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Dilettantische Fleißarbeit

Rezension

Franz Bauer: Ratgeber für Behinderte
Ullstein Verlag, 270 Seiten. ISBN 3-550-06896-4, 29,90 DM

Auf den ersten Blick ist dieser "Ratgeber" eine sehr breit angelegte Sammlung von Informationen über sehr viele Themenbereiche, mit denen behinderte Menschen konfrontiert werden - vom Schwerbehindertenausweis incl. Knochentaxe über Sozialhilfe, Hilfsmittel bis zu Urlaubsmöglichkeiten.
Soweit, so gut. Aber gelegentlich ging diese Fleißaufgabe gründlich ins Auge. So erstellt Herr Bauer sein eigenes "Hilfsmittelverzeichnis" auf 9 Seiten, ohne Rücksicht darauf, daß laut SGB 5 das Hilfsmittelverzeichnis ein wichtiger juristischer Begriff ist - gottseidank ist das Hilfsmittelverzeichnis nach SGB 5 etwas umfangreicher als diese bunte Mischung aus ein paar Hilfsmittelherstellern und Sanitätshäusern - große Firmen fehlen völlig, und jeder Katalog einer Hilfsmittelmesse ist besser gegliedert. Wer Hilfsmittel braucht, sollte sich lieber nicht in diesem Band informieren!

Es gibt auch gutes - Zweck und Nutzen des Petitionsausschusses ist beispielsweise gut geschildert, und eine Reihe von Aufstellungen und Formularen sind wirklich hilfreich.

Ab und zu vergißt der Autor die zurückhaltende Objektivität. So führt er im Abschnitt "Berufsausbildung" auch die Werkstatt für Behinderte auf (wo es weder Berufe noch Ausbildung gibt, sondern nur Beschäftigung ohne Arbeitsvertrag) und empfiehlt auch gleich noch: "Am idealsten ist eine Lösung Werkstätte und zugehöriges Wohnheim, soweit die Behinderung ein betreutes Wohnen zuläßt" (S. 144).

Leider ist das kein Einzelfall. So stellt er ganz treuherzig die Frage "Wie finde ich das richtige Heim?" (S. 136), als ob sich behinderte Menschen nichts sehnlicher wünschten als einen Heimplatz. Ein Hinweis auf die "Grauen Panther" (Seniorenschutzbund) hätte an dieser Stelle auch nicht geschadet. Bei diesem Abschnitt wird die "wertfreie" Darstellung der Informationen besonders deutlich.

Diesem Band würde man eine deutlich überarbeitete Neuauflage gönnen; dabei sollte Herr Bauer sich entscheiden, ob er eine Orientierungshilfe im Sinne eines Leitfadens machen will oder ob es eher eine rein objektive Adressen-, Formular und Listensammlung werden soll - beides hat Sinn, aber eben nur, wenn man sich für eines dieser Ziele entscheidet und das dann auch konsequent durchhält. Positive Beispiele für die erste Orientierung wären die diversen Leitfäden (die bekanntesten erscheinen in der Schriftenreihe der FH Frankfurt) und das "Rechtslexikon für Behinderte" von Gusti Steiner, für zweiteres die diversen Adressensammlungen von Leo Sparty.

Aber auch lobende Worte im Vorwort von M. Buggenhagen ändern nichts daran, daß Herr Bauer sein Ziel verfehlt hat, jedenfalls in dieser ersten Auflage. Medaillenreif oder gar olympiaverdächtig ist der Ratgeber noch lange nicht.

Hannes Heiler


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