Sozialmedizin der Universität Leipzig bezieht Betroffene in

die Studentenausbildung ein

Dialyseverband Sachsen ist dabei

Ganz gleich ob die Diagnose Krebs oder Rheuma, Blindheit, Nierenversagen, Asthma, oder Osteoporose heißt - oft mangelt es den Ärzten an Verständnis, was das Leben mit einem solchen Leiden für den Betroffenen über die medizinische Seite hinaus bedeutet. Bei der Ausbildung vermitteln die klinischen Fächer zwar fundiertes Wissen zu den einzelnen Krankheitsbildern, ein ganzheitlicher oder lebensweltlicher Ansatz fehlt aber weitgehend. Um an gehenden Ärzten die anstehenden Probleme näherzubringen, wird seit zwei Jahren an der Universität Leipzig bei der Medizinerausbildung im Fach Sozialmedizin ein neuer Weg beschritten: Neben der Vorlesung wurde ein sozialmedizinisches Praktikum eingeführt, welches unter dem Thema »Leben mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und psychosozialen Problemen« steht. Dieses Praktikum beinhaltet als Schwerpunkt einen Hospitationstermin für kleine Studentengruppen bei Behinderten verbänden und Selbsthilfegruppen aus der Region. Zusätzlich finden Seminare und Fxpertenvorträge von Praxisvertretern statt.

Während der Hospitationen sammelten die Studenten Erfabrungen, die in keinem Lehrbuch stehen. So sprachen die Mitglieder der Sebsthilfegruppen erstaunlich offen über ihre Situation nach Bekanntwerden der Krankheit: über persönliche Gefühle; über auftauchende Probleme in der Familie, über Angst um den Arbeitsplatz und die Unkenntnis bei bürokratischen Angelegenheiten usw. Damit wurde den künftigen Ärzten recht deutlich gemacht, wie wichtig es ist, daß sie als unmittelbare Vertrauens- und Ansprechpartner von Patienten über Hilfs- und Sozialangebote Bescheid wissen. Zum anderen kamen viele Studenten durch die Gespräche zu der Erkenntnis, daß zur Bewältigung der Probleme eines Lebens mit Handicaps die Arbeit von Selbsthilfegruppen von unschätzbarem Wert ist.

Das sozialmedizinische Praktikum hätte nicht mit so positiver Resonanz bei den Studenten durchgeführt werden können, wenn uns die etwa 70 angesprochenen Gruppen nicht so engagiert unterstützt hätten. Eine besonders gute Zusammenarbeit, die inzwischen sogar über das ursprüngliche Konzept hinausgeht, entwickelte sich mit dem Dialyseverband Sachsen e.V. unter Leitung seiner Vorsitzenden, Frau Annegret Bresch.

Frau Bresch, seit vielen Jahren selbst Dialysepatientin, sowie Mitpatienten beziehungsweise erfolgreich transplantierte Patienten schilderten den künftigen Medizinern sehr anschaulich die auftretenden Probleme und Schwierigkeiten, denen ein nierenkranker Mensch ausgesetzt ist. Den Studenten wurde in eindrucksvoller Weise vermittelt, was es heißt, »dreimal pro Woche abhängig zu sein von einer Maschine, einer Maschine, mit deren Hilfe ein Weiterleben überhaupt nur möglich ist;

Die Mitglieder des Dialyseverbandes umrissen darüber hinaus die Bedeutung des Zusammenschlusses mehrerer Betroffener, da der Einzelne kaum in der Lage ist, sich neben den Belastungen, denen er infolge seiner Krankheit ausgesetzt ist, in dem undurchdringlichen Dschungel staatlicher oder kassenärztlicher Vorschriften zurechtzufinden. Wie leicht kann man sich darin verirren und dahei mögliche Hilfen verpassen, wodurch die so schon schwierige Situation weiter verschlechtert wird.

Außerdem wurde die wichtige Thematik Organspende angesprochen und zum Überlegen angeregt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es wurde verständlich gemacht, daß man nicht von jedem Menschen erwarten kann, sich als Spender zur Verfügung zu stellen. Man kann jedoch von jedem erwarten, daß er sich mit der Problematik nicht verdrängt, sondern eine bewußte Entscheidung fällt. Aus den vielen und einfühlsamen Fragen der Studenten ging hervor, wie sehr sie von dem Einblick in das Lehen mit Dialyse und Transplantation beeindruckt waren.

Das Fazit, das die Studenten aus dieser Begegnung zogen, spricht für sich: »Uns wurde in diesem Gespräch klar, wie schwer es ist, mit einer chronischen Krankheit zu leben. Wir erkannten, daß gerade bei einer solchen Krankheit wie Dialysepflichtigkeit Optimismus, Wille des Patienten, Glück, ein intaktes soziales Umfeld sowie ein liebevoller Partner sehr wichtig sind. Wir haben aber auch gesehen, wie wichtig für den Kranken die Bezugsperson Arzt sein kann und welche Verantwortung dieser gegenüber dem Erkrankten besitzt. Wir können somit in unserem späteren Berufsleben bei der Begegnung mit chronisch erkrankten Patienten durch Einfühlsamkeit helfen, ihren Leidensweg erträglicher zu gestalten.« (Studentenbericht von Lehmann et al.)

»Während unseres Gesprächs lernten wir fünf Menschen kennen, die uns offen und ehrlich von ihren Alltagsproblemen berichteten. Sie zeigten uns, daß es für sie sehr wichtig ist, ein vertrauensvolles Verhältnis zum Arzt zu haben; daß der Arzt nicht nur die Krankheit behandeln soll, sondern daß er auch Zeit haben muß, zuhören können muß und bestenfalls ein Freund des Patienten sein sollte. Wir wurden zum Nachdenken angeregt, bemerkten, wie vielschichtig und kompliziert die Problematik von chronisch Kranken ist. Wir sahen, wie wichtig es für die Patienten ist, als ganze Persönlichkeit und nicht nur als Diagnose behandelt zu werden. Wir glauben, daß das Gespräch eine gelungene Veranstaltung war, die uns sensibel für unsere spätere Tätigkeit gemacht hat. « (Studentenbericht von Beck und Dragheim).

»Im Gespräch mit den Vertretern des Dialyseverbandes lernten wir Menschen kennen, die mit viel Mut, Willenskraft und Optimismus versuchen, den Alltag mit ihrer Krankheit zu meistern. All die gewonnenen Eindrücke werden in unserem späteren Beruf von großem Nutzen sein. Für die bewegende Darstellung ihrer Gefühle, Gedanken und Probleme möchten wir uns herzlich bedanken.«

(Prctktikumsbericht der Studenten Krostewitz, Orban und Vodel)

Dr Steffi Riedel

"der dialysepatient", Heft 1/98, S. 25 ff)