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ISL - Selbstbestimmt Leben konkret


Selbstbestimmt Leben konkret 4/97

Inhalt
Projektboom
People First
Internationales
BVG schraenkt Grundrechte Behinderter ein
Foerderfonds staerken - neue Initiativen foerdern
Behindertenrat in Hessen gegruendet
Termine

Projektboom

Bereits im November wurden einigen Initiativen der Selbstbestimmt Leben Bewegung vorgezogene Weihnachtsgeschenke in Form von Projektbewilligungen zugestellt. So wird es moeglich sein, dass das ISL-Projekt Peer Counseling im Rahmen des europaeischen Horizon-Programms fuer weitere 3 Jahre in Berlin weiter arbeiten kann, bifos kann ein Projekt zur architektonischen Zugaenglichkeit im Rahmen des Helios-Nachfolgeprogramms durchfuehren, die ISL in Kassel bekam vom Bundesministerium fuer Gesundheit ein Projekt zur Selbstvertretung bewilligt und so manches Zentrum hat ebenfalls schon Bescheide bekommen, die ihnen die Durchfuehrung neuer Projekte ermoeglichen. Sicherlich haben wir mit der Beantragung dieser Projekte laengst nicht alle Probleme der Zentren fuer selbstbestimmtes Leben geloest - manche stehen nach wie vor am Rande des Abgrunds - doch hat die Selbstbestimmt Leben Bewegung durch diese Projektbewilligungen wieder einmal einen weiten Sprung nach vorne getan. Erstens haben wir einmal exemplarisch vorgefuehrt, dass unsere Ansaetze in der Behindertenpolitik und -arbeit nach z.T. ueber 10jaehriger Taetigkeit immer noch modellhaften Charakter und zukunftsweisend sind. Zweitens haben wir uns in die verschiedenen Programme eingemischt und gelernt, wie man Antraege richtig und erfolgreich stellt und Drittens wird dadurch unsere Arbeit an verschiedenen Fronten endlich besser honoriert, denn diese eingangs als Weihnachtsgeschenke titulierten Projektbewilligungen wurden von uns Betroffenen hart erarbeitet und muehsam erkaempft. So wissen wir auch, dass derartige Projekte nur ein Teil der Medaille darstellen, da sie zeitlich berfristet sind. Auch wenn wir dadurch die Moeglichkeit bekommen, wieder zwei, drei oder vier Jahre konzentriert an einer Sache zu arbeiten, muessen wir uns gedanklich bereits wieder damit beschaeftigen, was danach kommt und wie die Finanzierung unserer Arbeit dann sicher gestellt werden kann. So hilfreich das Projektwesen fuer uns zur Zeit ist, umso mehr muss die Devise in der Zukunft heissen, dass wir Regelfoerderungen fuer unsere Angebote brauchen, denn die Foerderung der Selbstbestimmung Behinderter oder das Peer Counseling sind kein temporaerer Luxus, den sich eine Gesellschaft mit zeitlich begrenzten Projekten leistet und dann wieder fallen laesst, sondern muss zum abgesicherten Grundangebot werden, das eine Regelfoerderung bekommt. Andererseits lebt unsere Bewegung nicht nur davon, ob Projekte bewilligt und Stellen gesichert werden oder nicht, sondern vor allem von den vielen Menschen, die unsere Ziele ehrenamtlich unterstuetzen. Daher ist es neben dem Kampf fuer Regelfoerderungen genau so wichtig, neue MitstreiterInnen fuer unsere Bewegung und neue Mitglieder fuer die ISL und deren Mitgliedsorganisationen zu werben, wenn wir auch in Deutschland die Selbstvertretung und Selbstbestimmung von behinderten Menschen konsequent staerken wollen. Ottmar Miles-Paul - Bundesgeschaeftsfuehrer -

