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Weltkongress Rethiniking Rehabilitation in Oslo 2004


Der nachfolgende, am 9. Juli in kobinet-nachrichten veröffentlichte Text wurde von kobinet-Redakteurin Christiane Link, die am Weltkongress in Oslo teilnahm, dankenswerterweise ins Deutsche übersetzt.

Von der Krankheitslehre zur Politik

Gleichstellung und Menschenrechte

Von der Krankheitslehre zur Politik - so betitelte der norwegische Behindertenaktivist Lars Odegard seien Rede beim Weltkongress Rethinking Rehabilitation in Oslo. Auf dem Kongress im Juni rief er zum gesellschaftlichen Umdenken und zum Kampf gegen Diskriminierung behinderter Menschen auf.

Odegard ist Generalsekretär des Norwegischen Behindertenverbandes. Seit 30 Jahren ist er in der Behindertenbewegung aktiv. 1998 wurde Odegard der erste rollstuhlfahrende Abgeordnete im norwegischen Parlament. In diesem Jahr berief ihn die norwegische Regierung zum Vorsitzenden der Beratungskommission zur Biotechnologie. Odegard ist -Autor verschiedener Bücher und Artikel zur Situation behinderter Menschen in der Gesellschaft. cl

Die Rede

Das Thema der heutigen Veranstaltung ist „Ideale und Verständnis". Lassen Sie uns anfangen, indem wir über die UN-Erklärung „Gleiche und volle Teilhabe" nachdenken. Wie verstehen wir wirklich das Ziel dieses Ideals? Was bedeutet es, und beeinflusst es den Bereich der Rehabilitation? Wir sind aufgerufen, umzudenken. Um das zu tun, müssen wir die so genannten allgemein anerkannten Fakten auf den Kopf stellen und uns selbst öffnen für neue und vielleicht anspruchsvolle Perspektiven. Meine Erfahrungen sind natürlich geprägt durch die Tatsache, dass ich Rollstuhlfahrer bin und in Norwegen lebe. Zweifellos unterscheiden sich die Beispiele, die ich vortragen werde, von Beispielen aus anderen Teilen der Welt, aber durch meine 20-jährige Reiseerfahrung auf allen Kontinenten, weiß ich, dass die Einstellungen und Mechanismen, die zur einer behindernden Gesellschaft führen, immer die gleichen sind. Behinderte Menschen auf der ganzen Welt begegnen den gleichen Mythen und Aberglauben. Mythen basieren auf der Annahme, dass unser Leben ein ärmeres ist und dass der Grund dafür in unserer Biologie liegt. Diese Mythen sind vielleicht auch der Grund, warum Behinderung primär eine Angelegenheit des Gesundheitswesens und der öffentlichen Wohlfahrt ist. Es ist an der Zeit, uns klar zu machen, dass Behinderung eine Angelegenheit der Menschenrechte ist. Wenn wir das nicht begreifen, bleibt die Chance, Gleichberechtigung und volle Teilhabe zu erreichen, nur ein Traum. Wir müssen die traditionelle Art, wie wir Behinderung und dadurch auch behinderte Menschen sehen, überdenken. Um umdenken zu können, müssen Sie sich Ihrer eigenen Vorstellungskraft bedienen. Hierfür werde ich vier Bilder aufzeigen, die Sie hoffentlich zu neuer Reflexion und neuem Verständnis ermuntern.

Der Unterschied

Ich habe das erste Bild „Der Unterschied" genannt. Das Motiv ist die Gleichberechtigung im Kontext des Alltags. Was bedeutet Gleichberechtigung? Es ist ein gutes Konzept, aber es wird im Alltag nicht so oft umgesetzt. Zu dem ist es ein Ausdruck, der bei Parteien und in Reden bei offiziellen Anlässen oft verwendet wird. Wie selbstverständlich kommt er in internationalen Abkommen vor.

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Leute gleich sind oder gleich werden. Im Gegenteil, es bedeutet, dass Leute unterschiedlich sind, aber dennoch gleichberechtigt. Es ist eines der vielen Konzepte, die so fundamental wichtig sind, dass sie zwar leicht zu verkünden, aber immer noch schwierig in die Praxis umzusetzen sind. Gleichberechtigung hat damit zu tun, wie wir über andere denken und sprechen. Im Einzelnen bedeutet das, ob wir unsere eigenen Worte in die Tat umsetzen, um anderen das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe zu gewähren, damit wir freie Bürger in einer freien Welt sein können.

