Der Tod sollte mehr zum Leben gehören

Eine Organisation mit Vorbild-Charakter: ,,Home Care" in Berlin

Von Margrit Himmel-Lehnhoff

Es gehört zu den schwersten Augenblikken im Leben eines Menschen, wenn er erfährt, daß er unheilbar krank ist. Die Angst vor Leiden und Sterben und vor den Ungewißheiten der noch verbleibenden Zeit belasten den Kranken und seine Angehörigen in ganz ungewöhnlichem Maße. Aus Hilflosigkeit erwächst bei vielen Menschen dann die Tendenz, Krankheit und Tod aus dem Bewußtsein zu verdrängen.

Und wenn sie plötzlich da sind, die letzten Lebenstage, ist niemand auf den Abschied wirklich vorbereitet, wird der Patient oft noch eilig in ein Krankenhaus abgeschoben.

Genau das möchte ,,Home Care" verhindern. Bei diesem Unternehmen handelt es sich um ein bislang einmaliges Projekt von zehn Berliner Ärzten, die dafür sorgen, daß schwerstkranke Krebspatienten bis zum letzten Atemzug gut versorgt und schmerzfrei zu Hause bei den Angehörigen bleiben können. Damit wird ihnen ein Höchstmaß an Unabhängigkeit garantiert. Dies gilt vor allen Dingen auch dann, wenn die Patienten nicht mehr in der Lage sind, ihren Haushalt, das Essen und die täglichen Dinge des Lebens selbst zu erledigen, sondern mehr und mehr auf medizinische und pflegerische Hilfe angewiesen sind.

Home-Care-Ärzte sind immer auf den Ernstfall vorbereitet, sie haben eine spezielle Ausbildung in der Palliativmedizin. Mit anderen Worten: Sie halten die schwerstkranken Tumorpatienten schmerzfrei, kümmern sich um ausreichende Flüssigkeitsversorgung und entsprechende Ernährung notfalls über eine Sonde direkt in den Magen. Und sie nehmen sich Zeit, sind 24 Stunden am Tag erreichbar. Es gibt keinen Besuch, der nicht mindestens eine halbe Stunde, oft aber länger dauert. Die Mediziner kommen auch mehrmals am Tag, wenn sie gerufen werden, trösten, sprechen Mut zu, kümmern sich um die Angehörigen und sorgen letztendlich dafür, daß - bei Bedarf - der Pflegedienst in den letzten Lebenstagen rund um die Uhr für den Tumorpatienten sorgt.

So zum Beispiel bei Heinrich W. Der 58jährige ist an einem Tumor im Hals erkrankt. Ohne ,,Home Care" und den Pflegedienst wäre der Alltag zu Hause nicht zu bewältigen. Der Mann hat Angst, weint oft. Mehr als die Geschwulst steril zu halten und die Schmerzen zu nehmen, kann nicht mehr getan werden. Die Tage von Heinrich W. sind gezählt. Sein Körper ist voller Metastasen.

,,Home-Care-Arzt Stephan Putz, der den todkranken Mann betreut, seit er nach seiner letzten Chemotherapie aus dem Krankenhaus kam, weiß, daß jetzt die letzten Dinge geregelt werden müssen. Heinrich W. lebt seit vielen Jahren mit einer Freundin zusammen. Wenn er stirbt, ist die Frau materiell nicht versorgt. Putz regt eine Nothochzeit an. Zehn Tage später, kurz nach der Trauung, stirbt Heinrich W. - ohne Schmerzen.

Die Versorgung daheim ist immer noch die Ausnahme und überhaupt erst möglich, seit es ,,Home-Care" gibt. Durch diese Organisation bekommt der Schwerstkranke eine Lebensqualität, wie sie niemals von einem Krankenhaus gewährleistet werden kann. Er entscheidet, wann er Ruhe haben möchte, was und wann er essen will, und ob seine Haustiere bei ihm sein dürfen oder nicht. Mit anderen Worten: er bestimmt sein Leben selbst - so kurz und traurig es zum Schluß auch sein mag. ,,Die Home-Care-Idee", erläutert Stephan Putz, ,,ist sehr einfach: Das Leben da beenden, wo die Patienten es wollen."

