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"Ich bin Berufs-Musiker, nicht Berufs-Behinderter!"


Klaus Kreuzeder - Sax as sax can

Klaus Kreuzeder bekam Anfang der 50er Jahre so schwer Polio, daß er lange Zeit nur mit Hilfe einer eisernen Lunge überlebte. Aber er überlebte, und er hatte das Glück, daß seine Eltern ihn als ganzen Menschen akzeptierten, nicht das "defekte Kind" in ihm sahen. Damals gab es auch noch kein ausdifferenziertes Sonderschulwesen, sodaß er sich in der Regelschule durchbeißen konnte/mußte. Seine Eltern wollten, daß er seine sehr geschwächten Lungen trainierte und gaben ihm eine Flöte zum Üben. Sehr schnell wurde klar, daß er die musikalische Begabung seines Großvaters geerbt hatte.
Im Schulorchester lernte er Saxophon, nicht gerade begeistert, aber dieses Instrument wurde gebraucht. Über seinen Musiklehrer sagte er: "Der hat mich getreten, aber ich ließ mich auch treten."
Kreuzeders Blasmusik war gefragt, bei Schulveranstaltungen, Ami-Festen und in Kneipen.
Nach dem Abitur (1968) sollte er Jura studieren. Aber die pure Lust am Musikmachen trieb ihn zur Berufs-Musik. Seine große Leidenschaft: die Kommunikation mit dem Publikum. "Das ist ein viel farbigeres Leben als das eines Juristen."
Andererseits wollte um diese Zeit - es waren die Sixties der Beatles und der Stones - keiner was von deutschen Musikern wissen. Seine Chance war, daß ein Freund, vormals Gitarrist bei der legendären Band "Ihre Kinder", eine neue Gruppe aufbaute.
"AERA war meine Universität". Er lernte musikalisch viel dazu, lernte aber auch das Leben eines Berufsmusikers. Die Gruppe arbeitete und lebte als Kollektiv zusammen (14 Erwachsene, einige Kinder).
"68er ? Damit habe ich kein Problem. Selbstverständlich bin ich ein 68er!" Die Gruppe hatte ein eigenes Schallplatten-Label und produzierte die ersten 4 eigenen Schallplatten.
Die Einheit von Leben und Arbeiten - und Klaus als Rollstuhlfahrer mittendrin. Die Hilfestellungen für einen behinderten Menschen kein spezielles Problem, sie waren in den gemeinsamen Zusammenhang eingebaut. Anderererseits: die Gruppe zusammenhalten und von der Musik leben können - das war ein schwieriges Unterfangen. 1981/82 kam der große Crash. Die finanzielle Situation war sowieso nie berauschend gewesen, ein paar außerplanmäßige Belastungen führten zum Bankrott. Dadurch fiel auch die Großfamilie auseinander.
Kreuzeder ging in die Großstadt, nach Münschen, "weil da einfach die Infrastruktur für einen Behinderten besser ist". Für München sprach, daß er schon einige Kontakte hatte. Er lebte ein Jahr als Straßenmusiker und arbeitete im Verein "Rockhaus" mit. Buchstäblich "auf der Straße" wurde er angesprochen und machte seine erste Solo-Platte.
In diesem Jahr machte er zum ersten Mal Musik mit Stevie Wonder, spielte mit Sting in Hamburg. Beides waren für ihn sehr wichtige Begegnungen. Aber noch wichtiger ist ihm die ständige Weiterentwicklung seiner Musik. "Ich kann doch nicht so tun, als sei immer noch 1979!" Meist tritt er zusammen mit Henry Sincigno (akust. Gitarre) auf. Eine eigenwillige Musik spielen die beiden. Am ehesten kann man sie als Jazz-Musiker bezeichnen, und auch wenn ich selbst bestimmt kein Jazz-Fan bin, so spüre ich bei seinen Konzerten, aber auch bei seinen CDs immer einen eigenartigen Reiz. Das ist absolut keine "Hintergrund-Musik", vielmehr nimmt sie einen gefangen und zwingt zum Zuhören.
Wie geht es Klaus Kreuzeder heute? "Ich bin viel beschäftigt, aber nicht ausgebucht". Er kann von der Musik leben. Das Leben als Berufsmusiker erfordert viel Kondition, und er ist stolz darauf, daß bisher nur ein einziger Auftritt ausfallen mußte, weil er krank war. Von Klaus Kreuzeder gibt es mittlerweile 2 CDs mit dem Titel "Sax as sax can". Ideal für alle Gelegenheiten, die genausowenig in eine Schublade passen wie diese Musik...



Wer Musik machen möchte, aber auch, wer Klaus Kreuzeder engagieren oder seine CDs bestellen möchte - hier die Kontaktadresse: trick-music verlag, Spitalstr. 1, 97499 Traustadt, tel. 09528/1324, Fax /629

Petra Rieth


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