Viele Unterschiede bei Menschen sind leicht zu erkennen. Wenn Sie mich sehen, ist es für alle offensichtlich, dass ich einen Rollstuhl benutze. Ebenfalls ist es leicht, diejenigen herauszupicken, die eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht haben. Es ist außerdem leicht herauszufinden, ob jemand nicht hören kann, blind ist oder Down-Syndrom hat. Aber es gibt eine Reihe von Unterschieden, die offensichtlich schwierig zu erkennen sind. Und das, was wir sehen, ist häufig das, was wir sehen wollen oder was uns beigebracht wurde zu sehen oder zu übersehen. Die Unterschiede, auf die ich mich bezüglich Gleichberechtigung beziehe, sind keine biologischen, krankheitsbedingten oder andere körperlichen Unterschiede. Diese Unterschiede bestätigen nur, dass Menschen tatsächlich anders sind. Solche Unterschiede machen jeden Menschen einzigartig. Ohne sie wären wir eintönig, langweilig und grau. Ohne sie wären wir wirklich weniger Mensch. Zwar sind die Unterschiede, von denen ich spreche, nicht unsichtbar, aber sie machen viele von uns unsichtbar.

In unserer Gesellschaft bauen Menschen Einstellungen, Barrieren und Hindernisse auf, die andere davon ausschließen, an der Gemeinschaft teilzuhaben. Die Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft planen und strukturieren, hat dramatische Konsequenzen für diejenigen, die in ihr leben. Die Möglichkeiten der Selbstentfaltung, Unabhängigkeit und Teilhabe an der Gesellschaft - kurz, die Möglichkeiten, wie wir unser Leben als ganzer Mensch leben können - wird nicht durch Ihren biologischen Status entschieden, sondern dadurch, welche Hindernisse andere Ihnen in den Weg legen. Also es kommt nicht wirklich auf das Krankheitsbild eines Einzelnen an, sondern auf die Gesellschaftspolitik! Es geht um eine Gesellschaft, die die schlichte Tatsache beachtet, dass Menschen unterschiedlich sind. Das ist gegenwärtig nicht der Fall. Wir entwickeln und konstruieren unsere Umwelt als seien wir alle gleich. Dies hat negative Folgen für einige von uns. Manche von uns werden ausgeschlossen. Das macht uns unsichtbar. Viele Schulen sind nicht auf uns eingerichtet. Wir können nicht einkaufen, wo wir wollen. Wir sind von öffentlichen Verkehrsmitteln ausgeschlossen. Information wird in einer Weise vermittelt, wie es der Mehrheit passt, nicht in einer Weise, wie es den Bedürfnissen von Zuhörern, Lesern und Zuschauern entspräche.

Die Liste ist lang und sie enthält alle Aspekte des sozialen Lebens. Es geht nicht um Zufälle, im Gegenteil, es geht um eine systematische Ausgrenzung und Aussonderung. Die Zahl der Menschen, die das betrifft, ist nicht klein: Mehr als 500 Millionen Menschen sind in irgendeiner Weise betroffen - jeden Tag und auf der ganzen Welt. Es ist nicht so, dass wir zahlenmäßig wenige sind. Es sieht nur so aus, da wir durch Ausgrenzung unsichtbar gemacht wurden. Diese Ausgrenzungspolitik hat natürlich auch Folgen auf das Verhältnis von anderen Menschen zu uns - entweder weil sie uns nicht sehen oder wenn sie uns sehen, dann an einem speziell gestalteten Ort „für Menschen wie Dich", in der Warteschlange vor einer Toilette „für Menschen wie Dich", spezielle Transportangebote gebrauchend „für Menschen wie Dich" und separate Eingänge nutzend "für Menschen wie Dich". Dieser Unterschied beeinflusst auch das Verhältnis zu uns selbst.

Wir sind nicht da wo Du bist. Hinzu kommt: Wenn man uns hineinlässt, dann nur durch eine Hintertür, um dann einen eigens ausgewiesenen Platz zu erreichen. Natürlich macht das etwas mit uns. Es berührt unser Gefühl der Selbstachtung. Es macht uns ungleich. In unserer Welt, in unserer Zeit, ist das zulässig. In unserer Kultur ist das die Regel, nicht die Ausnahme. Unglücklicherweise, sind diese Behauptungen weder pessimistisch noch falsch. Sie basieren tatsächlich auf Beobachtungen und Erfahrungen. Das sind Tatsachen, die nicht länger weggebürstet werden können mit dem Kommentar „Heutzutage tun wir sicherlich mehr für Behinderte als in jeder anderen Zeit der Geschichte."

