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Rollstuhl Meyra X2 im Test


Rollstühle im Alltagstest

„Ein nettes Stühlchen"

Eine Tester-Gruppe prüfte den neuen Meyra X2 auf Herz und Nieren

Beim Besuch der letzten Rehacare sahen wir uns gründlich um und fanden beim Rollstuhlhersteller Meyra das Modell X2, den neuesten Spross der hauseigenen Reihe moderner Adaptiv-Rollstühle (besser bekannt unter dem nicht ganz korrekten Begriff „Aktivrollstühle"). Der X2 lässt sich wirklich an viele unterschiedliche Insassen und unterschiedliche Anforderungen anpassen: mit 3 Rahmenlängen, Sitzbreiten und Sitztiefen von jeweils 32 bis 46 Zentimetern, Rückenhöhen von 30 bis 47,5 Zentimetern, und auch sonst gibt es jede Menge Ausstattungsvarianten. Gerade deshalb wählten wir den X2 für einen umfangreichen Test aus.

Die Auswahl

Die Bestellung: Ganz einfach war es nicht, sich durch das Bestellformular zu arbeiten, und bei der Position der Hinterräder waren wir dann definitiv überfordert, also teilten wir das gewünschte Ergebnis mit: Eine Gewichtsverteilung von 90 zu 10 zwischen Hinter- und Vorderrädern. Der erste Eindruck am ausgelieferten Exemplar: Meyra war mal wieder vorsichtiger als angesagt. Als wir dann die Rückenbespannung im Bereich der unteren Wirbelsäule deutlich lockerten, um die Skoliose der Testpilotin einigermaßen angenehm unterzubringen, näherten wir uns dann doch dem angepeilten Ziel.

Zwei Tage später teilte man uns mit, wegschwenkbare Fußplatten seien aus konstruktiven Gründen erst ab 42 Zentimetern USL möglich. Da eine operative Verlängerung der Beine für einen solchen Test nicht in Frage kam, mussten wir auf die „nur hochklappbaren" Fußstützen ausweichen. Nicht mal eine Woche nach Bestellung wurde der Stuhl geliefert - ein riesiger Karton.

Ein Sitzkissen braucht der Mensch und die Verbundschaumkissen von Meyra sind nicht übel, wenn auch von nur begrenzter Lebensdauer. Warum dann aber das gelieferte Exemplar (bei 38 Zentimetern Sitzbreite des Rollstuhls) nur 34 Zentimeter breit war, konnten wir nicht nachvollziehen.

Neben der Betriebsanleitung und diversen weiteren Papieren lag dem Rolli ein Werkzeugtäschchen bei und alle benötigten Schlüssel waren von guter Qualität. Nur: Was dachten sich Versender, wozu dieser Flachmann aus der Grabbelkiste der Fahrradabteilung gut sein soll? - Und eine kleine Luftpumpe! Nun gut, über Nutzen und Risiken solcher Mini-Luftpumpen (ohne jede Druck-Anzeige) kann man ganz allgemein streiten. Aber wozu soll sie gut sein, wenn rundum pannensichere Bereifung montiert ist? Legen wir das Gerätchen beiseite und freuen uns, nicht bei seiner Benutzung ins Schwitzen zu kommen

Kritische Blicke in die Begleitlektüre

Dann vertieften wir uns erst einmal längere Zeit ins Studium der Papiere. Allein die Betriebsanleitung" hat einen Umfang von 35 Seiten, die „Sicherheitshinweise für den Gebrauch von Faltrollstühlen gar 43. Die zwei Heftchen bieten eine leicht chaotische Mischung aus technischen Informationen, Benutzer- und Warnhinweisen. Und das Ganze ist etwa so spannend zu lesen wie die Regierungsbegründung eines neuen Gesetzes, schlechter gegliedert als ein Telefonbuch. Allzu oft wird auf den Fachhandel verwiesen, wo es der eigenen Sicherheit besser täte, wenn Nutzer die eine oder andere Service- oder Einstell-Arbeit selbst übernähmen. Ob jeder Mitarbeiter eines Sanitätshauses weiß, was er alles können soll? Man kann so was auch lesefreundlicher gestalten.

In der „Betriebsanleitung" gibt es eine Tabelle „technische Daten" - und selbst hier, also fernab jeder Werbe-Lyrik, gibt Meyra das Transportgewicht mit „ab 7,5 Kilogramm (ohne Antriebsräder)" an. Das hätte man wirklich nicht nötig - bei einer Sitzbreite von 38 Zentimetern und mit pannensicherer Bereifung ist ein Gesamtgewicht von 14,9 Kilogramm durchaus anständig. Im Gegensatz zur Betriebsanleitung verspricht das zweite Heftchen, die „Sicherheitshinweise Mechanische Rollstühle" in der Einleitung: „Die Sicherheitshinweise (...) sind aus Erfahrungen von Rollstuhl-Fahrern, Begleitpersonen und Sicherheitsfachleuten (...) entstanden und in einer leicht verständlichen Weise in Bild und Text für Sie zusammengestellt."

