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Das Internet, die Fördergemeinschaft und der Rest der Welt

(Paraplegiker, Heft 3/96)

Das Internet steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Erst seit kurzem sind es nicht mehr nur die Exoten und die "Computerfreaks", die sich damit befassen. Seit einigen Monaten nimmt die Zahl der Anschlüsse rasant zu - allein der Online-Dienst AOL hat 6 Monate nach seinem Start in Deutschland 100.000 Mitglieder, insgesamt sind sicher mehr als 1 Mio Bundesbürger am Netz.

Sicher - im Moment sind die Nutzer-Zahlen noch gering. Allerdings befinden wir uns in einer Situation, in der sich die Neuzugänge alle paar Monate verdoppeln, und gerade in dieser Situation wäre eine frühzeitige Präsenz wichtig, um in 1-2 Jahren, wenn die Nutzerzahlen "amerikanische Verhältnisse" erreicht haben werden, Strukturierung und "Kinderkrankheiten" überwunden zu haben.
Schon in der Frühzeit von Btx hatte es erste Projekte von behinderten Menschen in diesem Medium gegeben, und auch heute sind Behinderte im Internet sehr aktiv. Eines der Suchregister im Internet (DINO) gab für das Suchwort "behindert" immerhin 23 Einträge zurück, und wenn man die Querverweise weiterverfolgt, gibt es eine erstaunliche Zahl von Informationen von, über und für behinderte Menschen.
Ein Blick nach USA, wo die Internet-Benutzung weiter verbreitet ist, zeigt ein beinahe unüberschaubares Informationsangebot für behinderte Menschen, das kaum einen Lebensbereich ausläßt, sowie vielerlei sehr lebhafte Newsgroups.
Das ist aber auch nicht verwunderlich: viele Behinderte benutzen Computer am Arbeitsplatz, zuhause oder beim Studium, denn häufig ist für sie der Computer ein Hilfsmittel, das ihnen übrigens in manchen Situationen sogar als Sozialleistung finanziert wird. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch, daß ein Computer ein vielseitiges und universelles Werkzeug ist, das mit relativ geringem Aufwand an vielerlei Anforderungen angepaßt werden kann - mit Spracheingabe oder Mundstab-Bedienung für Tetraplegiker und andere Hand-Behinderte, mit Sprachausgabe oder Braille-Zeile für blinde Menschen, mit speziellen Tastaturen für Menschen mit Muskelschwund oder spastischen Lähmungen usw. - mit diesen Zusätzen kann der Computer nicht nur für den Schriftverkehr und das Internet, sondern auch zur Steuerung von Telefon, Fax, TV, Rolladenmotoren, zur Bedienung von Hilfsmitteln wie Pflegebetten und vielem anderem eingesetzt werden. Ich habe behinderte Menschen erlebt, für die der Computer eine derart zentrale Schaltstelle ihres Alltags geworden ist, daß dieser mit aufwendigen Sicherungsmechanismen inclusive Notstromversorgung (USV) ausgestattet werden mußte! Was liegt also näher, als sich nebenbei auch noch ins Internet einzuklinken?
Außerdem ist dieses weltweite Spinnennetz verknüpfter Informationsseiten (nichts anderes bedeutet "World Wide Web" nämlich) ja nur ein Teil des Internet.
Mindestens genauso spannend: die Newsgroups - vielleicht am ehesten als "schwarze Bretter" zu bestimmten Themen zu bezeichnen, jeder kann da eine Nachricht aushängen, auf ausgehängt Nachrichten antworten. Hier ist es schon lebhafter - in den Monaten Mai und Juni wurden
- in de.soc.handicap 58 Nachrichten
- in maus.soc.handicap 526 Nachrichten und
- in cl.behindert.allgemein 132 Nachrichten
"veröffentlicht", wobei die Bandbreite von recht persönlichen Nachrichten, Albernheiten und kleinen Kommentaren zu Treffen und ähnlichem über Informationen zu Bordsteinen, Tourismus, Hilfsmittel-Informationen bis zu Gesetzesänderungen und politischen Aktionen reicht.
In der Newsgroup "cl.behindert.allgemein" werden zur Zeit ca. 20-30 Nachrichten pro Woche verteilt werden, top-aktuell und dabei sehr fundiert und präzise; die Inhalte gehen vom Protest aus Behinderteninitiativen gegen Verschlechterungen bei Pflegeversicherung und Sozialhilfe über Urlaubsfragen, Kunst, Hilfsmittelprobleme bis zu Umfragen zur Sexualität behinderter Menschen oder Initiativen für behinderte Menschen in Russland.
In der Newsgroup maus.soc.handicap wurde kürzlich eine Schreiberliste veröffentlicht - von insg. 75 Teilnehmern (darunter übrigens 14 Frauen) sind 41 selbst behindert. Bemerkenswert unter den nichtbehinderten Teilnehmern ist eine ziemlich große Zahl von Ex-Zivis.
Ideal sind derartige Foren für konkrete Fragen - sei es, daß jemand Material für eine Diplomarbeit sucht ("Über das Selbstbewußtsein behinderter Menschen"), sei es, daß spezielle Zusätze zum Computer für Spastiker gesucht werden, die das Starten eines Programms ohne "Doppelklick" ermöglichen. Im Internationalen Bereich kommen Themen hinzu wie "Do you hide your disability on the Net?", Umfragen zur Sexualität behinderter Menschen oder über den Einsatz von Cannabis als Schmerzmittel für Querschnittgelähmte.
Nicht zu unterschätzen ist als weiteres Element die "E-mail" - die Privatpost des Internet, vergleichbar dem Brief der "gelben Post". Allerdings hat E-mail gegenüber gelber Post oder auch Telefax den Vorteil, daß der Empfänger den Text nehmen kann, daraus zitieren oder im Falle eines Manuskripts darin korrigieren, ergänzen und daran weiterschreiben und das Ergebnis weiterschicken kann. Dabei ist es in jeder Hinsicht gleichgültig, ob die reale Adresse dieses Menschen zwei Straßen von mir entfernt oder in einer anderen Stadt oder einem anderen Land ist. Das "Internet als globales Dorf" hat hier eine sehr positive Auswirkung: statt per Auto oder Bahn 5 Stunden nach Köln,Berlin oder München zu fahren, springe ich mit einem Mausclick zu dieser Person, schicke ihr eine E-mail oder verabrede mich zu einem Gedankenaustausch am Bildschirm. Die einzige "Grenze" ist die Sprache, denn im internationalen Bereich herrscht Englisch vor. Aber Informationen aus Österreich oder Schweden lassen sich genauso problemlos erreichen wie News aus Kassel oder Frankfurt-Bockenheim.
Natürlich sind die Ebenen Internet, Newsgroups und e-mail miteinander verknüpft - die meisten Internet-Seiten haben einen Verweis, der es erlaubt, mit einem Mausklick eine Mail an den Urheber oder Redakteur dieses Anbieters zu schicken, und auch bei den Mitteilungen der Newsgroups habe ich die Wahl, "öffentlich zu antworten", also einen weiteren Zettel an das öffentliche schwarze Brett zu hängen - oder eben nur dem Autor per e-mail zu antworten. Teilweise etabliert sich so ein sehr reger Austausch, der auch beinahe en passant funktioniert: ich lasse meinen Computer das Internet anrufen und hole Mail und Nachrichten ab, lese die Neuigkeiten nach dem Auflegen durch, schreibe meine Antworten und lasse das Programm noch einmal anwählen und meine neuen Mails and News abschicken - jeweils 2 oder 3 Telefoneinheiten, und der tägliche Posteingang ist bearbeitet.
Im persönlichen Kontakt zwischen Paul Schüller/Bonn, Jürgen Buchholz/Köln und mir entstand die Idee, nicht nur Informationen aus dem Netz zu konsumieren und Meinungen per e-mail auszutauschen, sondern auch die Fördergemeinschaft möglichst früh im Netz präsent zu haben. Im Moment sind das ein paar Inhaltsverzeichnisse und einzelne Texte der jüngsten Paraplegiker, aber es ist eine Frage der Zeit, bis der Paraplegiker komplett in Internet eingestellt wird und weitere Informationen hinzukommen.
Hannes Heiler
E-mail: HHeiler@aol.com

