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Krebserkrankung und der Medizinbetrieb


Diagnose Krebs: Das ist für betroffene Frauen mit Ängsten und Sorgen verbunden. Sibylle Herbert schildert ihre persönlichen Begegnungen mit Ärzten und Schwestern im ganz alltäglichen Medizinbetrieb: Dank besserer Diagnostik und Behandlung steigt die Chance, geheilt zu werden.

Draußen wartet der Nächste

Ärzte und Patienten sprechen verschiedene Sprachen - eine Krebstherapie aus zwei Perspektiven.

VON SIBYLLE HERBERT

„Sie müssen ins Krankenhaus, abklären lassen, was da ist. Es könnte bösartig sein." Das Wort Krebs fällt nicht. Weg ist er. Kein Gespräch. Keine Aufklärung. Ich bin allein. Patientenalltag. „An einem Sprechstundentag habe ich rund sechzig Gespräche zu führen. Die Patientinnen sehen meist nur sich und nicht, wie viele verschiedene Frauen bei mir ein- und ausgehen." Ärztealltag.

Ärzte und Patienten leben in unterschiedlichen Welten, auch wenn sie sich gegenübersitzen. Eigenverantwortung, Selbstbeteiligung, mündiger Patient, Qualitätsstandards - diese Schlagworte der politischen Diskussion wirken sich aus - jeden Tag, in jedem Krankenhaus, bei jeder Begegnung zwischen Ärzten und Patienten.

Diese Erfahrung habe auch ich machen müssen - als Brustkrebspatientin bei meiner zehn Monate währenden Irrfahrt durch den Medizinbetrieb einer Universitätsklinik: Nach dem Schock der Diagnose stellen sich mir unzählige Fragen. Jede dritte Frau bekommt keine optimale Versorgung. Wie kann ich sicherstellen, dass ich nicht dazu gehöre?

Keine Krankenkasse, keine Patientenberatung verschafft Durchblick. Die Ärzte offerieren unterschiedliche Diagnosen und Therapien und machen das Chaos im Kopf perfekt. Welche Therapie ist die richtige? Wie soll ich wissen, welcher Arzt der beste ist? Ich bin außerstande die Tragweite der Entscheidungen zu begreifen, die ich treffen muss.

Das Verwirrspiel geht weiter

Kaum bin ich Patientin der Uniklinik, geht das Verwirrspiel weiter. Ich werde einbestellt, zu den Radiologen geschickt, dann zu den Nuklearmedizinern, später in die Kardiologie, in die Chemotherapie. Es wird gemacht, nicht erklärt, stelle ich ernüchtert fest. Ich lerne, dass Nichtinformation und Unterwerfung zum Krankenhausalltag gehören wie Infusionen und Pflaster. „Wollen Sie ein optimale Therapie?", fragt der Arzt und ich tue brav, was er sagt. Um Einblick in meine Akte zu erhalten, muss ich jedes Mal von neuem kämpfen. Wozu dient dieses Ritual der Erniedrigung? Gehört die Akte zu den Insignien ärztlicher Macht?

Ich lerne in der Klinik einen Arzt nach dem anderen kennen und frage mich, ob man nur als Kassenpatient einen ständigen Wechsel der Ärzte akzeptieren muss? Oder ist es ein Ergebnis von Arbeitszeitordnung und Schichtdienstregelung? Ich fühle mich mit der Zeit immer mehr als Störfaktor eines Produktionsprozesses, der sich verselbständigt hat. Aufklärung? Orientierung? Fehlanzeige. Die Patientenseite kenne ich inzwischen zu Genüge, das Verhalten der anderen Seite ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich frage mich: Machen sich Ärzte, Schwestern, das medizinische Personal eigentlich Gedanken über die Abläufe, Anweisungen und Anordnungen? Die einzige Möglichkeit darauf eine Antwort zu erhalten, ist sie zu fragen.