Gut gemeint ist bei den „Allgemeinen Sicherheitshinweisen" der Satz: „Nicht mit dem Rollstuhl in das Wasser fahren" (Seite 5). Je nach Alltagssituation ist das allerdings schwer zu vermeiden. So mancher kam in einen Platzregen und musste den Heimweg durch mehr oder weniger tiefe Pfützen antreten. Getoppt wird das weiter hinten (Seite 8): „Zur Vermeidung von Korrosionsschäden den Rollstuhl nicht in Feuchträumen benutzen, keine Pfützen oder Gewässer durchfahren, keinem Dauerregen aussetzen."

Wie gesagt: Im Elfenbeinturm lässt sich trefflich darüber philosophieren, welche denkbaren Risiken im Sinne der Produkthaftung damit abgehandelt seien. Erstens lässt man damit die Nutzer dieses Modells im doppelten Sinn im Regen stehen, und zweitens steht es in einem aparten Widerspruch zum Werbezettelchen, das am Rollstuhl hing und die „hochfeste Aluminium-Speziallegierung" ausdrücklich für die „hervorragende Korrosionsbeständigkeit" preist. Trauen die Meyra-Leute da ihren eigenen Entwicklungen nicht?

Auch der Sicherheitshinweis „Für die Fahrt im öffentlichen Straßenverkehr ist eine saubere, passive Beleuchtung erforderlich!" (Seite 7) ist eher vom weltfremden Schreibtisch aus formuliert. Natürlich ist der Satz nicht falsch, oh nein! Bloß: Was ist denn nun an diesem Rollstuhl die „passive Beleuchtung", wo ist sie und wie ist sie sauber zu halten? Wo andere Rollstühle Reflektoren zwischen den Speichen und reflektierende Folienstreifen an Rahmenrohren haben, fehlt eine derartige Ausrüstung am X2 völlig.

Das Thema Beleuchtung wird auf Seite 41 ein zweites Mal gestreift, dann noch vager: „Sie unterliegen mit Ihrem Rollstuhl der Straßenverkehrsordnung. Wir empfehlen - falls nicht vorhanden - die Anbindung einer geeigneten Beleuchtungsanlage an Ihrem Rollstuhl." Nett! Ist das eine unverbindliche Empfehlung? Was für technische Möglichkeiten zur aktiven Beleuchtung gibt es?

Da schweigen Sicherheitshinweis und Betriebsanleitung. Schade! Notfalls hilft ein guter Fahrradladen, auch wenn man dann die Geräte aus eigener Tasche zahlen muss. Ein letzter Blick ins Bestellformular. Es gibt da so sinnvolle Angebote wie Seitenteile aus Kohlefaser oder ein Designer-Kugelschreiber. Aktive oder passive Beleuchtung? Fehlanzeige.

Alltag im X2

Die erste Benutzung führte zu vorsichtig positiven Kommentaren. „Ein nettes Stühlchen" war mehrfach zu hören. Zumindest im Neuzustand ist es allemal ein Hingucker. Auffällig: Was auf den ersten flüchtigen Blick wie die altbekannte Scherenkonstruktion von Faltrollstühlen aussieht, wie sie in den 40er Jahren von Everest&Jennings erfunden wurde, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Weiterentwicklung. Die Holme der Sitzbespannung rasten über Plastiknasen ziemlich fest im gebogenen oberen Rahmenrohr ein. Das verbessert die Steifheit des Rahmens gegenüber üblichen Faltrollstühlen deutlich.

Dann erste Zweifel: Wer einen festen Sitz gewohnt ist, wird auch bei einer relativ stabilen Hängematte skeptisch: Ob die wohl ausleiert? Tatsächlich, nach 3 Wochen gab die Mitte der Sitzfläche (bei 38er Sitzbreite) ziemlich genau einen Zentimeter nach. Für die Rückfront der Testpilotin jedenfalls unangenehm spürbar. Bei Dauernutzung des X2 müsste dann wohl wenigstens dem Sitzkissen ein Brett untergeschoben werden.

Die Knubbelgriffe an ziemlich kurzen Rohrstücken sind ungewohnt - die meisten Begleitpersonen meckerten eher. Obwohl keine der beteiligten Personen Hände wie Kohlenschaufeln hatte, findet jedenfalls subjektiv selten die ganze Hand guten Halt. Bei den meisten Befragten fanden 4 Finger irgendwo irgendwie Halt, aber der kleine Finger blieb arbeitslos. Klingt nebensächlich, aber spätestens bei der Überwindung von Hindernissen macht sich der Unterschied deutlich bemerkbar. Allerdings: was für die meisten Begleitpersonen unangenehm ist, soll vor allem den RollstuhlfahrerInnen entgegenkommen, die im Oberkörper fit sind: Wer sich dreht und mit einer Hand hinter sich greifen will, möchte natürlich möglichst wenig Hindernisse haben, an denen er oder sie unterwegs hängen bleiben könnte. Die sonst üblichen Schiebegriffe sind da garantiert viel öfter im Weg als Meyra's Knubbelgriffe.

