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Meistens nur die Hintertür

Behinderte zeigen die Hürden in der "Weltstadt" auf

Die Lebensräume von Rollstuhlfahrern sind in der "Weltstadt Frankfurt" stark eingeschränkt. Darauf machten Betroffene am Mittwoch im Rahmen des europaweiten Aktionstags für die Gleichstellung von Behinderten mit einem "kleinen Rundgang" aufmerksam.

Treffpunkt Römerberg. Gleich gegenüber der Römer, Zentrum politischer Entscheidungen - für Behinderte nur über Hintertüren zugänglich. Als Harald Reutershahn seiner Frau das Ja-Wort geben wollte, mußte er "von starken Body-Guards" in den Trausaal getragen werden. Die Fraktionszimmer der Römer-Parteien - unerreichbar. Wieder eine dieser Barrieren, die eine aktive Teilnahme am politischen Leben verhindern, so Reutershahn. "Für Menschen mit Behinderungen ist Frankfurt keine Weltmetropole, sondern Provinz", meinte Georg Gabler von der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft (FBAG). Gabler bedauerte, daß sich Politik, Wirtschaft und Medien nicht mit der gleichen Kreativität und Intensität für die Belange von Behinderten engagieren wie für die Imageaufwertung der Stadt.

Zweite Station: das Historische Museum. Dort müssen, wie Reutershahn erklärte, Rollstuhlfahrer klingeln, um dann vom Pförtner über einen Nebeneingang durch "ein Labyrinth" in die Ausstellungsräume geführt zu werden. "Wir wollen kein Leben durch die Hintertür", betonte Reutershahn. Und fuhr hinüber mit seinem elektrischen Rollstuhl zur Bürgerberatung, einem der wenigen "positiven Beispiele" in der Stadt.

Besonders verheerend die Kritik am öffentlichen Personennahverkehr. Vergeblich bemühten sich die Behinderten um einen Platz in der Linie 11: Zwar gehörte die Straßenbahn zu jenen, die über absenkbare Rampen verfügen - "aber die funktionieren nicht", wie ein Sprecher erklärte, während der kleine Demonstrationszug kurzfristig die Schienen blockierte. Die 70 000 behinderten Frankfurterinnen und Frankfurter werden vom öffentlichen Nahverkehr ausgesperrt, hieß es.

In der Merianschule stiegen aus Anlaß des europaweiten Aktionstages Luftballone in den grauen Himmel. Es wurde an die Landesregierung apelliert, den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern nicht zu gefährden. ft

 

Copyright © Frankfurter Rundschau 1999
Erscheinungsdatum 07.05.1999