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Überblick: technische Hilfsmittel


Kinder- und Jugendrollstuhl „Cheetah"

Flottes Allroundtalent

Der Kinder- und Jugendrollstuhl „Cheetah" der dänischen Firma R 82 im Alltagstes

Von Hannes Heiler

Die R82 ist eine relativ kleine Firma mit Hauptsitz in Dänemark und Tochtergesellschaften in England, Holland, Deutschland und den USA. R82 bietet eine Handvoll Produkte an, vor allem für Kinder und Jugendliche. Gegründet wurde das Reha-Unternehmen 1982 (daher auch der Firmenname), und seit 1991 werden die Produkte in Deutschland vertrieben, erst durch ein deutsches Unternehmen, inzwischen durch eine eigene Tochterfirma. Der Produktname „Cheetah" stammt aus der Tierwelt, wie alle Produkte dieser Firma nach Tieren benannt sind. Beim Cheetah handelt es sich um einen Geparden, also ein zierliches, schnelles Raubtier. Auch Werbung und Pressetext weisen in diese Richtung: leicht, schnell, wendig, chic. Dabei ist der Cheetah eigentlich gar nicht so leicht: 15 Kilogramm (laut Prospektangabe) sind schon für einen Erwachsenenstuhl nicht gerade revolutionär wenig, erst recht gilt dies für einen Kinderstuhl. Dabei hat dieser Stuhl ganz andere Qualitäten, die mir auch mehr imponieren als ein paar hundert Gramm mehr oder weniger: Er lässt sich mit einem Minimum an Werkzeug außergewöhnlich gut an persönliche Proportionen, die Haltung und andere Wunschgrößen anpassen.

Sehr variabel

Und auch in anderer Hinsicht ist der Cheetah extrem variabel: Von 28 bis 40 Zentimeter Sitzbreite kann ein und derselbe Stuhl eingestellt werden, nur wenige Teile (z. B. Sitz- und Rückenpolster sowie Sitzholme) passen nicht für alle Nutzer und müssen gegebenenfalls ausgetauscht werden. Das ist wichtig für einen Kinder- und Jugendrollstuhl, der den Anspruch hat, mitzuwachsen. Als Bedienungsanleitung hätte ich bei einem so variablen Stuhl einen dicken Leitzordner erwartet - doch mit 32 Seiten DIN A5 fällt das Heftchen überraschend dünn aus, dazu gelegentlich noch in etwas holpriger Übersetzung.

Bedienungsanleitung

So fehlt zum Beispiel der Hinweis, was bei der Kombination von Steckachsen und Trommelbremsen zu beachten ist: Die abgeflachte Seite am Bremsträger muss nach oben zeigen, damit sie in die entsprechende Führung eingreifen kann. Wer das nicht weiß, hat schnell ein Rad ab. Sehr gut gefallen haben mir die Hinweise zu Pflege und Wartung. Dabei befasst sich die Bedienungsanleitung mit Waschen und Absaugen der Polsterbezüge ebenso wie mit Luftdruck und Bremskontrolle - und nach Verstell-Aktionen auch mit dem Nachziehen aller Schrauben. Schade auch, dass der Stuhl noch keine Hilfsmittelverzeichnis-Nummer hat - immerhin: Sie ist beantragt. Ohne dieses Begriffsmonstrum ist nun mal mit Schwierigkeiten bei den Krankenkassen zu rechnen, und die sind in aller Regel für die Finanzierung von Rollstühlen zuständig. Vom Feinsten sind die Räder mit drei Streben sowie integrierten Trommelbremsen und Steckachsen. Der dänische Spezialist MBL bietet diese zwar seit Jahren an, aber sie gehören in dieser Kombination nur selten zur Ausstattung von Serien-Rollis. Aber gerade für Kinder und Jugendliche sind sie sinnvoll, es fehlt eigentlich nur noch die serienmäßige Ausstattung mit pannensicheren Reifen, denn welches Kind achtet noch auf Scherben oder Reißnägel, wenn es spannend wird?