1981 einigten sich die Vereinten Nationen auf das Ziel „Gleichberechtigung und volle Teilhabe". 23 Jahre sind seitdem vergangen. Eine Generation. Immer noch ist das Ziel ein Traum. Immer noch haben wir den Traum von einer „Gesellschaft für alle", nicht von einer Gesellschaft mit ausgrenzenden Lösungen für die von uns, die eine andere Biologie als die der Mehrheit haben, und nicht von einer Gesellschaft, in der Ausgrenzung häufig mit Staatsgeldern wie Steuern finanziert wird. In unserem Alltag gibt es viele Barrieren und viele sind unüberwindbar. „Warten Sie nur einen Augenblick und wir helfen Ihnen gerne", ist das, was wir zu hören bekommen. Dies kann manchmal in Ordnung sein, aber eben nicht immer. Zum Beispiel: Was machen Sie, wenn Sie sehbehindert sind und möchten am Geldautomaten Geld abheben? Wer hilft Ihnen? Wem geben Sie die Karte und wem verraten Sie die Geheimnummer? Haben Sie mal versucht, einen Abend lang nur auf die Bilder der Nachrichtensendungen zu starren? Die Nachrichten sind für hörgeschädigte Menschen nicht untertitelt. Aber dennoch, in manchen Ländern ist man wirklich sehr nett. Das ist der Grund, weswegen man dort ein spezielles kleines Nachrichtenmagazin von etwa 5 Minuten zeigt - für die armen Leute, die nicht hören können. Meine einfache Frage: Ist das Teilhabe? Ist das Gleichberechtigung?

Das führt mich zu der einfachen aber dennoch wichtigen Frage: Warum? Warum wird unsere Ausgrenzung so gebilligt? Wie kommt es, dass wir nicht wütend sind und Sturm laufen gegen diese systematische Diskriminierung?

Das Verständnis

Wenn wir die Gründe verstehen wollen, müssen wir uns die Hintergründe anschauen. Das bedeutet, wie behinderte Menschen, als Gruppe und als Einzelpersonen, von der Gesellschaft. deren Teil wir sind, verstanden werden. Der einfachste Weg, um anzufangen, könnte die Wahl der Wörter sein, die wir verwenden. Durch unsere Sprache vermitteln wir Einstellungen, die natürlich auch unsere Handlungen beeinflussen. Welche Worte und Begriffe werden für uns verwendet? Sind sie positiv oder negativ? Sind sie integrierend oder stigmatisierend? „Krüppel" ist ein Ausdruck, von dem wir vielleicht dachten, er sei überholt. Aber leider gedeiht er in Tageszeitungen. Der Athlet Carl Louis wurde kürzlich wie folgt betitelt: „Der Held wird zum Krüppel". Hier zeigt sich die Sichtweise: Von einem Ideal, einem Helden, zur untersten Ebene einer Niederlage - einem Krüppel. Die Aussage beeinflusst sowohl denjenigen, der es äußert als auch die, über die gesprochen wird. Aber selbst stark stigmatisierende Aussagen sind offensichtlich nicht genug. Eine Art linguistische Würze wird benutzt, um die Bedeutung der Aussage zu betonen: "Sie war dazu verdammt, ihr Leben in völliger Dunkelheit zu verbringen" und "Er war an den Rollstuhl gefesselt" - um nur einige zu nennen.

Invalide, Abnormalitäten, Funktionsstörungen, Abweichungen, Sinnesstörungen sind einige der Ausdrücke, die häufig benutzt werden. Die Beschreibungen über uns sind vielfältig und keine davon zeichnet ein positives Bild. Die Ausdrücke sind negativ besetzt und sie führen zu einer bestimmten Einstellung bei denen, die sie benutzen. denen. die sie hören und nicht zuletzt bei denen. die damit gemeint sind.

