DER BLICK IN DIE EIGENE AKTE

Patienten darf die Einsicht in ihre Behandlungsunterlagen nicht verwehrt werden

Von Rolf Matussek

Hatten Sie schon mal das Bedürfnis, in Ihre Krankenakte zu schauen und sich einen Überblick über das zu verschaffen, was über Sie an Daten und Befunden zusammengetragen wurde? Wenn Sie glauben, Sie ,,dürften" das nicht, sind Sie im Irrtum: Das Recht ist ganz auf Ihrer Seite.

Die Diagnose einer Krebserkrankung führt bei den Betroffenen in der Regel zu einer grundlegenden Änderung des üblichen Tagesablaufes. Bedingt wird dies unter anderem durch die notwendigen Arztbesuche für Untersuchungen und Behandlungen, die auch nach einem eventuellen Krankenhausaufenthalt in einer bald zur Gewohnheit werdenden Vielzahl in das tägliche Leben eingreifen.

Mit der Zeit und den vielen Terminen bei Chirurgen, Internisten, Radiologen etc. wächst die Krankengeschichte des Patienten in einem erstaunlich schnellen Maße bis zur absoluten Unübersichtlichkeit an. Dabei werden viele grundlegende Untersuchungen mehrfach durchgeführt, was nicht nur lästig und zeitaufwendig, sondern - zum Beispiel bei unnötigen Wiederholungen von Röntgenaufnahmen - auch gesundheitsschädlich ist.

Da sich zudem viele Betroffene häufig nur noch als ,,Behandlungsobjekt" fühlen, wenn sie von Arzt zu Arzt geschickt werden, entsteht spätestens an diesem Punkt das Bedürfnis, sich intensiver mit den Diagnosen und Befunden der einzelnen Ärzte zu beschäftigen. Zum einen, um nicht nur willenlos als Objekt von einem Mediziner zum nächsten überwiesen zu werden, ohne dabei jemals über die Einzelheiten des Weshalb und Warum informiert zu werden; zum anderen, um selbstverständlich auch bei der Behandlung und den bestehenden Alternativen mitreden zu können. Ohne die hierfür erforderlichen Informationen über die Krankheit und deren Verlauf ist das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen auch über die Art seiner Behandlung erheblich eingeschränkt.

Dies muß jedoch nicht so sein. Jeder Patient hat das grundsätzliche Recht, über die Krankheit und ihren Verlauf von den ihn behandelnden Ärzten informiert zu werden. Sicherlich sind dabei viele im direkten Gespräch mit dem Arzt überfordert, schon weil ihnen die erforderlichen medizinischen Fachkenntnisse fehlen, um die Informationen zu verstehen. Auch haben viele Ärzte nicht die nötige Zeit, sich mit dem einzelnen

Patienten ausführlich zu besprechen, so daß entsprechende Erläuterungen häufig zu knapp ausfallen und den vom Arzt - zum Beispiel für eine Überweisung - erstellten Untersuchungs- und Behandlungsberichten erheblich mehr Informationen zu entnehmen sind.

Bei Weigerung nicht einschüchtern lassen

So erscheint es in vielen Fällen sinnvoll, wenn der Patient persönlich über die ihn betreffenden Behandlungsunterlagen verfügen kann. Es soll jedoch immer noch vorkommen, daß ihm der Einblick in seine Patientenunterlagen durch den niedergelassenen Arzt bzw. das Krankenhaus nicht freiwillig gewährt wird. Sich von einer derartigen Weigerung einschüchtern zu lassen, wäre aber falsch: Der betroffene Patient hat grundsätzlich ein Recht auf Einsicht in die Behandlungsunterlagen.

Der behandelnde Arzt ist aus seinem Vertrag mit dem Patienten nicht nur zu einer dem allgemeinmedizinischen Standard entsprechenden Behandlung verpflichtet, sondern daneben auch zur Erstellung einer Dokumentation über die Behandlung. Hierzu gehört das Anlegen von Krankenblättern, aus denen sich die wichtigsten Daten der Krankengeschichte (Anamnese), der Diagnose und der Therapie sowie deren Ergebnisse ergeben. Aus dieser Dokumentation muß der Krankheitsverlauf nachvollziehbar sein.

Erst durch die Dokumentationspflicht hat der Patient die Möglichkeit, das Behandlungsgeschehen aus der Sicht des Arztes oder des Krankenhauses nachzuvollziehen und sich selbst über Behandlungsalternativen Gedanken zu machen.

Lange Zeit wurde das Recht des Patienten auf Einsicht in seine Behandlungsunterlagen verneint. Seit den 80er Jahren hat sich jedoch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes dahingehend gefestigt, daß dem Patienten ein Recht auf Einsicht in die ihn betreffenden vollständigen Behandlungsunterlagen zusteht. Dem Patienten müssen die objektiven Feststellungen über seine körperliche Befindlichkeit sowie die Aufzeichnungen über die Umstände und den Verlauf der ihm zuteil gewordenen Behandlung zugänglich gemacht werden.

Ausgeschlossen werden können solche Teile der Behandlungsunterlagen, an deren Kenntnis der Patient kein berechtigtes Interesse hat (zum Beispiel Geschäftsgeheimnisse) oder die nicht nur über das Tun im Rahmen der Behandlung, sondern auch über die sachliche oder gar persönliche Motivation des Arztes Aufschluß geben. Weitere Ausnahmen von dem Recht auf Einsicht in die Behandlungsunterlagen ergeben sich für den Bereich Psychiatrie.

Der Anspruch auf Akteneinsicht bedeutet aber nicht, daß die Originalunterlagen dem Patienten zur Verfügung gestellt werden müssen: Diese können lediglich vor Ort eingesehen werden. Es besteht dagegen ein Recht auf Überlassung von entsprechenden Fotokopien, deren Kosten zu übernehmen sind. In der Praxis hat es sich insoweit bewährt, wenn bei der Anforderung der Behandlungsunterlagen direkt die Übernahme der Kopierkosten zugesagt wird. Wird diese abhängig vom Umfang der Patientenunterlagen, zum Beispiel dann, wenn auch viele Röntgenbilder vorliegen und Kosten in nicht unerheblicher Höhe entstehen, empfiehlt es sich, zur Vermeidung von späteren Überraschungen die in etwa anfallenden Kosten vorab zu erfragen.

Hat der Betroffene die Unterlagen von den ihn bisher behandelnden und untersuchenden Ärzten erhalten, können diese nicht nur der eigenen Information und Orientierung dienen. Vielmehr kann er mit ihrer Hilfe auch häufig dann, wenn die Konsultation weiterer Ärzte erforderlich wird, diesen beim ersten Besuch mit einem Blick in die Unterlagen die Möglichkeit geben, insbesondere zeit- und kostenintensive Untersuchungen wie zum Beispiel durch die Fertigung zusätzlicher Röntgenaufnahmen zu vermeiden.

Der Autor:

Rolf Matussek ist Rechtsanwalt mit

dem Tätigkeitsschwerpunkt Gesetzliche und Private Krankenversicherung.

Anschrift: Reitling 3, 38228 Salzgitter

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