Ich mache mich also noch einmal auf den Weg, um heraus zu finden, nach welchen Regeln der Medizinbetrieb funktioniert. Die Menschen in Weiß geben bereitwillig Auskunft. Meine Erkrankung ist dabei das Beispiel, um die Defizite unseres Gesundheitswesens aus einer Art Doppelperspektive aufzuzeigen.

Schon ist die Ärztin aus der Tür

Als Patientin ärgere ich mich über die mangelnde Aufklärung: Da ist die Ärztin schon aus der Tür. Ein patientenzentriertes Gespräch habe ich mir anders vorgestellt. Auch die betroffene Ärztin erinnert sich an die Situation: „Ich habe mich bei diesem Aufklärungsgespräch nicht wohl gefühlt", erzählt sie, die dafür zuständig war, mich umfassend über die Wirkungen und Nebenwirkungen einer Chemotherapie aufzuklären: „Ich wollte nicht zeigen, unter welchem Druck ich stand, aber man darf sich da nichts vormachen, das Gegenüber spürt es doch." Sie ist überfordert. Und ich als Patientin bin es auch. Wir reden also miteinander und doch aneinander vorbei.

Auch die anderen Ärzte und Schwestern beklagen die Arbeitsverdichtung, die finanziellen Begrenzungen und die nervende Bürokratie. Alle gemeinsam verbindet das Gefühl, daran wenig ändern zu können.

Eine Ärztin kritisiert den geringen Austausch untereinander: „Informationen von behandelnden Kollegen habe ich nie gesehen." Ein Professor regt sich auf: „Ich bin als Chefarzt mehr damit beschäftigt, die Dokumentation zu überwachen, denn als Arzt tätig zu sein. Als Patientin erfahre ich von all dem nichts, wundere mich nur über die einsamen Entscheidungen, die die Ärzte über meinen Kopf hinweg treffen und ärgere mich so manches Mal, nur als Material und nicht als Mensch wahrgenommen zu werden. Vielleicht sollten sie das Schild Frauenklinik austauschen lassen gegen Frauenreparaturwerkstatt, Brüste, Eierstöcke, Gebärmütter - rund um die Uhr. Runderneuerung und Ersatz.

So berechtigt der Zorn auch sein mag, die „andere Seite" ist genauso unglücklich über viele Abläufe im Medizinalltag. „Ich bemühe mich sehr, einen Arztwechsel in der Chemoambulanz zu vermeiden." Aber: „An der personellen Situation hat sich nichts geändert." Die Macht der Ärzte ist also geringer als in Arztfilmen immer wieder dargestellt wird. Dennoch: Die Ärzte sind dem Betrieb nicht nur ausgeliefert, sie gestalten ihn auch mit. Theoretisch wünschen sie sich einen mündigen Patienten. Aber: „Die angenehmsten und einfachsten Patientinnen wären für mich (die) gewesen, die nichts mit mir besprechen wollen." Manche mögen die Macht: „Ein bisschen genieße ich auch dieses blinde Vertrauen, es tut mir gut und es ist für mich unter anderem das Reizvolle an meinem Beruf." Die meisten bevorzugen konsequent Privatpatienten. Sekretärinnen und Arzthelferinnen dienen so manches Mal als Zerberus, um gesetzlich Versicherten den Einlass zu verwehren: „Sind Sie Kassenpatientin? Dann kann ich ihnen erst in sechs Wochen einen Termin geben." Der Grund: Die Leistungen für gesetzlich Versicherte sind „gedeckelt"! Das heißt: „Wir können nur eine bestimmte Zahl von Patienten im Quartal behandeln." So nimmt man lieber die, die mehr einbringen.