People First

Was Menschen, die potentiell in Werkstaetten fuer Behinderte arbeiten oder in Heimen leben und haeufig als geistig Behinderte bezeichnet werden, mit dem Begriff "People First" kreiert haben, wird auch in Deutschland zusehens Wirklichkeit. Zuerst Mensch zu sein und fuer sich selbst zu sprechen und sich selbst zu vertreten, sind Ziele, die im Mittelpunkt dieser fuer Deutschland neuen Bewegung, die langsam sichtbarere Formen annimmt. Vom 17.-19. Oktober trafen sich 30 Delegierte von Selbstvertretungsgruppen im Rahmen der Aktion Grundgesetz in Melsungen und formulierten fuer sich, was sie von der Behindertenpolitik, aber auch von Veranstaltungen erwarten, die in diesem Bereich organisiert werden. Dabei wurde deutlich, dass sich die Forderungen dieses Personenkreises nicht stark von denen der Selbstbestimmt Leben Bewegung unterscheiden, sondern dass sie lediglich weniger theoretisch und konkreter formuliert werden. So wurde zum Beispiel sehr treffend zum Ausdruck gebracht, dass es nicht mehr laenger angehe, dass der Einrichtungen immer das Oberwort hat, sondern dass die Bewohner von Einrichtungen selbst bestimmen wollen, wie sie ihr Leben gestalten. Vor allem wurde betont, dass es Wahlmoeglichkeiten ausserhalb von Einrichtungen geben muesse, so dass eine Frau, der es gelungen ist, aus der Einrichtung auszuziehen unter tosendem Beifall erklaerte "ich steh jetzt auf und bin gluecklich - ich bin jetzt wieder ein Mensch und das zaehlt." Andererseits machten die TeilnehmerInnen dieses Seminar aber auch deutlich, dass sie bei den diversen Veranstaltungen im Behindertenbereich noch erheblich benachteiligt werden. Eine verstaendliche Sprache in Reden und Materialien, Veranstaltungen, bei denen sie selbst zu Wort kommen und auch mal in eigenen Gruppen diskutieren zu koennen, sind Herausforderungen, denen auch wir von der Selbstbestimmt Leben Bewegung uns stellen muessen. Vor allem begann sich diese Bewegung aber in Melsungen, eine Struktur zu geben, in dem sie Sprecher waehlten, die die Arbeit zukuenftig koordinieren werden und dabei war es auch selbstverstaendlich, dass es zwei Frauen und zwei Maenner waren, die gewaehlt wurden, denn wie ein Teilnehmer sehr treffend formulierte "schau=B4n wir uns doch mal um, wir sind doch hier nicht nur Maenner." Im Gegensatz zu so manchen Gremien der Behindertenpolitik lohnte sich bei diesem Seminar das Umschauen, denn die Frauen waren gut vertreten und wurden auch entsprechend gewaehlt. Diese neue Bewegung, kann durch die Bewilligung eines Modellprojektes zur Foerderung der Selbstvertretung und Selbstbestimmung von Menschen mit sog. geistiger Behinderung, das bei der ISL angesiedelt und gemeinsam mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe fuer Menschen mit geistiger Behinderung und Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen nun auch gezielter gefoerdert werden. Hier wird auch Arndt Kunau, einer der Sprecher von People First Deutschland beschaeftigt werden, der von Interessierten zukuenftig unter folgender Anschrift kontaktiert werden kann. People First Deutschland, Arndt Kunau, Jordanstr. 5, 34117 Kassel, Tel. 0561/72885-18, fax: 0561/72885-29.