Um noch einmal auf die Schiebegriffe zurückzukommen: Auch bei den Autoren im Hause Meyra hat sich inzwischen herumgesprochen, dass es weder sinnvoll noch sicher ist, an Treppen nach dem Prinzip „zwei Mann, vier Ecken" vorzugehen und den Rollstuhl samt Insassen freischwebend zu tragen. Viel zu gefährlich, zumal es eher ein frommer Wunsch ist, auf einen zweiten Helfer zu warten, der sich ebenfalls „mit der Gefahrensituation auskennt und den Rollstuhl fest führt" - in aller Regel ist ein zweiter Helfer ahnungslos und nicht mit der Materie vertraut. Also ankippen und über die Hinterräder abrollen, egal, ob treppauf oder treppab (zumindest als Regelfall).

Erfahrung in vielen Details

Vielen Details ist anzumerken, dass Meyra lange Erfahrung hat: die gesamte Vorderrad-Baugruppe ist abgerundet, mit versenkten Imbus-Schrauben -selbst das Unterlegplättchen auf der Innenseite des Rahmenrohrs schmiegt sich ans Rohr an und hat abgeschrägte Kanten. Gleiches gilt für die Außenkanten der Fußplatten (mitsamt deren Klapp-Gelenk). Wer ab und zu mit nackten Füßen im Rollstuhl sitzt, wird das zu schätzen wissen, erst recht Begleitpersonen, denen die Ecken von Fußstützen mehrfach Mal schmerzhaft am Fußknöchel angekommen waren.

Selbst an der hinteren Ecke des Rahmens hat man das Rohr nicht einfach abgesägt, sondern mit einem runden Stopfen verschlossen. In dieser Art gibt es noch jede Menge weiterer Konstruktionsdetails, denen man anmerkt, wie lange hier entwickelt wurde. Selbst die dick auftragenden Seitenteile aus Rohrrahmen mit Kunststoff-Füllung, wie sie noch am Meyra „Primus" eingesetzt wurden, sind angeschraubten Blech-Seitenteilen gewichen, die dennoch stabil und innen mit isolierendem Polster-material ausgekleidet sind.

Die Höhenverstellung der Armauflagen ist stabil und plausibel zu handhaben und auch bei unsachgemäßer Behandlung (man sollte sich wirklich nicht auf Armauflagen draufsetzen, auch wenn man weit oben aus einem Regal ein Buch greifen möchte!) blieben sie bombenfest. Und es gibt auch keine Gefahr, die Armpolster zu beschädigen: Der stabile Unterbau stützt sie bis zur Vorderkante ab. Also keine Angst, wenn man(n) die Freundin nahe bei sich hat, dieses Armpolster trägt. Nach zwei Tagen stellten wir fest: Die Fußplatten verdrehen sich. Wieso? Eine Untersuchung des Rahmens zeigt: Die Höhenverstellung der Fußstützen wird über eine kleine Schraube gehalten. Schon nach 14 Tagen Alltag (ohne irgendwelche Anderungen der Fußstützen!) beträgt das Spiel bereits 5 Zentimeter. Wie das wohl nach 14 Monaten aussehen würde? Wenn schon ein dünnes Schräubchen die Fußstützen halten soll, dann wäre es sicher beruhigender (und stabiler), wenn dieses durchgesteckt und von der Rückseite gesichert wäre.

Auch die eine Bremse wackelt nach einer Woche. Hier ist es eine andere Kleinigkeit: Die Imbusschraube, mit der die Bremse am Rahmenträger befestigt ist, hat sich gelöst. Auffällig ist nicht nur die (beinahe unvermeidliche) Eigenwerbung auf Speichenschutzscheiben und Rückenbespannung, sondern auch die diversen Aufkleber auf Rahmenrohren mit Typenschild, Warnhinweisen (wer schaut schon untern Rollstuhl, um Warnungen zu lesen?) und Sitzbreiten-Angabe. Nun, das ist Ansichtssache.

Fazit

Insgesamt ist der X2 ein wirklich nettes Stühlchen ohne spektakuläre Ausstattungsdetails, aber garantiert an allen (abgerundeten) Ecken ausgereift. Konstruktion, Material und Verarbeitung sind wirklich super. Kleine Mängel (Fußstützen- und Bremsen-Befestigung) dürften auch bei Massenproduktion nicht vorkommen, sind aber selbst mit optimaler Endkontrolle nie ganz zu vermeiden. Das nimmt man aber sicher lieber in Kauf als ernsthafte Konstruktions- oder Fertigungsmängel. Und die braucht man bei Meyra schon traditionell nicht zu befürchten. Probleme beim Alu-Schweißen, Gefahr von Rückenrohr-Brüchen (mit fatalen Folgen, wenn's beim Uberwinden einer Treppe passiert!): Niemals! Auch die lieblosen Strophen der Produktsicherheits-Lyriker kann man verschmerzen, obwohl damit der gutgemeinte Schuss nach hinten losgeht: Nur eine kleine Minderheit wird die Heftchen aufmerksam bis zu Ende lesen. Meyra traut seinem Produkt wohl deutlich weniger zu als wir.

Hannes Heiler

aus: Leben und Weg 2/2004, Seite 40


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