Mein Online-Tagebuch - 5


zuerst wieder die Ergänzungen, korrekturen etc.

- Es gibt eine Reihe neuer Internet-Seiten für behinderte Menschen, so z.B. vom Bundesselbsthilfe-Verband Kleinwüchsiger Menschen e.V. (http://www.kleinwuchs.de)- mit einer ganzen Reihe von Landesverbänden.

- Der Behindertenverband Leipzig ist unter www.le-online.de/cityhand mit seinen diversen Projekten und vor allem auch mit dem Stadtführer für Behinderte (1450 Datensätze - online abrufbar!) zu erreichen.

In der Newsgroup cl.behindert wurde es bereits angekündigt: das "Gleichstellungscamp 98" findet vom 19. Juni - 5. Juli 98 im Wendland statt. Informationen sind beim ISBB e.V. (Institut für systemische Beratung Behinderter) zu finden.

Die Newsgroups sind eine feine Sache: wäre man auf gedruckte Infos angewiesen, hätte kaum jemand rechtzeitig erfahren, daß am 22.1. in der Talkshow "Fliege" (ARD) das Thema Assistenz aufgegriffen wurde; "Carsten Sporkmann, selbst Assistenzbenutzer, hat dabei fuer die ISL mitgewirkt."

Andreas Bach wies mich auf einen interessanten Aufsatz auf dem Server des Heise-Verlags hin - Andreas vom Bruch: Behinderte im Internet, Ein Überblick.
Er gibt einen relativ umfassenden Überblick über die verschiedenen Hilfsmittel, die es derzeit für körperbehinderte, blinde und andere Internet-Benutzer gibt, ergänzt um ein paar interessante Links.
Und der Paritätische Wohlfahrtsverband, in dem ja auch die meisten Behindertenverbände organisiert sind, hat auf seiner Seite die Pressemitteilungen zu den verschiedenen Themen aufgelistet, die vom Bundesverband des DPWV herausgegeben wurden. Leider gab es ja in den letzten Monaten mehr als genug Anlässe dafür...

Die umstrittene Auslegung des Diskriminierungsverbots im Grundgesetz in Sachen schulische Aussonderung ist noch frisch, da kam der nächste Hammer: das sog. "Maulkorb-Urteil" des OLG Köln. Auch hierzu gab es sofort zahlreiche Informationen und Initiativen in den Newsgroups, und der Club 68 in Köln lud bereits zur Vorbereitung einer Demo ein.
Bei solchen Gelegenheit zeigt das Internet, wie schnell Aufrufe, Stellungnahmen etc. verbreitet werden können. Inzwischen beschwerten sich Mitglieder eines Frankfurter Behinderten-Vereins, daß der Verein zwar eine Homepage betreibt, einfache Mitglieder ohne Internet-Anschluß aber viele Informationen spät oder gar nicht bekommen. Ging es anfangs darum, wer welche schriftlichen Infos ins Internet einspeist, ist heute der umgekehrte Weg, nämlich vom Internet auf Papier, bald genauso wichtig.

"Mobilitaet fuer Alle - Behinderte Menschen testen die Oeffentlichen Verkehrsmittel. Aufruf fuer einen bundesweiten Aktionstag am Samstag, den 21. Maerz 1998 (ISL)