Jürgen Buchholz, Stützpunkt Köln: Bukoeln@aol.com
Paul Schueller, Stützpunkt Bonn: Paulhoevel@aol.com

Homepage der Fördergemeinschaft



(Stand: ca. 15.7.96)

Zum Schluß noch ein Zitat aus der Zeitschrift "Pl@net", Heft 5+6/96:
Der Internet-Index
- Wachstum des Internets vom Januar 1995- Juli 95: 36,8%
- Anzahl der bei Alta Vista erfaßten Web-Seiten: 22 Mio
- Anzahl der Zugriffe auf Alta Vista pro Tag: über 5 Mio.
- Anzahl der Zugriffe auf Web.de pro Tag: 60.000
(S. 8, planet, heft 5+6/96)


Schaut man heute (Anfang Juli 96) in einem Internet-Suchregister nach dem Stichwort "behindert", so trifft man bei "DINO" auf gerade mal 23 Einträge, wobei sogar private Homepages mitgezählt sind.
Völlig anders die Situation in den USA - dort trifft man regelmäßig auf Dutzende, ja Hunderte Links selbst zu entlegenen Teilbereichen.
Unter den 80 Millionen Menschen in Deutschland leben rund 8 Millionen behinderte Menschen (ca. 10%). Diese sind häufig mobilitätsbehindert, sodaß für viele Aktivitäten und "Erledigungen" ein Computer mit Internet-Zugang ein viel wichtigeres Hilfsmittel als für nichtbehinderte Menschen ist. Andererseits steckt der Ausbau des Internet in Deutschland noch in den Kinderschuhen; es gibt aber viele Hinweise, daß von Anfang an behinderte Menschen in diesem Medium früher, zahlreicher und aktiver beteiligt sind als Nichtbehinderte.
Auf der anderen Seite nehmen die Kontakte zu behinderten Menschen über e-mail zu, und ansatzweise ist sogar die Zusammenarbeit in Initiativgruppen durch Internet und E-mail einfacher, bequemer und schneller. So werden Termine per e-mail vereinbart, Testberichte erarbeitet und Protokolle verschickt.
Zu den User-Zahlen in Deutschland:
- T-Online hat die längste Vorgeschichte und derzeit rund 800.000 Teilnehmer, CompuServe 150.000, und AOL hatte im Mai noch rund 50.000, im Juli bereits 100.000 Teilnehmer (weltweit ist AOL mit 5 Mio Usern der größte Dienst), hinzu kommt eine unüberschaubare Zahl kleinerer Provider und PoP's (Point of Presence, örtl. Verkäufer von Zugängen ohne eigene Infrastruktur).
Das Wachstum gerade bei AOL zeigt die Dynamik, die derzeit im Netz herrscht...