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Überblick: Kunst und Kultur


Boa-Beschwörerin "Tanja'

Entdeckung

Heute Nacht lief ich davon
aus meinem Haus
und meinen Behinderungsgefühlen
die sie mir zuordnen
lief und lief
im Vorfrühling
Kälte klirrt noch
lief...
atemberaubt
durch die
leise singende Tauluft
stand
blickte
blickte lange
sehnend
in den schwarzklaren Himmelhintergrund
Heute Nacht
habe ich in ihm
etwas Neues entdeckt
sternengleich -
MICH

Tanja Muster, Februar 1994

Liebe Tanja,

Du warst viele. Dichterin. Künstlerin. Krüppelin.
Grafikerin. Feministin. Postkartenverlegerin.
Gebärdensprachlehrerin. Lay-Outerin.
Katzenexpertin. Motorradgespannfahrerin.
Kämpferin.
Eine liebevolle Zynikerin.

Du warst gehörlos. Rollifahrerin. Sehbehindert, zuletzt fast blind. Zwischen allen Stühlen. Eine unbequeme Kritikerin und Mittlerin zwischen Kulturen und Szenen. Du fordertest Zugang, radikal und kompromisslos. Hast dich dabei aber immer wieder auf Hörende, Sehende, Laufende, zu bewegt. Auch und gerade in der Behindertenbewegung. Wolltest Dich nicht anpassen, nicht verbiegen.

Gelernt haben wir von dir, viel. Hast Deine Krankheit oft verflucht. Und doch hast Du die Behinderung mit offenen Armen empfangen, umarmt. Hast sie gefeiert. Hast gelacht. Behinderung war Deine Kunst, Inspiration, Lebensart. Dein Leben auf der Grenze hat Dich furchtlos gemacht: vom Leben zu kosten, ganz und gar.

Lebwohl, Boabeschwörerin. Viel zu früh rollst Du aus dieser Welt. Etwas von Dir wird bleiben - sternengleich.

Rebecca Maskos, Bremen

Weitere Gedichte von Tanja Muster sowie die
Postkarten, ihr Buch "Vom Rollen und anderen Dingen"
u.v.m unter www.tanu.leipzigerinnen.de  

aus: Weiberzeit Nr. 3, April 2004


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