Warum lässt diese Gesellschaft, die von sich selbst behauptet, das sie auf Menschenrechten basiert, zu, dass bösartig stigmatisierende Begriffe für uns verwendet werden? Man macht weiter und weiter, völlig unbedacht, es kommt zu keinen Diskussionen; und es entzündet sich kein Ärger. Unsere ständigen biologischen Eigenschaften werden als Tragiken betrachtet und dabei entsteht der Mythos, dass unsere eigenen Körper Schuld an diesen Tragiken sind. Das Problem, so gesagt, liegt also hei uns. Aber wir sind unsere Körper- unsere Körper sind ständig ein Teil von uns.

Die Tatsache, dass ich nicht laufen kann, ist nicht etwas, vor dem ich weglaufen kann, um es so zu sagen. Es ist nur insoweit richtig als es auch richtig ist, dass ich ein Mann bin und dass ich die bestimmte Hautfarbe habe, die ich nun einmal habe. Es ist nicht der Körper, der das Problem ist: es ist der Mythos, der das Augenmerk auf das Krankheitsbild und die Biologie lenkt. Das ist unser kulturelles Problem.

Die Kernaussage ist eher bei denen zu suchen, die unsere biologische Stellung auswerten und die die Lehre - über unser Leben unter tragischen Bedingungen - unter dem gemeinsamen Nenner "schwerer Leiden" ausgeklügelt haben. Die Kernaussage findet man in der Kultur und Tradition der Medizin.

Du und ich und jedermann, wir lassen uns indoktrinieren. Behinderte werden als "krank" betrachtet und werden daher zu Kranken gemacht. Wie krank ist man wirklich, wenn man nicht wie die Mehrheit laufen, sehen, hören oder verstehen kann? Warum nennt man es Krankheit. wenn in Wahrheit von einem permanenten biologischen Merkmal die Rede ist? Warum ist es ein ~schweres Leiden", wenn man eine biologische Eigenschaft hat, für den der medizinische Berufsstand weder therapeutische noch medizinische Heilmittel hat? Sind wir krank? Werden wir dann beides sein, krank und erkrankt, falls wir einmal erkranken? Oder sind wir ständig krank? Wann nennt man es "schweres Leiden", für wen wird es dann schwer sein und wer leidet eigentlich? Ich leide nicht darunter, dass ich nicht laufen kann. Ich bin in Wirklichkeit sehr zufrieden damit. Ich bin seit der Kindheit nicht mehr gelaufen und weiß, ich werde nie mehr in der Lage sein, zu laufen. Ist hier jemand, der durch mich leidet, weil ich nicht laufen kann? In diesem Fall wäre es wirklich schwierig.

In der medizinischen Tradition wurden wir behandelt und rehabilitiert mit dem Augenmerk auf die Dinge, die unser Körper nicht kann. Das verstärkt den Eindruck, dass das Problem mit meinem Körper verknüpft ist und nicht mit Einstellungen in der Gesellschaft oder der Gestaltung meiner Umwelt. Der Körper wird als defekt eingestuft und das Ziel wird, ihn zu reparieren - auch wenn kein Arzt der Welt in der Lage ist, mich zum Laufen zu bringen. Mein Ziel ist es auch nicht, laufen zu können. Mein Ziel ist, mein eigenes Leben zu leben. So wie ich in der Lage bin, es zu leben und nicht wie andere meinen, ich es leben sollte. Ich möchte mein Leben zusammen mit anderen leben, in der Umgebung, die ich gewählt habe, und nicht beschränkt auf die Umgebung, von der andere meinen, dass ich Zugang habe.

Mein Körper, so wie Ihrer, ist ein Teil von mir. Ich lehne es ab, meine eigene Biologie als Problem anzusehen. Ich lehne es ab, zu glauben, dass es mein Fehler ist, dass ich keinen gleichberechtigten Zugang habe, zu dem was andere als selbstverständlich erachten, nur weil ihre Biologie anders ist als meine.

Mein Grundproblem ist nicht meine Diagnose, meine Schmerzen oder meine schlechte Durchblutung. Mein Problem ist nicht, dass ich nicht laufen kann oder dass ich keinen Bierkrug stemmen kann. Mein Problem ist nicht der Rollstuhl. Mein Problem ist, dass ich auf der Straße stehen bleiben muss, wenn meine Tochter mit mir einkaufen gehen möchte, um das Kleid zu kaufen, das sie möchte. Mein Problem ist, dass ich jedes Mal im Restaurant durstig bleiben muss, weil es keine geeigneten Toiletten gibt, die ich nutzen kann. Mein Problem sind die Einstellungen und Barrieren, die mich vom Rest der Gesellschaft ausschließen.