Material

Der Stuhl besteht aus einem Materialmix - tragende Teile sind aus Alu-Rohren oder -profilen, die meisten Formstücke aus Kunststoff („PA6"). Der Firmenmitarbeiter berichtete stolz, dass der Stuhl in der Standard-Ausführung gerade mal 4 Schweißstellen habe, nämlich an den beiden unteren Längsholmen (Befestigung der Castorbuchsen sowie der Quertraversen). Alle anderen Verbindungen sind geschraubt. Die Gesamtzahl der Schrauben an einem Cheetah konnte er uns allerdings nicht nennen. Einen Satz Inbusschlüssel sollte man jedenfalls immer parat haben.

Der Sitz

Spannend ist bei so einem Stuhl die Frage: Wie leicht oder schwer kann ich ihn auf unterschiedliche Maße einstellen? Bei einer Sitzbreite von 41 Zentimetern (nominell 40 Zentimetern) hat er immerhin eine Aussenbreite von 69 Zentimetern! Schade eigentlich, denn so bleibt man denn doch in manchem Nadelöhr stecken. In der Sitzplatte steckt eine ganze Batterie kleiner Inbusschrauben, die gelöst werden müssen, am Rücken sind es dagegen nur zwei dicke auf jeder Seite. Abgesehen davon, dass die Verstellung alles andere als leichtgängig ist, funktioniert es auf Anhieb. Von 40 auf 34 Zentimeter hatte ich noch nie zuvor einen Rollstuhl so einfach verstellt. Weniger flexibel sind da die Sitz- und Rückenpolster, aber immerhin kann man die (mehrlagige!) Schaumstoffschicht im Bezug umfalten, so dass der Sitzkomfort nicht beeinträchtigt wird. Beim (De-)Montieren der Polster fluchte ich über die vielen Klett-Streifen: Das Sitzpolster hat rundum Klett, damit man an den Schaumstoff im Inneren herankommt, und zusätzlich sind die Polster mit Klett an Sitz- und Rückenplatte befestigt. Ist die Montage erst einmal geschafft, muss man kaum Angst haben, sein Sitzkissen liegen zu lassen oder es zu verlieren. Die Sitzkissen haben nicht nur ihre inneren Werte, auch die Bezüge sind edel: Sie bestehen aus wildlederartigem Mikrofaser-Stoff, sind formbeständig und langlebig. Der Hersteller gibt auf den Bezugsstoff 10 Jahre Garantie gegen Durchscheuern.

Auch die Sitztiefe lässt sich ein Stück weit verstellen: Die Gelenke, an denen der Rücken geneigt bzw. umgeklappt wird, können gelöst und auf der seitlichen Schiene verschoben werden. Das allerdings hat nicht kompensierbare Auswirkungen auf den Schwerpunkt. Also bliebe bei Bedarf nur die Möglichkeit, die Sitzplatte von den Seitenholmen zu lösen und nach hinten zu verschieben. Ist der Sitz angepasst - in meinen - Fall: von 40 auf 34 Zentimeter Sitzbreite verstellt -, sieht der Rollstuhl ein wenig albern aus, denn das Fahrgestell muss extra justiert werden. Also wieder diverse Schrauben lösen, Radaufhängungen verschieben (bitte auf beider Seiten gleichmäßig), Schrauben wieder anziehen. Nun passen Sitz und Räder wieder zueinander.

Der Lohn der Mühe: Bei einer Sitzbreite von 34 Zentimetern hat der Stuhl noch 61 Zentimeter Außenbreite. Genau daneben ist auch vorbei, allzu viele Türen haben nur 60 Zentimeter Weite. Könnte man dem Stuhl noch den negativen Sturz abgewöhnen, würde es passen. Ja, ich weiß, nun kommen wieder die Kommentare: Ein Rollstuhl mil negativem Sturz sieht einfach cooler aus, und der Sturz schützt auch die Hände (wenn unten die Greifreifen an den Türrahmen stoßen, klemmt mar sich oben die Hände immer noch nicht). Schön und gut, aber mit Null Sturz käme man mit dem Stuhl durch eine 60er Tür.

Dass ein Stuhl für Kinder und Jugendliche Kippschutz-Röllchen hat, ist sehr sinnvoll, zumal er zum Experimentieren einlädt und das kann kippelig werden. Das Besondere dabei: Ein einigermaßen beweglicher Nutzer kann nach unten greifen und diese Dinger eigenhändig ein- und und ausschwenken.