Internationales

Hoher Besuch aus den USA Organisiert durch die ISL besuchte Judith Heumann, Staatssekretaerin im US amerikanischen Bildungsministerium in Washington und langjaehrige Streiterin der Independent Living Bewegung mitte November Deutschland. Von einem Zusammentreffen mit dem Bundespraesidenten Roman Herzog waehrend der Eroeffnungsveranstaltung in Berlin und Ignatz Bubis in Frankfurt, ueber Empfaenge durch SozialministerInnen und BildungsministerInnen der Laender bis zu Besuchen von integrierten Schulen in Kassel und Frankfurt, absolvierte Judith Heumann ein 1woechiges Programm, das sich sehen lassen konnte. Wichtig war vor allem, dass Judith Heumann bei diesen Gelegenheiten die Ansaetze der amerikanischen Behindertenpolitik vorstellte und durch ihr eigenes Besipiel als Staatssekretaerin mit hohem Assistenzbedarf, die einen Elektrorollstuhl nutzt, belegte. So standen Themen wie die Schaffung von Gleichstellungsgesetzen fuer Behinderte, die schulische Integration und die Selbstvertretung Behinderter auf der Tagesordnung, die ganz in unserem Sinne sind.

Seminar in der Ukraine

Gisela Hermes vom bifos und Ottmar Miles-Paul von der ISL fuehrten zusammen mit Elisa Pelkonen von Disabled Peoples=B4 International vom 20.-24. September in Lviv in der Ukraine ein Seminar mit VertreterInnen ukrainischer Behindertenverbaende und Ministerien ueber zukunftsweisende Ansaetze in der Behindertenpolitik durch. Waehrend dabei einerseits sozusagen an jeder Bordsteinkante deutlich wurde, welche Barrieren dort noch der Selbstbestimmung Behinderter entgegen stehen, wurde andererseits auch deutlich, dass es in der Ukraine ein grosses Engagement zur Foerderung der Selbstbestimmung Behinderter gibt, das eine gute Basis fuer eine weitere Zusammenarbeit bietet. So wird u.a. ueberlegt in Lviv ein Zentrum fuer selbstbestimmtes Leben Behinderter aufzubauen.

Behinderte Eltern tagten in den USA

Ende Oktober trafen sich behinderte Eltern aus den USA und anderen Laendern in Oakland in Kalifornien. Gisela Hermes, die sich in diesem Bereich in Deutschland seit laengerem engagiert, war es moeglich, fuer die Selbstbestimmt Leben Bewegung an dieser Tagung teilzunehmen. Beeindruckt von einer Vielzahl neuer Ansaetze in diesem Bereich will sie zukuenftig auch in Deutschland weitere Austauschmassnahmen fuer behinderte Eltern ueber das bifos organisieren.

BVG schraenkt Grundrechte Behinderter ein

Nachdem Viele mit Spannung darauf gewartet hatten, dass das Bundesverfassungsgericht seinen Spruch zum Recht auf schulische Integration faellt, geschah dies am 29. Oktober und es wurde ein schwarzer Tag fuer all diejenigen, die gehofft hatten, dass das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz fuer sich allein schon eine durchschlagende Wirkung habe. Das Bundesverfassungsgericht hat die Klage einer behinderten Schuelerin aus Niedersachsen auf schulische Integration zurueckgewiesen. Das Gericht stellt fest: "Es ist von Verfassungs wegen nicht zu beanstanden, dass ... die zielgleiche und zieldifferente integrative Erziehung und Unterrichtung unter den Vorbehalt des organisatorisch, personell und von den saechlichen Voraussetzungen her Moeglichen gestellt ist." Wir beanstanden im Gegensatz zum Bundesverfassungsgericht, dass die schulische Integration behinderter Kinder an einen Finanzierungsvorbehalt gebunden ist. Die Umsetzung des Benachteiligungsverbotes aus Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz soll offenbar niemanden stoeren, sie soll nicht teuer sein und den beteiligten Stellen keine allzu grosse Muehen bereiten. Diese Position koennen und wollen wir nicht hinnehmen. Wir fordern die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben und fuer jedes behinderte Kind das Recht, eine Regelschule zu besuchen. Wir treten fuer die Schaffung der politischen Rahmenbedingungen zur Gleichstellung behinderter Schuelerinnen und Schueler in allen Bundeslaendern ein. Dieses Recht muss in Landesgleichstellungsgesetzen oder in den Schulgesetzen verankert werden. Am 6. Dezember fand bereits eine erste bundesweite Demo in Hannover statt, die von vielen Verbaenden mitgetragen wurde - weitere Aktionen werden sicherlich folgen.