So auch Christa B. Die 61jährige leidet unter Lungen- und Knochenkrebs im Endstadium. Stephan Putz ist ihr in den letzten Wochen neben Ehemann und Sohn engster Vertrauter überhaupt geworden. An diesem Tag geht es ihr besonders schlecht. Die Schmerzen unter der linken Rippe haben sich seit gestern verstärkt. Sie weint, als sie den Arzt sieht, sagt: ,,Herr Doktor, wir wissen doch beide, ich hab nicht mehr viel Zeit..." Putz unterbricht sie, wirft ein: ..... und die machen wir uns so schön wie möglich." Die schwerkranke Tumorpatientin weiß, daß alles medizinisch Notwendige für sie getan wird, daß sie trotz ihrer Krankheit nicht in ein Krankenhaus muß. Wichtig ist ihr, mit Mann und Sohn zusammenzusein. Sie schluchzt: ,,Ich bin bei meiner Familie. Wir waren noch nie getrennt. Ich möchte auch hier zu Hause sterben." Zwei Wochen später ist es soweit. Arzt, Ehemann und Sohn sind bei ihr, als sie diese Welt ohne Schmerzen verläßt.

Für den Gründer von ,,Home Care", den Krebsarzt Bernd-Rüdiger Suchy, ist die Selbstbestimmung für die Patienten ,,bis in die Finalphase das Wichtigste überhaupt".

Dabei spielt die Kostenfrage natürlich auch eine Rolle. Die meisten Krankenhäuser sind strukturell nicht für die Versorgung Sterbender eingerichtet. Man bringt sie auf die Intensivstation, weil nur ganz wenige Kliniken bislang eine Palliativstation haben, wo die Todkranken schmerzfrei und in Anwesenheit der Angehörigen die letzten Stunden zusammenbleiben dürfen. Von einem Verbleiben der Angehörigen nach dem Eintritt des Todes ganz zu schweigen. Ihnen gewährt man kaum mehr als zehn Minuten Zeit, um sich von dem geliebten Menschen für immer zu verabschieden.

So hat es lange gedauert und brauchte viel Überzeugungsarbeit, bis eine Übereinkunft zwischen ,,Home Care" und den gesetzlichen Krankenkassen erzielt worden ist. Inzwischen dürfen ,,Home Care"-Ärzte nach einer speziell für sie eingerichteten Gebührenziffer abrechnen. Anders wäre die 24-Stunden-Betreuung, die jederzeitige Erreichbarkeit allerdings auch nicht zu bewerkstelligen. Der Onkologe Suchy weiß: ,,Das heißt allerdings nicht, daß wir die Krebskranken unter allen Umständen zu Hause halten. Wo es aus medizinischen Gründen unerläßlich ist oder der Patient und seine Angehörigen es wünschen, wird selbstverständlich in ein Krankenhaus eingewiesen." In diesem Zusammenhang betont der Mediziner, daß die Angehörigen zwar in Pflege und Versorgung des Tumorkranken einbezogen, aber niemals für medizinische Belange eingesetzt werden oder gar verantwortlich sind.

Doch nicht nur für Patienten, die noch mit einem, Partner, einer Partnerin oder im Familienverbund zu Hause leben, sind die Palliativärzte da, wenn es gewünscht wird - jeder fünfte Betroffene der durchschnittlich 600 Patienten jährlich ist Single. Damit bestätigt sich die Erfahrung, daß sogar die Alleinlebenden lieber die letzten Tage in ihrer vertrauten Umgebung als in einer Klinik verbringen möchten.