Was ist das in unserer Kultur, das der Gesellschaft das Recht gibt, mich aus einem defektologischen Blickwinkel zu betrachten und als Antwort auf die Fragen, die mich betreffen, eine Art medizinischen Korrigierungswahn anzubringen, wenn für jeden anderen Politik die Antwort wäre. Möglicherweise gut gemeint, aber sicherlich ohne Beachtung psychologischer und sozialer Konsequenzen, hat die Medizin klinische Befunde von Einzelnen als Abweichungen von dem, was als normal angesehen wird, beschrieben. Die Erforschung von Krankheiten hat uns in Diagnosen und medizinische Behandlungssysteme einkategorisiert und stempelt uns mit wenig schmeichelnden Bemerkungen ab, ohne nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, welche Signale jemand gibt, welche Werte, um es so zu sagen, an unseren biologischen Merkmalen festgemacht werden, wie wir sind und was uns bleibt.

Dies soll kein Angriff auf die Mediziner und den medizinischen Berufsstand sein, aber es ist ein Versuch, an tief verwurzelten Traditionen zu rütteln und klar zu machen, was Medizin und was Politik ist. Der medizinische Berufsstand nutzt heute die soziale Wohlfahrtspolitik als ein Alibi gegen den Kampf für gleiche Rechte von behinderten Menschen. Beispiele zeigen, dass Wohlfahrtspolitik und Rechtstraditionen auf dem Prinzip aufgebaut sind, dass es Menschen gibt, die nicht dem Standard entsprechen. Um dies zu verdeutlichen, nutzt die Gesellschaft die Ärzte. Ich fahre im Bus in London, Berlin und Barcelona, aber nicht in meinem eigenen Land. Die Busse hier sind nicht angepasst. Aber wir schauen nicht auf den Fehler des Busses, stattdessen beauftragen wir den Arzt herauszufinden, was falsch an mir ist und bestätigen das in einem medizinischen Bericht. Erst wenn der Arzt seine offizielle Unterschrift gegeben hat, werden meine Transport-Bedürfnisse erfüllt. Nicht zusammen mit anderen, sondern getrennt. Mit der ärztlichen Erlaubnis kann die Gesellschaft ihre Diskriminierung fortführen - und über all das wird ein Deckmäntelchen der Menschlichkeit gelegt. Es kann sein, dass dies zu mehr Teilhabe führt, aber niemals zur Gleichberechtigung.

Die Parallelen

Das dritte Bild hat mit der Geschichte zu tun und was wir beim Betrachten von uns selbst und anderen gelernt haben. Das Motiv ist wieder, dass wir die lange Tradition haben, das Augenmerk auf die Biologie des Einzelnen zu richten und was wir bei der Auswahl des Fundaments von Auffassungen und Einstellungen der Gemeinschaft als Ganzes zulassen. Die Art wie wir andere sehen hat Konsequenzen für das Leben dieser anderen Personen.

In meiner ersten Schulfibel konnte ich lesen: „Mutter macht den Abwasch, Vater liest die Zeitung". Wie wurden Frauen in unserer eigenen Kultur vor 30 Jahren, vor 10 Jahren und jetzt geachtet? Auf Frauen wurde herabgesehen als das so genannte schwächere Geschlecht. Die Einstellungen gegenüber Frauen wurden von Männern festgelegt, je nachdem wie diese sie betrachtet und eingestuft haben. Frauen waren dafür da, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Zu dieser Zeit, war es eine allgemein anerkannte „Wahrheit", dass Frauen nicht die intellektuellen Fähigkeiten haben, um eine höhere Bildungslaufbahn erfolgreich einzuschlagen. Es wurde als unsittlich angesehen, wenn Frauen beruflich Karriere machten. Frauen sollten in Konferenzen ruhig sein. Frauen, die den Wunsch und das Talent hatten, mit der Außenwelt als Schriftstellerinnen zu kommunizieren, waren häufig gezwungen, ihre Bücher unter einem männlichen Alias zu veröffentlichen.

Wenn diese Unterdrückung über lange Zeit und über Generationen hinweg institutionalisiert wird, dann wird die Wahrheit dieser männlich-chauvinistischen Kultur wieder bestätigt als die Wahrheit der Gesellschaft als Ganzes. Sie wird normativ für die Politik und die Gesellschaft.