Foerderfonds staerken - neue Initiativen foerdern

Rechtzeitig zur Zeit der Besinnung und Neuorientierung wollen wir Euch den Foerderfonds zum selbstbestimmten Leben Behinderter ins Gedaechtnis rufen, der sich zum Ziel gesetzt hat, neue Initiativen zum selbstbestimmten Leben Behinderter zu foerdern. So ist es dank der finanziellen Unterstuetzung engagierter Einzelpersonen in den letzten Jahren gelungen, Initiativen wie dem ZsL Mainz, Selbstbestimmt Leben Hannover, Selbstbestimmt Leben Wuerzburg oder dem ISL-Projekt Peer Counseling in Berlin auf die Spruenge zu helfen, die heute ein fester Bestandteil unserer Bewegung sind. Ueberlegt Euch also bitte in einer ruhigen Minute, ob ihr diesen Foerderfonds unterstuetzen koennt oder andere Leute kennt, die dazu bereit sind, denn auch die Selbstbestimmt Leben Bewegung kann nicht nur von Luft und Liebe leben.

Behindertenrat in Hessen gegruendet

Am 2. Oktober 1997 wurde der Landesbehindertenrat Hessen in Frankfurt gegruendet. Entgegen dem unendlichen und nervenaufreibenden Gezerre auf Bundesebene ist es den hessischen Behinderten gelungen, sich klare Kriterien zu geben, so dass im Hessischen Landesbehindertenrat zum Beispiel behinderte Frauen gleichberechtigt vertreten sind und die Selbstvertretung dadurch sicher gestellt ist, dass nur behinderte Menschen bzw. deren gesetzliche VertreterInnen waehlen und gewaehlt werden koennen. Vor allem wird die Gruendung des unabhaengigen Behindertenrates von der Politik gestuetzt, so dass zu hoffen ist, dass der Behindertenrat in Hessen eine wichtige Rolle zur Durchsetzung des ersten Landesgleichstellungsgesetzes fuer Behinderte spielen wird. Eine Herausforderung, der sich die ISL durch ihre gewaehlten Delegierten Christa Pfeil und Ottmar Miles- Paul gerne stellt. Termine 16.-18.1.98 Tagung des Netzwerks Artikel 3 zur Gleichstellung Behinderter in Bad Segeberg

21.3.98 Aktionstag "Mobilitaet fuer Alle" mit Aktionen zur Zugaenglichmachung des Nahverkehrs vor Ort

26.-28.3.98 "Die Wuerde des Menschen ist unantastbar - Gegen die Angriffe der Bioethik auf das Leben" Bundesweiter Kongress mehrerer Behindertenverbaende und der ISL in Kassel

5.5.98 Europaweiter Protesttag fuer die Gleichstellung Behinderter mit dezentralen Aktionen.

Weitere Termine und naehere Informationen gibts bei der ISL- Geschaeftsstelle, Jordanstr. 5, 34117 Kassel,
Tel. 0561/72885-46.

Impressum: Hrsg. Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland - ISL e.V.
- Foerderfonds zum selbstbestimmten Leben Behinderter in Zusammenarbeit mit krueppeltopia e.V. - Verein zur Foerderung der Emanzipation Behinderter
V.i.S.d.P. Ottmar Miles-Paul,
e.V., Jordanstr. 5, 34117 Kassel,
Tel. 0561/72885-46, fax: 0561/72885-29,
E-Mail Miles-Paul@asco.nev.sub.de - Namentlich gekennzeichnete Beitraege geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder

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