „Tacheles"
Harsche Kritik an Plänen der Caritas/Verband will an Hartz IV mitwirken und junge Arbeitslose für wenig Geld beschäftigen

von Wolfgang Heininger

Als „Dammbruch" geißelt der Sozialhilfeverein „Tacheles" die Ankündigung der Caritas, arbeitslose Jugendliche im Rahmen von Hartz IV für einen Stundenlohn von einem oder zwei Euro zu beschäftigen. Der Verband verteidigt sein Vorhaben.

Statt gegen den Sozialabbau zu kämpfen, nutze die Caritas den Arbeitszwang für Bezieher des Arbeitslosengeldes (ALG) II für eigene Profitinteressen, kritisiert der „Tacheles"-Vorsitzende Harald Thomè. Ausgerechnet ein Sozialverband arrangiere sich mit den Widrigkeiten des Hartz IV-Gesetzes, obwohl man sich doch bisher im Paritätischen Wohlfahrtsverband einig gewesen sei, das Konzept der Bundesregierung abzulehnen.

Vor allem hätten sich die Sozialverbände bislang dagegen gewandt, dass die Betroffenen zukünftig jeden Job annehmen müssen, erklärte der „Tacheles"-Vertreter weiter. Den Zwang wolle die Caritas jetzt dazu benutzen, preiswerte Arbeitskräfte in den eigenen Häusern zu beschäftigen.

So werde Hartz IV gesellschaftsfähig gemacht. Thomè nennt dies einen „Dammbruch" und forderte den Verband auf, sich von seinen Plänen „sofort wieder zu verabschieden".

Caritas-Sprecher Thomas Broch bestätigt „Überlegungen, auf der Basis des ALG II Arbeitsmöglichkeiten anzubieten", damit sich vor allem Jüngere zur „Stütze" noch einige Euro hinzuverdienen können. Die konkrete Ausgestaltung werde allerdings den Orts- oder Kreisverbänden überlassen.

Es gehe nicht darum, die jungen Leute auszubeuten, betont Broch. Anliegen der Caritas sei es, sie zu beschäftigen, zu qualifizieren und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Außerdem müssten mehrere Bedingungen erfüllt sein. Der Betreffende soll demnach die Auswahl unter mehreren Aufgaben haben. Ihm muss des Weiteren eine Chance zur Weiterqualifizierung geboten werden. Notwendig sei schließlich eine soziale Betreuung. An der Finanzierung solcher Projekte müsse sich die Bundesagentur für Arbeit (BA) angemessen beteiligen.

Als Beispiel für eine derartige Beschäftigung nennt Broch Tätigkeiten in einem Pflegeheim, die „in der Mühle des normalen Alltags zu kurz kommen", etwa die Freizeitgestaltung der Patienten. Dazu könne das Vorlesen für Blinde zählen. Es solle sich nicht um Aufgaben handeln, die von regulären Kräften ausgeführt werden; billiger Ersatz für fehlendes Personal werde nicht gesucht.

Für den Caritas-Sprecher ist die Kritik von „Tacheles" einerseits verständlich. Selbst im eigenen Verband gebe es anderePositionen, auch wenn das Vorhaben insgesamt auf breite Zustimmung gestoßen sei. Broch: „Es gibt nach wie vor eine Meng was uns an Hartz IV nicht gefällt." So sei unzumutbar, dass das Existenzminimum mit dem ALG II nochmals gesenkt werde oder Ältere, „die ein Leben lang gearbeitet haben" ihr Vermögen aufbrauchen müssten, ehe sie Geld vom Staat erhielten.

„Wir können an dem Gesetz nichts mehr ändern", gibt der Caritas-Sprecher jedoch zu bedenken. Deshalb sollten wenigstens die Möglichkeiten der Ausgestaltung genutzt werden. Zum Vorwurf von „Tacheles" die Beschäftigten in solchen Projekten seien noch nicht einmal sozialversichert, sagt Broch, der Verband sehe die Problematik durchaus. Die Caritas nehme die Kritik aber in Kauf, um Jüngere zu fördern und den Arbeitsprozess heranzuführen. Viele Beschäftigungsprogramme seien nur eine Art Drehtür, aus der die meisten wieder herausfielen: „Wir wollen, dass die Menschen einen Fuß in diese Tür kriegen."

Aus: FR vom 28.Juli 2004, Seite 4


BM-Online