Die Rückenverlängerund ist vom Sitzgefühl etwa genauso gut wie der Rücken. Da eine 30er Rückenhöhe nur in wenigen (z.B. tief querschnittgelähmten) Nutzer ausreicht, ist die Rückenverlängerung für viele notwendig. Nun werden Sie sich fragen: „Was soll ich dann gleich mit einer 53-Zentimeter- Rückenhöhe (Gesamtmaß mit der Verlängerung)? Dieses Maß ist in der Mitte genommen, denn dieses Teil ist geschwungen dreieckig, in der Mitte hat man bis oben hin Halt, seitlich bleibt für die Arme dennoch sehr viel Bewegungsfreiheit. Könnte man den Rücken noch in der Kontur verstellen (zum Abstützen von Skoliosen), wäre der Sitzkomfort perfekt.

Szenen aus dem Alltagstest

Als erstes fuhr eine Kollegin den Cheetah, im Büro. Obwohl sie sonst mit einem elektrischen Hilfsantrieb fährt, rückte sie den Cheetah erst am Feierabend wieder heraus, ein Kompliment für den Sitzkomfort in diesem Modell. Auch die Handhabung fiel ihr sehr leicht, obwohl sie sonst 24-Zoll-Hinterräder gewohnt ist und das Testmodell 22-Zoll-Räder hatte. Nur mit den Füßen hatte sie ein paar Probleme. Aufgrund ihrer relativ langen Beine musste ich die Fußplatten so weit nach vorn und nach unten stellen, wie es möglich ist. Doch dann waren ihr beim Umsetzen auch die hochgeklappten Fußplatten noch im Weg. Überhaupt, die Fußplatten hatten es ihr angetan: Aufgrund deren Größe und Form nannte sie sie spontan „Entenfüße"! Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Die zweite Testkandidatin hielt den Cheetah erst einmal für einen reinen „Innenstuhl" und stellte sich die Rückenlehne eher bequem ein. Doch dann merkte auch sie: So lange es um Erledigungen im Stadtteil geht, ist der Cheetah mindestens so gut wie zu Hause. Allerdings kann man darin einen Fußsack nicht vernünftig benutzen. Besser ist dann schon eine dicke, gefütterte Schihose und -jacke, und erst einmal war der Stuhl auch noch breit genug dafür. Apropos: Allzu oft habe ich Menschen in viel zu breiten Rollstühlen sitzen sehen, die die Überbreite damit rechtfertigten, im Winter müsse man ja auch in dicker Jacke reinpassen. Beim Cheetah ist das kein Thema, denn die Breite läßt sich relativ einfach anpassen, und schon ist der Stuhl auf Wintermaße umgestellt. Da der Cheetah nicht besonders starr ist - manchmal knarzt es sogar im Gestänge -, eignet er sich nicht für ambitionierte Sportler. Die Testerin fand das eher angenehm, da der Stuhl daher nicht so bretthart jeden Stoß von unten weitergab (im Alltag nutzt sie einen Rolli mit Hinterrad-Federung). Ihre Helferin fand den Schiebegriff gewöhnungsbedürftig, aber dann ganz in Ordnung.

Insgesamt fanden die beiden: In den Wald sollte man mit dem Stuhl nicht, aber für Schule oder Beruf ist er sicher super, auch für die Entspannung zwischendurch, sei es im Cafe oder beim Stadtbummel. Will man den Stuhl in einem Auto transportieren, kann man natürlich die Rückenlehne umklappen und die Räder abnehmen. Aber auch das verbleibende „Päckchen" ist immer noch ein bisschen sperrig. Wer selbst ins Auto einsteigt und dann den Rollstuhl mit Muskelkraft einladen will, steht vor einem Problem. Hat man dagegen kein eigenes Auto, sondern wird gelegentlich mit einem Behinderten-Fahrdienst transportiert, ist man wieder auf der sicheren Seite: Der „Kraftknoten" für die Sicherung des Rollstuhls im Fahrzeug wird ab Werk angeboten.