ISL
Independent Living war für mich der erste Anreiz, überhaupt mal in ein Internet-Cafe zu gehen und mir diese geschichte näher anzusehen. In Kreischa hatte es im April 96 einen Kongreß gegeben, und in einer Pause unterhielt ich mich mit Lex Frieden, dem Referenten aus Houston/Texas - schließlich gab er mir seine Visitenkarte. Und da standen wie selbstverständlich E-mail und URL drauf. "http:www.bcm.tmc.edu/ILRU".
Was ich da sah, war (nicht nur für die Verhältnisse im Frühjahr 96) deutschen Angeboten um Lichtjahre voraus. Allein mit den Internet-Adressen amerikanischer Centers for Independent Living (CIL) könnte man eine Heftseite füllen!
Bei uns kamen die Anregungen und Grundsätze von Independent Living spätestens seit dem VIF-Kongreß 1982 ins Bewußtsein und in die Diskussion, und ISL Kassel ist heute den meisten ein Begriff.
Dennoch - schaut man unter der oben genannten Adresse von ILRU nach, so finden sich neben Aufsätzen und anderen Materialien zum Thema ein richtiggehendes Independent Living Network (IL-Net), bei dem allein die Adressenliste der IL-Adressen in USA ewig lang ist.
Auch im deutschsprachigen Teil des Internet ist ISL präsent - zu allererst in Newsgroups (hier vor allem in "cl.behindert.allgemein") und auf der Mailing-List "gemeinsam leben, gemeinsam lernen" (vgl. letzte Ausgabe). Diese beiden Verbreitungsformen entsprechen den schnellen und aktuellen Aktionsformen von ISL besser als die eher statische Web-Form. ISL Kassen ist außerdem bei BM-Online (www.behinderte.de/isl) und bei www.selbsthilfe.seiten.de zu finden; daneben gibt es einige weitere Zentren selbstbestimmt Leben (ZsL), zum Beispiel das ZsL Mainz - http://home.rhein-zeitung.de/~zsl/ - mit einigen wichtigen Infos zum Thema Persönliche Assistenz sowie einem ausgewachsenen Peer-Counselling-Handbuch.
Auch Phoenix e.V. Regensburg hat eine Homepage - unter http://www.donau.de/vereine/phoenix/phoenix.htm - im Stil eines richtigen kleinen Online-Magazins.
Schließlich sind die Wiener zu nennen; das "BIZEPS-INFO online - Zentrum für selbstbestimmtes Leben, Wien war schon früh unter "http://www.bizeps.or.at/bizeps/" im Netz.
Zwar nicht auf Deutsch, aber dennoch sehr spannend ist das Stockholmer "Institute on Independent Living", das unter anderem eine spannende Idee aufgreift: "Vacation Home Ex" - eine Mitwohnzentrale für Menschen mit Behinderung. Die Idee ist super, doch leider sind die Angebote noch dürftig. Immerhin handelt es sich um eine offene Liste, im Gegensatz zu einem entsprechenden Ansatz in Deutschland von Roland Zaehrl aus Mannheim - er verlangt Gebühren, bevor die Kartei etwas ausspuckt.

Immer wieder erhalte ich E-mails zu allen möglichen Fragen - ob es um Behörden und Sozialleistungen, Hilfsmittel, Auto, Urlaub oder gerade auch um tiefgreifendere Dinge wie Schmerz oder Sexualität geht... Wichtig ist mir bei dieser Vielzahl von Themen vor allem, "Peers" in Kontakt miteinander zu bringen.
Balder-Chat, Aktion Sorgenkind, Thiel's Handix - aber auch bei Diensten wie AOL gibt es "Chats". Immer wieder wird (nicht unberechtigt) davor gewarnt, daß sich gelegentlich recht zwielichtige Gestalten im Netz herumtreiben, die sexistische oder auch faschistische Ansichten vertreten, Paßwörter ausspionieren etc... Die Belästigungen nehmen zu, wenn es sich um einen Chat handelt, der mehr oder weniger ausdrücklich Beziehungsthemen gewidmet ist. Aber das kennen wir wohl alle aus dem "richtigen Leben", wo es solche Gestalten auch immer wieder gibt, sei es, daß Nichtbehinderte meinen, jede behinderte Frau warte nur darauf, von ihm geküßt zu werden, seien es die bedauernswerten Behinderten, die ständig bedauert werden wollen.
Der einzige Unterschied zum "richtigen Leben": am Bildschirm ist jeder für sich, isoliert, aber auch anonym und dadurch relativ geschützt. Doch Vorsicht: so weit sind virtuelle Welt und das "Leben offline" nicht auseinander,im Guten wie im Bösen: es hat schon Beziehungen gegeben, die aus Online-Kontakten entstanden, aber auch Bedrohungen und andere Unannehmlichkeiten. In den meisten Fällen ist aber einfach eine gewisse Vertrautheit, die sich nach mehrmaligem "Wiedersehen" im Chat einstellt. Wenn man sich eine Weile "kennt", spricht man eben auch heiklere Fragen an.
Andererseits leiden solche Chats oft an einer gewissen Oberflächlichkeit. Viele Menschen telefonieren stundenlang, statt in derselben Zeit einen seitenlangen Brief zu schreiben, und genauso ziehen viele lange (und damit teure!) Chats einer ausführlichen E-Mail vor.
Neben den etablierten Online-Diensten und speziellen Homepages bieten mittlerweile auch diverse Zeitschriftenverlage - z.B. "Amica" und "Brigitte" Chats an - selbst Privatfirmen wie der Rollstuhlvertrieb Balder. Es bleibt abzuwarten, ob sich so etwas nach einer gewissen Anfangs-Euphorie dauerhaft etablieren kann - ich sehe in der Vielzahl allemal Chancen, aber eben auch die Gefahr der Zersplitterung. Wem nutzen 10 oder 50 verschiedene Chats, wenn in jedem davon nur 3 oder 4 Teilnehmer chatten?