Aber vielleicht wachen die Frauen mehr und mehr auf. Sie sehen, dass die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht Grund genug sind, die Unterdrückung fortzuführen. Wir alle sind mehr und mehr bereit kritisch zu hinterfragen, welche Folgen unsere kulturell begründeten Traditionen haben. Wir verstehen, dass die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau keine naturgegebene Rangordnung vorgeben, bei der die Männer besser angesehen sind als Frauen oder Frauen besser angesehen sind als Männer. Im Gegenteil, die Wahrheit ist, dass wir alle gleich viel wert sind, dass biologische und krankheitsbedingte Unterschiede nicht unnormal sind und dass diese Unterschiede niemals Unterdrückung und Ausgrenzung rechtfertigen können. Wir sollten auch die Parallelen zu den Bildern sehen, die wir durch die Medienberichte über das Leben von Frauen in Afghanistan während des Taliban Regimes gesehen haben.

Frauen waren gegen ihren Willen in Burkas gehüllt - stigmatisiert, unsichtbar gemacht, ausgegrenzt. Unter diesen kulturellen und politischen Umständen wurden Frauen aufgrund ihrer Biologie als weniger wert angesehen als Männer. Sie wurden von Arbeit und Bildung ausgeschlossen. Sie konnten kein Teil der Gesellschaft sein. Sie hatten nur sich selbst. Der Grund war ihre Biologie.

Wer erinnert sich nicht an das weiße Regime in Südafrika und wie sie mit den schwarzen Menschen umgegangen sind? Wie Schwarze von jeglicher gleichberechtigten Teilhabe in ihrer eigenen Gesellschaft ausgesperrt wurden. Wie ihnen nicht erlaubt war, mit weißen Menschen gemeinsam zur Schule zu gehen, wie sie gezwungen wurden, separate Eingänge zu benutzen, oft im hinteren Teil eines Gebäudes, wie sie in öffentlichen Verkehrsmitteln auf eigens für sie ausgewiesene Plätze verwiesen wurden, wie sie nicht dort einkaufen konnten, wo sie wollten, nicht die Restaurants besuchen konnten, die sie wollten, wie sie nicht gleichberechtigt behandelt wurden.

Was waren die Gründe für die Apartheid-Politik? Es war der biologische Status der afrikanischen Ureinwohner. Es war ihre Hautfarbe. Dieser biologische Befund führte zur systematischen Ausgrenzung, Unterdrückung und zum Entzug von Freiheit durch die ganze Gesellschaft. Denken Sie mal darüber nach! Vor ein paar Jahren funktionierte das Apartheid-System noch. Heute ist es vorbei. Wenn der Druck nur groß genug ist, können wir die Diskriminierung beenden. Aber es kam nur zu einem Ende, weil andere als die Schwarzen selbst den Kampf unterstützt haben. Der äußere Druck kam durch Kampagnen, Sanktionen, Reaktionen und der ständigen Äußerung von Empörung zustande. Apartheid war nun nicht mehr nur unangenehm für die unmittelbar Betroffenen oder besonders interessierte Menschen. Es betraf alle. Es bedrohte alle. Es war peinlich für alle. Aber man musste es erst erkennen.

Das Erkennen

Das letzte Bild handelt vom Erkennen. Das Erkennen, dass die Parallelen in der Geschichte zeigen, dass behinderte Menschen Diskriminierung erfahren. Wir sind genau den gleichen Mechanismen ausgesetzt, die zu Einstellungen und Handlungen gegen uns führen und uns minderwertig erscheinen lassen. In diesem Fall entspricht unser biologischer Status nicht der etablierten „Wahrheit" darüber, was als natürlich und normal akzeptiert ist. Der Grad der Gleichberechtigung und Teilhabe hängt von denen ab, die einen beurteilen, die Norm festlegen und von denen, die Urteile fällen.

