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PR0TESTTAG / Gestern auf dem Marktplatz


"Wir können immer noch aus dem Restaurant verwiesen werden"
Behinderte Menschen fordern Gleichstellungsgesetz

"Wir brauchen die Öffentlichkeit, die uns den Rücken stärkt.
Die Zeit des Bitten und Bettelns ist vorbei, wir stellen jetzt konkrete Forderungen."

BAD MERGENTHEIM: Nicht nur in Bad Mergentheim, sondern europaweit machten gestern punkt 12 Uhr Behindertenverbände auf ihre Belange aufmerksam. Mit Pfeifen und Trompeten wurde der Protesttag behinderter Menschen "eingeläutet". "Wir fordern vom Gesetzgeber: Ein Gleichstellungsgesetz, das die Rechte behinderter Menschen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in allen Bereichen sichert."
Organisiert wurde die Aktion auf dem Bad Mergentheimer Marktplatz vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen und dem Bundesverband Selbsthilfe Koerperbehinderter (BSK).
Doch nicht nur durch Lautstärke unterstrichen die Behinderten ihre Forderungen. Sie diskutierten mit den Passanten an einem Informationsstand, baten um Beteiligung bei der Unterschriftenaktion und nagelten symbolisch ihre Thesen an die Rathaustür.
Unter anderem wollten sie, namentlich Forums-Vorsitzende Elke Bartz und BSK-Pressesprecher Peter Reichert, besonders folgendes publik machen: "Was viele nicht wissen - der 1994 ins Grundgesetz aufgenommene Zusatz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden', bedeutet nicht automatisch die Gleichstellung behinderter Menschen. So wirkt sich das Gesetz im privatrechtlichen Bereich nicht aus. Das bedeutet, ein Restaurantbesitzer darf nach wie vor behinderte Menschen allein
wegen ihrer Behinderung aus seinem Lokal verweisen, ohne dafuer rechtlich belangt zu werden. Bauordnungen schreiben immer noch nicht vor, daß barrierefrei und damit für alle zugänglich gebaut werden muß. Außerdem erhalten auch die Betreiber von Verkehrsunternehmen öffentliche Zuschüsse für die kostenlose Beförderung von behinderten Menschen, deren Fahrzeuge aber zum Beispiel für Rollstuhlfahrer überhaupt nicht nutzbar sind.
Diskriminierungen erstrecken sich weiterhin über die Bereiche Schule, Ausbildung, die Absicherung benötigter Assistenzleistungen (Pflege), das Versicherungsrecht und viele andere Bereiche des täglichen Lebens". Deshalb brauche man sowohl ein Gleichstellungsgesetz als auch verschiedene Gesetzesänderungen und Maßnahmen auf Bundes-, Landes- und Kornmunalebene.

Man will so erreichen, dass nicht mehr jeder Ausflug zu einer schier unüberwindbaren Aktion wird. Denn derzeit, so konnte Elke Bartz aus eigener Erfahrung berichten, können viele Unternehmungen nur nach unendlich viel Vorplanung verwirklicht werden. Das fängt schon bei der Frage an: "Kann ich als Rollstuhlfahrerin in diesem oder jenem Wirtshaus ueberhaupt die Toilette erreichen?".
lex
TAUBER-ZEITUNG BAD MERGENTHEIM vom 6. Mai 1999

FORUM SELBSTBESTIMMTER ASSISTENZ BEHINDERTER MENSCHEN E.V.,
Presseschau zum 5.5.99


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