Jeder ,,Home-Care"-Arzt versorgt rund 20 Patienten. Zur Zeit ist der älteste Patient 92 Jahre alt, die jüngste ist 24 Jahre alt. Dr. Putz ist seit knapp fünf Jahren dabei, fährt - wie seine Kollegen - oft über hundert Kilometer durch die total verstopfte Großstadt Berlin, doch Ermüdungserscheinungen oder Ungeduld sind ihm entweder fremd oder er zeigt sie nicht. Im Gegenteil, selbst wenn nach dem härtesten Tag noch nachts das Telefon klingelt, ist er verständnisvoll, ermutigt die Betroffenen sogar, immer dann anzurufen, wenn seelische Not oder körperliche Schmerzen da sind. ,,Denn", so Putz, ,,die meisten sind ohnehin viel zu bescheiden, meinen oft: ,Herr Doktor. Ich kann Sie doch nicht wegen jeder Kleinigkeit stören.' Dabei hat doch jeder sein eigenes Sterben, erleidet seine eigene Not."

Wie an diesem Abend: Lena, 24, wählt die Telefonnummer von Alexander Hass an. Leise und unsicher bringt sie kaum zusammenhängende Worte hervor, die ihr Arzt sofort als Hilferuf deutet. Wenig später ist er bei ihr. Das blasse dunkelhaarige Mädchen sitzt, in eine warme Decke gehüllt, in einem großen Sessel. Neben sich medizinische Geräte, die mit einem durchsichtigen Schlauch direkt in den rechten Arm der Patienten führen. Lena ist krebskrank, man hat ihr das rechte Bein amputieren müssen. Früher, in gesunden Tagen, hatte sie Jura studiert, wollte Journalistin werden. Manchmal spricht sie noch von dieser Zeit: ,,Damals dachte ich immer, ja, wenn man mich liebt, muß ich ganz toll sein, dann muß ich super gut aussehen, studieren, eine Wohnung haben, muß alles tiptopp sein", erzählt sie mit leiser Stimme. ,,Doch da wurde ich gar nicht so sehr geliebt. Und jetzt bin ich völlig unperfekt, todkrank, habe nur noch ein Bein und bekomme sehr, sehr viel - vielleicht nicht gerade Liebe, aber Zuwendung und Zärtlichkeit". Dabei blickt sie auf ihren Vater, der seit ihrer Erkrankung fast ständig in ihrer Nähe ist.

Lena, die immer noch zum Röntgen in eine Klinik gefahren wird, schildert ihre Krankenhauserfahrungen, sagt: ,,Es ist schön, zu Hause betreut zu werden. Keiner mag ja Krankenhäuser. Bei diesen Untersuchungen dort wird man erst mal auf eine Trage geschnallt, im Flur abgestellt, muß zwischen Besuchern und Kranken warten, um dann irgendwann mit der Trage in einen Laster gebracht zu werden, wartet da noch, bis man wieder rausgefahren und zum Röntgen gebracht wird. Gut, das ist manchmal nötig, wenn man in eine Spezialklinik muß. Und dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden wenn sich jemand zum Beispiel nur ein Bein gebrochen hat und bald wieder gesund wird. Der muß dann eben da durch. Aber wenn man weiß, man wird bald sterben, dann sträubt man sich dagegen, möchte sich nicht mehr so behandeln lassen."

Während der schweren Zeit ihrer Erkrankung verbringen Vater und Tochter viel Zeit miteinander. Sie schauen sich alte Fotos an, erinnern sich an die Kindheit, an Zeiten, wo die Eltern sich noch liebten, nicht geschieden waren. Alte Verletzungen, Versäumnisse und Mißverständnisse kommen zur Sprache, werden ausgeräumt. Jetzt ist die Zeit dazu. Für die beiden vielleicht das Wichtigste überhaupt. Lenas Vater erlebt hautnah Tag für Tag, was Sterben bedeutet, wie wichtig vertraute Umgebung und liebevolle Zuwendung der Angehörigen ist. Er sagt: ,,Ich wünschte mir, daß der Tod weniger verdrängt wird und wieder mehr zum Leben gehörte."

Kontaktadresse: Home Care e. V. Genter Straße 74, 13353 Berlin. Tel./Fax: 030-45348. Der seit 1993 eingetragene Verein hat die Aufgabe, schwerstkranke Krebspatienten zu Hause zu betreuen.

Die Kosten dafür übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen.

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