Absurditäten im Gesundheitswesen

All das zeigt: Ärzte und Patienten bewegen sich in einem Medizinbetrieb, der von der Politik maßgeblich mit gestaltet wird. Wie sagt ein Arzt: „Da habe ich eine Kassenpatientin. Sie braucht eigentlich eine Kernspinaufnahme (der Brust). Die Kasse bezahlt diese ambulante Leistung aber nicht." Krankenhäuser dürfen nur stationär, nicht ambulant behandeln. Für die Patienten ist das nicht von Vorteil: „Die Verzahnung zwischen stationärem und ambulantem Bereich lässt ziemlich zu wünschen übrig. Auf der Strecke bleibt letztlich der Patient." Die Absurdität des Gesundheitswesens geht sogar so weit, dass manchmal Krankenhäuser besser dastehen, die unnötigerweise operieren als diejenigen, die solche Operationen verhindern. Ein Onkologe: „Wenn ich eine Biopsie mache - ambulant, dann bekommt die Klinik dafür alles in allem 250 Euro und jetzt wird es zynisch. Wenn ein Arzt sagt: „Eine ambulante Biopsie ist nicht möglich; dann liegt die Frau eins, zwei, drei, auf dem Operationstisch. Das kostet die Krankenkasse dann 2500 Euro und nicht 250 Euro. Und siehe da: plötzlich rechnet sich die ‚Sache' für das Krankenhaus. Leidtragende ist die ‚Sache' - also die Frau."

Wissen hilft Überleben

Nun wird so mancher Patient sagen: „Das will ich gar nicht alles wissen." Verständlich. Aber werden die Gefahren geringer, in diesem Medizinbetrieb unterzugehen, wenn man die Augen vor den Um- und Missständen verschließt? Auch ich habe mir, als ich behandelt wurde, in meinem Innern einen väterlichen Arzt gewünscht, der sagt: „Sorge Dich nicht, ich mache Dich gesund." Doch - so ein Professor: „Einen solchen Arzt werden sie nicht mehr finden, weil es ihn nicht mehr gibt." Blindes Vertrauen ist nicht angebracht. Sein Tipp: „Jede Frau sollte sich Zeit nehmen, sich sachkundig zu machen und überprüfen: Stimmt das, was dieser Arzt mir erzählt? Einen anderen Weg sehe ich nicht." Bei der Diagnose, bei der Therapie, bei der Operation - überall können Fehler gemacht werden. Das gehört zur Medizin und zu den Medizinern. „Die Frauen müssen das Glück haben an den Richtigen zu geraten, der etwas von seinem Fach versteht, das gilt für die Diagnose, Therapie, Operation und Nachsorge' ist die Erfahrung eines Onkologen. Auch hei anderen Krankheiten hängt das Überleben nicht nur, aber auch von Glück ab - sei es nun bei Schlaganfall oder Herzerkrankungen.

Was man braucht, ist Glück

Die Sicht der Menschen in Weiß ist also für mich nicht mehr ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe viel begriffen von den Abläufen in unseren Krankenhäusern. Viel gelernt über die Begrenztheit medizinischen Wissens. Es gibt keine Sicherheit keine Erfolgsgarantie, keine Unfehlbarkeit. Da mag man sich noch so viele grauhaarige Chefärzte an seine Seite herbeiwünschen.

Es gibt folglich keinen anderen Weg, als dass Patienten für sich, für ihr Leben und ihre Krankheit Verantwortung übernehmen. Qualitätsstandards und -Programme werden in Zukunft - hoffentlich - das Niveau der medizinischen Versorgung verbessern, aber werden die Abläufe dadurch menschlicher, unbürokratischer, transparenter?

Das ärztliche Personal und die Politik müssen den Medizinalltag hinterfragen, hierarchische Strukturen aufbrechen, Informationsdefizite abbauen - und den Patienten ernst nehmen. Dessen Körper ist nämlich weder Eigentum des Arztes, noch sind Patienten nur dazu da, Beifall zu klatschen. Überleben ist und bleibt sicherlich Glücksache. Nicht nur bei Krebs, sondern immer, wenn man schwer krank ist. Aber die Wahrscheinlichkeit bei diesem Glücksspiel zu verlieren - die kann man deutlich verringern.

Aus: FR vom 5. Juli 2005, S. 25


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