Lassen Sie mich einen Mann zitieren, der es gewagt hat, offen über das Fehlen von Gleichberechtigung zu sprechen und der der Anti-Diskriminierung ein Gesicht gegeben hat. Er sagte einmal: „Wir möchten ein Gehalt bezahlt bekommen und eine Arbeit verrichten, für die wir geeignet sind und keine Arbeit tun, von der der Staat meint, dass sie für uns geeignet ist. Wir wollen da leben, wo wir möchten und nicht woanders, weil wir in der Region nicht geboren sind. Wir wollen nicht gezwungen sein, in gemieteten Häusern zu wohnen, die wir niemals unser Eigen nennen können. Wir möchten Teil der normalen Bevölkerung sein und nicht gezwungen sein, in unseren eigenen Ghettos zu leben. Wir möchten, dass es uns erlaubt ist, auch nach 11 Uhr abends aus dem Haus zu gehen und nicht in unseren Zimmern zu sitzen wie kleine Kinder. Wir möchten in unserem eigenen Land reisen können. Wir möchten einen gerechten Teil des ganzen Landes haben; wir wollen Sicherheit und einen Anteil an der Gesellschaft. Vor allem möchten wir gleiche politische Rechte, denn ohne sie werden unsere Behinderungen dauerhaft sein". Vergleichen Sie mal die Aussagen in seiner Rede mit der Situation hundert Millionen Behinderter in der heutigen Welt. Er hat es mit Behinderungen verglichen -und er tut es heute noch genauso. Er ist einer der stärksten Unterstützer der Behindertenbewegung weltweit.

Er beendete seine Rede indem er sagte:" Ich weiß, das klingt revolutionär für die Weißen in diesem Land". Und auch wenn es sich unglaublich anhört, es waren nicht die behinderten Menschen über die Nelson Mandela sprach. Es hörte sich nur so an.

Haben sie jemals über die vielen Parallelen nachgedacht, die es bei der Apartheit, unter der südafrikanische Ureinwohner leben mussten, ausgegrenzt von gleicher Teilhabe an der Gesellschaft, und den Bedingungen, gegen die behinderte Menschen in der Welt kämpfen gibt?

Es ist unser Kampf gegen Absonderung, Demütigung, Herabsetzung und Ausgrenzung. Die Motive waren sicherlich andere, und ihnen begegnete eine andere Intensität und Brutalität, aber die Konsequenzen waren nichtsdestotrotz sehr ähnlich. Wir haben keine gleichberechtigte Stellung wie nicht behinderte Menschen. Wir haben nicht die gleichen Teilhabemöglichkeiten. Und noch einmal, die Biologie ist die Basis für unsere Diskriminierung.

Erhält die Rehabilitation die Mythen über uns weiter oder ruft sie einen Paradigmenwechsel gegenüber behinderten Menschen auf der ganzen Welt aus? Die Unterscheidung zwischen Behinderung und Beeinträchtigung sind ausschlaggebend für das Verständnis der Rehabilitation. Es ist wichtig, die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Herangehensweise für jeden Einzelnen, zu unterstreichen. Jeder Mensch, unabhängig seiner biologischen Eigenschaften, ist zuerst ein soziales Wesen. Das Konzept der Rehabilitation muss auf diesem Verständnis aufgebaut werden.

Die Grundlage muss die gleichberechtigte Stellung sein und der Kampf gegen Diskriminierung. Viele Männer waren, und sind es teilweise immer noch, der Auffassung, dass Frauen keiner Diskriminierung ausgesetzt sind. Die Weißen in Süd-Afrika waren auch lange der Meinung, dass Schwarze nicht diskriminiert werden. „Wir passen auf sie auf', sagten sie. „Wir geben ihnen Sicherheit solange sie nicht selbst auf sich aufpassen können". Weil diejenigen, die diskriminieren, diejenigen, die sie diskriminieren, nicht als gleichberechtigt ansehen, übernehmen sie eine bevormundende Stellung, passen auf die so genannten Schwachen auf, die in ihren Augen ein bisschen hilflos und anders sind.

Wenn jemand lange Zeit diskriminiert wird, dann wird er selbst Teil einer Kultur, in der Diskriminierung gedeihen kann. Die Geschichte hat uns viele Unterdrückte gezeigt, die ihre Unterdrücker entschuldigt und verteidigt haben. Wenn die Gesellschaft institutionalisierte Diskriminierung erfolgreich durchgesetzt hat, werden die Diskriminierten selber ganz ruhig, bescheiden und dankbare Empfänger des Wohlwollens einer diskriminierenden Gesellschaft.

Das ist der Grund, warum immer noch so viele Behinderte nach mehr Krankengymnastik rufen statt nach Freiheit - weil das genau das ist, was uns beigebracht wurde. Meine letzte Frage wäre dann also: Was glauben wir von der Krankengymnastik zu bekommen, wenn nicht unsere Freiheit?

Aus: forsea - Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen e.V., September 2004, Seite 38


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