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Individuelle Gesundheitsleistungen


Geschäfte in der Arztpraxis

Mediziner versuchen vermehrt, Patienten „individuelle Gesundheitsleistungen" zu verkaufen - die oft unnötig sind

„Ich bin gesetzlich krankenversichert und lasse mich alle zwei Jahre von meinem Hausarzt durchchecken. Jedes Mal weist er mich darauf hin, dass die Kasse nur wenig übernehme, beispielsweise bei der Blutuntersuchung nur die Erhebung des Gesamt-Blutfettwerts. Auch ein Belastungs-EKG übernehme die Kasse nicht. Das stellt er mir dann privat in Rechnung. Ist das in Ordnung?" Das fragt eine FR-Leserin aus Köln. Anfragen an die Frankfurter Rundschau zum Arbeits- und Sozialrecht Antworten von Hans Nakielski

Die von Ihnen angesprochenen Dinge gehören tatsächlich nicht zu den Standard-Vorsorgeleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Wenn Sie wenigstens 35 Jahre alt und gesetzlich krankenversichert sind, haben Sie alle zwei Jahre Anspruch auf den „Check-up 35". Mit der Untersuchung bestimmt der Arzt beispielsweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus oder Nierenerkrankungen. Was zum regelmäßigen Check gehört, hat der „Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen" beschlossen. Nach seinen Richtlinien „über die Gesundheitsuntersuchung zur Früherkennung von Krankheiten« beinhaltet er - neben einem ausführlichen Arztgespräch - eine eingehende körperliche Untersuchung einschließlich Blutdruckmessung sowie eine Laboruntersuchung von Blut- und Urin-Proben. Elektrokardiogramm (EKG) und Belastungs-EKG sind im regelmäßigen Check nicht enthalten - ebenso wenig wie eine differenzierte Analyse der Blutfettwerte. Der Bundesausschuss hält es für wissenschaftlich nicht belegt, dass die Untersuchungen für alle Patienten nötig sind. Als gesetzlich Krankenversicherte müssen Sie die daher selbst bezahlen. Die Behandlung gilt als „individuelle Gesundheitsleistung" kurz Igel.

Immer öfter bieten Ärzte gesetzlich krankenversicherten Patienten die Zusatzleistungen an. Im Jahr 2001 erhielten nur neun Prozent der gesetzlich Versicherten ein solches Angebot; im Jahr 2004 hat sich der Anteil auf 23 Prozent erhöht. Das hat das Wissenschaftliche Institut der AOK ermittelt. Die AOK und andere gesetzliche Kassen halten viele Igel-Leistungen, die Ärzte anbieten, für „schlicht überflüssig". Fachleute wie die Gesundheitswissenschaftlerin Professorin Petra Kolip von der Universität Bremen warnen Patienten davor, sich „solche Untersuchungen von Ärzten aufschwätzen zu lassen". Viele Ärzte hätten die Zusatzleistungen als Geschäftsfeld entdeckt und ließen sich im Verkauf solcher Angebote schulen. Für Kolip liegt der Verdacht nahe, dass manche Igel-Leistung der Auslastung medizinischer Geräte diene - und etwa ein „ungezieltes Belastungs-EKG lediglich auf die Belastung des Patienten-Geldbeutels" zielt.

Anderes gilt, wenn sich beim Standard-Check-up oder sonstigen Arztbesuchen Warnsignale zeigen. Dann übernehmen die Kassen weitere Untersuchungen - wie ein Belastungs-EKG. Denn grundsätzlich müssen die Kassen für sämtliche Leistungen aufkommen, die als medizinisch nötig eingestuft werden. Ausschlaggebend dafür ist die „medizinische Indikation". Wenn der Gesamt-Blutfettwert erhöht ist, kann der Arzt also sofort detailliertere Analysen vornehmen lassen.

Wenn Sie also das nächste Mal einen Check-up machen lassen, sollten Sie Ihren Arzt fragen, warum er bestimmte Untersuchungen für nötig hält, die über den von der Kasse bezahlten Rahmen hinausgehen. Falls er Ihnen nur mit allgemeinen Floskeln („für alle Fälle", ,„man will ja hinterher nichts falsch gemacht haben") antwortet, sollten Sie darauf bestehen, dass er nur den Standard-Check anwendet, den die Kasse trägt. Kolip rät Patienten zu mehr Selbstbewusstsein und Kundenorientierung beim Arzt: „Beim Schreiner bestellen Sie ja auch keinen Extra-Schrank, nur damit dessen Maschinen ausgelastet sind."

Selbstbewusstsein ist ebenso gefragt, wenn Sie sich doch entscheiden, Igel-Leistungen in Anspruch zu nehmen. Denn Ihr Arzt hat bei der Rechnungsstellung im Rahmen der Gebührenordnung für Ärzte oder Zahnärzte ziemliche Freiräume. Deshalb lohnt es sich in jedem Fall, vorab genau den Preis abzusprechen und gegebenenfalls von anderen Ärzten Alternativangebote einzuholen - wie es beim Umgang mit Handwerkern auch üblich ist.

WEITERE INFORMATIONEN

• Zusätzliche Untersuchungen gegen Privatrechnung florieren. Zugleich ist der Markt wenig transparent, eine systematische Qualitätssicherung fehlt. Umso wichtiger ist es, dass Patienten ihrem Arzt gut informiert gegenübertreten. Dabei hilft der Ratgeber „Patiententipps für den Arztbesuch", der für 7,80 Euro zuzüglich 2,50 Euro Versandkosten bei der Verbraucher-Zentrale NRW, Mintropstraße 27, 40215 Düsseldorf, bezogen werden kann. E-Mail-Adresse: publikationen@vz-nrw.de.

nak


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