Vor einiger Zeit hatte ich mich gewundert, daß es beim Arbeitsministerium (www.bma.de) relativ komplette Gesetzestexte gibt, während das Gesundheitsministerium (immerhin zuständig für Krankenversicherung und BSHG!) nichts dergleichen gibt. Also schrieb ich eine Mail, und eines schönen Tages rief mich ein Mensch vom Referat Öffentlichkeitsarbeit des BM Gesundheit an und bat um Verständnis: erstens sei der Etat für Öffentlichkeitsarbeit des BMA um einiges größer als seiner - und ich möchte doch bedenken, daß das BM Gesundheit für eine große Zahl von Gesetzen und Verordnungen zuständig sei, das gehe weit über die genannten Bereiche hinaus. Außerdem ändere sich so schrecklich oft etwas, da brauche man viel zu viel Personal, um das immer aktuell zu halten... Hm - der Autor wundert sich. Ich werde jedenfalls keine Spendensammlung für die Informationen eines Bundesministeriums starten! A propos Ministerien und Gesetze: kaum wahrgenommen wurde, daß zum 1.1.98 das Arbeitsförderungsgesetz (AFG) abgelöst wurde durch das "Sozialgesetzbuch Drittes Buch (SGB 3)", was natürlich einige Veränderungen mit sich brachte, insbesondere beim sog. Berufsschutz und beim Nachweis, sich um Arbeit zu kümmern. Die Arbeitsämter haben die Änderungen gut aufbereitet: sie geben unter "www.arbeitsamt.de" recht umfassende Erläuterungen zu den Neuerungen. Auch ein Frankfurter SPD-Ortsverein reagierte prompt: auf der Homepage der Ortsvereinsvorsitzenden Petra Tursky-Hartmann finden sich mehr als 100 Links zu Stellenmärkten im Internet. Die Informationsseite mit den Adressen der Jobbörsen richtet sich zunächst als Einstieg an alle Arbeitssuchenden, die einen Zugang zu dem weltweiten Datennetz haben. Adresse: http://home.t-online.de/home/tursky-hartmann. Gründlich gearbeitet hat sie auf jeden Fall!

"Und wo bleibt denn das Positive?" mögen einige mit Erich Kästner fragen. Nun, es gibt einiges zum Theme Urlaub zu bieten:
Es gibt diverse Kreuzfahrtschiffe mit Dialyse an Bord, so als jüngstes Beispiel die "AIDA"(www.aida.de) - sie verfügt über rollstuhlgerechte Kabinen, und sogar eine kleine Dialysestation ist an Bord; online kann man sogar die Grundrisse der einzelnen Kabinentypen bewundern. Leider ist der Hinweis auf Rollstuhl ganz klein und auf die Dialyse überhaupt nicht vorhanden! Auch die TUI ist in den neuen Medien präsent - neben dem Internet-Auftritt gibt es sogar eine CD-ROM. Doch obwohl die TUI schon früh einen Spezialkatalog für behinderte Touristen druckte - im Internet ist davon noch nicht viel zu sehen (www.tui.de). Schade eigentlich, wenn man sein Licht so untern Scheffel stellt - oder haben die Herrschaften Angst, ihre nichtbehinderte Kundschaft zu verprellen?
Nichtsdestotrotz: schöne Ferien - Sie haben es sich verdient!

Hannes Heiler

PS: Dieses Online-Tagebuch steht - wie auch die früheren Beiträge - unter BM-Online mit allen Internet-Adressen bereit; interessierte LeserInnen brauchen also keine Adressen abzutippen, sondern nur dort die Links anzuclicken. Ein virtuelles Surfbrett...


Hannes Heiler
BM-Online