Verarbeitung

Im Großen und Ganzen ist der Stuhl einwandfrei verarbeitet. Wie sich langfristig die verschiedenen Materialien (vor allem als Materialmix) bewähren, kann ich nicht beurteilen, aber einen gewissen Optimismus würde ich da schon haben. Überall, wo es auf Stabilität ankommt, ist das Material großzügig dimensioniert. Die Kehrseite dieser Medaille: Leicht ist dieser Stuhl keineswegs, auch wenn er flott und interessant aussieht, und in vieler Hinsicht auch sehr interessant ist. Fast 17 Kilogramm sind eine Menge Holz (Pardon: Alu und Kunststoff) - für einen Erwachsenen Rollstuhl und noch viel mehr für einer Kinder- und Jugend-Rollstuhl. Die dreirädrige Ausführung für kleine Kinder (ab 28 Zentimeter Sitzbreite) ist ein wenig leichter, aber dennoch wird der Einsatzschwerpunkt dieses Stuhls eher bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen, bei Menschen, die erst Erfahrungen sammeln müssen, verschiedene Positionen ausprobieren wollen - und gerade auch bei Menschen mit kurzen Beinen (z. B. von Spina bifida oder der (Glasknochenkrankheit Betroffene).

Hindernisse sind zu umfahren

Der Cheetah hat keine Schiebegriffe, wie man sie von anderen Rollstühlen kennt, der kleine Schiebebügel erinnert an Kinderwagen. Hat man sich an ihn gewöhnt, sollte man dennoch auf keinen Fall den Rollstuhl mit dem Insassen die Stufen hochziehen. Die Gelenke, an denen der Rücken (und damit auch der Griff) befestigt ist, halten das nicht lange aus. Und die Befestigung des Griffes ist nur solange in Ordnung, als nicht auch die Rückenverlängerung montiert ist, denn nur die Befestigung am Rollstuhlrücken selbst erweist sich als zuverlässig genug. Dummerweise besteht die Befestigung der Rückenverlängerung aus verchromtem, glattem Vierkantrohr, denn allzu leicht rutscht es aus der Fixierung, und da der Schiebegriff an der Rückenverlängerung befestigt wird, rutscht diese gleich mit. Also: Hindernisse sind weiträumig zu umfahren! Die großen Räder erfordern beim Transport etwas Sorgfalt. Werden die Räder abgenommen, liegen die Bremsbacken frei und könnten beschädigt werden. Und auch beim Aufstecken der Räder dauert es etwas, bis man den richtigen Dreh gefunden hat. Aber insgesamt ist das eine feine Sache: Die Räder sehen wie gesagt flott aus, sie sind sehr sicher (die Trommelbremsen wirken sehr zuverlässig, haben wenig Verschleiß und sind nicht vom Luftdruck abhängig). Und hier ein kleiner Wermutstropfen: Ein solches Rad wiegt 2,1 Kilogramm. Die Räder sind in zwei Größen lieferbar, mit 22 und 24 Zoll Durchmesser.

Auf jeden Fall ist der Cheetah ein spannender Rollstuhl, und man kann damit jede Menge Erfahrungen sammeln. Er ist erstaunlich flexibel und verstellbar, und dabei sieht er auch interessant aus. Die Damen nannten ihn sogar „halbwegs elegant". Daher wundert es mich nicht, dass solch ein - von 08/15-Konstruktionen abweichender - Rollstuhl wie der Cheetah kürzlich den deutschen RedDot-Design-Preis und 2003 den dänischen Preis für Design und Innovation erhielt. Im Oktober 2004 wurde der Cheetah mit dem DDC, dem wichtigsten Design-Preis des Dänischen Design-Centers ausgezeichnet.

Informationen:

Testmodell: R82 Cheetah
Maße des getesteten Stuhls: Hinterräder 22 Zoll
Vorderräder 6 Zoll
Sitzbreite 354 cm
Sitztiefe 40 cm
Rückenhöhe 33 cm
(mit Verlängerung 53 cm) Gesamtlänge 87 cm Gesamtbreite (inkl. neg. Sturz) 61 cm Wendekreis unter 105 cm Gewicht (ohne zusätzliche Rückenlehne und ohne Schiebegriff): 16,8 kg

Kontakt:

R82 GmbH, An den Wiesen 10, 55218 Ingelheim, Telefon: 06132/71070 Fax: +496132/7107 10 E-Mail: r82@r82.de, Internet: www.r82.de

aus: Leben und Weg: 2005, Nr.1, S. 42


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