BM-Online  

Blinde klagen über Diskriminierung durch Fluggesellschaften

Reisende durften nicht ohne "verantwortlichen" Begleiter an Bord / Europäischer Protesttag der Behinderten

Von Gesa Coordes

Blinde, Gehörlose und Rollstuhlfahrer werden als Flugreisende diskriminiert. Das beklagt der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) in Marburg. Anlaß ist der europäische Protesttag der Behinderten am heutigen Mittwoch.

MARBURG, 4. Mai. Laut einer Resolution der "International Air Transport Association", des internationalen Zusammenschlusses der Fluggesellschaften, müssen Hör- und Sehbehinderte nur befördert werden, wenn sie jemand begleitet, der während des Fluges für sie verantwortlich ist. Diese Regelung hat gravierende Auswirkungen, berichtet der Geschäftsführer des DVBS, Andreas Bethke: So wurde einem blinden Richter aus Bremen und seiner ebenfalls blinden Ehefrau, die nach Italien reisen wollten, die Beförderung verweigert. Ebenso erging es dem blinden Direktor des Deutschen Taubblindenwerkes, Wolfgang Angermann, der von Hannover nach Amsterdam fliegen wollte.

Bei Reisen von Nationalteams blinder und gehörloser Sportler gab es gravierende Probleme. Und eine Rollstuhlfahrerin, die von Berlin nach Bonn fliegen wollte, um ausgerechnet an einer Veranstaltung über ein Benachteiligungsverbot Behinderter im Grundgesetz teilzunehmen, sollte zunächst nicht mitgenommen werden.

Bethke faßt den Protest der Behindertenorganisationen zusammen: "Wie Fluggesellschaften hier mit uns umgehen, das empfinden wir als zutiefst diskriminierend." Es widerspreche dem Benachteiligungsverbot des Grundgesetzes und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, wenn Menschen mit Behinderungen vorgeschrieben werde, daß sie nur in Begleitung verreisen dürften, die noch dazu "verantwortlich" für sie sein solle. Bezeichnenderweise gelte die Resolution nicht für Fluggesellschaften aus den USA und Kanada, wo offenbar Antidiskriminierungsgesetze dem entgegenstünden.

Konkrete Beschwerden gab es über die Fluggesellschaften British Airways, KLM und Alitalia. Bei der Deutschen Lufthansa dürfte es nach Auskunft von Pressesprecherin Kerstin Heinen eigentlich keine Probleme geben. In ihren Flugzeugen gelte die Regel, daß Blinde und Taube fast ohne Einschränkung mitfliegen dürften - nur ein über eine Wendeltreppe erreichbares Oberdeck eines Flugzeugtyps ist für sie versperrt. Bei Rollstuhlfahrern ohne Begleitung sei ihre Zahl auf fünf Passagiere pro Maschine begrenzt worden.

Nach den Beobachtungen des DVBS tauchen Schwierigkeiten hauptsächlich in kleinen Flugzeugen mit wenig Bordpersonal auf. Hier gelte häufig die Regelung, daß in jeder Maschine nur ein behinderter Passagier Platz nehmen dürfe.

Eine solche Bestimmung spielte offenbar bei einem Vorfall im Sommer eine Rolle: Bethke und drei Mitglieder der deutschen Goalball-Nationalmannschaft wollten nach einem Wettkampf mit Alitalia von Triest über Mailand nach Düsseldorf fliegen. Einer der vier Sehbehinderten avancierte schließlich zum akzeptierten Begleiter, wahrscheinlich weil er nicht völlig erblindet ist.

Ein Mitreisender sei jedoch unter dem Vorwand aus der Maschine gelockt worden, er müsse sofort einen Arzt im Flughafen aufsuchen. Dort wartete indes kein Arzt. Das Bodenpersonal habe den blinden, der italienischen Sprache nicht mächtigen Sportler vielmehr dazu aufgefordert, auf eigene Kosten einen Tag länger in Triest zu bleiben und erst am nächsten Tag nach Deutschland zurückzufliegen.

 

Copyright © Frankfurter Rundschau 1999
05.05.1999