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Rolli-Pannenhilfe


Ein gelber Engel für Behinderte

Ein findiger Berliner bietet Pannenhilfe für Rollstuhlfahrer an

Von Antje Hildebrandt

Wenn bei Gerd-Olaf Hesse das Telefon klingelt, kann es sein, dass sich in diesem Moment auf Berlins Straßen ein kleines Drama abspielt. So wie neulich, als die Polizei anrief. Da stand ein Rentner mit seinem Rollstuhl mitten auf der viel befahrenen Warschauer Straße im Stadtteil Friedrichshain und kam weder vor noch zurück. Die Vorderachse war gebrochen. Hesse kam gerade noch rechtzeitig, um den Mann aus seiner prekären Situation zu befreien. „Der hatte Angst, dass man ihn über den Haufen fährt", erzählt Hesse.

Ein Fall für den Rollstuhlpannendienst. Gerd-Olaf Hesse rückt mit seinem umgebauten Transporter aus, repariert die rollenden Untersätze an Ort und Stelle oder in seiner Werkstatt. Er besorgt Ersatzrollstühle und kümmert sich überdies darum, dass ihre Benutzer auch heil nach Hause gebracht werden. Der gelbe Engel für behinderte Verkehrsteilnehmer, so nennt er sich selbst. Eine Anspielung an die viel gelobten Helfer des ADAC, die zur Stelle sind, wenn die Fahrer größerer Automobile eine Panne haben.

Mit seiner Geschäftsidee gewann der gelernte Aufzugsmonteur 2003 einen Preis bei dem Wettbewerb „Start social", den die Unternehmensberatung McKinsey, die ProSieben Sat1-Media AG und Siemens Business Services seit 2001 jedes Jahr vergeben, um ehrenamtlich getragene Projekte zu fördern.

Der 56-Jährige hilft Rollstuhlfahrern mit seinem Notdienst aber nicht aus reiner Barmherzigkeit. Seine Initiative - das ist ein Drei-Mann-Unternehmen, ein eigenes Büro und eine Werkstatt in Berlin-Lichterfelde - verbindet soziales Engagement mit einer Geschäftsidee. Als er sich vor vier Jahren damit selbstständig machte, wollte er sich und anderen hochqualifizierten Arbeitslosen eine neue berufliche Perspektive verschaffen. Seine Beschäftigten galten als schwer vermittelbar, sei es, weil sie schon älter als 50 Jahre waren, sei es, weil sie schwerbehindert sind. Eine pfiffige Idee, wie McKinsey befand. Schließlich, so glaubte der Unternehmensgründer, hatte er eine echte Marktlücke entdeckt.

Normalerweise sind es die Sanitätshäuser, die einen Notdienst anbieten. Wer Mitglied beim ADAC ist, kann auch einen echten Gelben Engel alarmieren. Ein Angebot, das hier zu Lande immerhin 852000 Menschen nutzen. Beinahe jedes 14. ADAC-Mitglied schöpft den Schwerbehinderten-Rabatt von 25 Prozent aus.

Das Gros der Kunden des Berliner Rollstuhl-Pannendienstes kann sich jedoch nicht einmal ein Auto leisten. „70 bis 80 Prozent unserer Auftraggeber sind bei der AOK Berlin versichert", sagt Hesse. Nehmen sie die Notdienste der Sanitätshäuser in Anspruch, müssten sie damit rechnen, außerhalb der Geschäftszeiten niemanden zu erreichen. Und wenn doch, werde zwar ihr Rollstuhl repariert. Um ihren Rücktransport müssten sich die Betroffenen jedoch selbst kümmern.

Dagegen biete der Berliner Rollstuhlpannendienst alle Leistungen aus einer Hand - ein Rundum-Sorglos-Paket, wenn man so will. 1600 Namen haben die Helfer mittlerweile in ihrer Kartei. Jede Woche erreichen sie 20 bis 25 Notrufe; auch von Leuten, die gar keine Panne haben. Zu den Stammkunden gehört eine allein stehende Frau aus Tempelhof. „Wenn sie sagt, die Luft in ihren Reifen sei schon wieder herunter, wissen wir schon Bescheid", sagt Gerd-Olaf Hesse mit einem Augenzwinkern. „Dann sucht sie wieder jemanden zum Quatschen."

Für jeden Panneneinsatz berechnet er den Krankenkassen seiner Kunden eine Pauschale von 75 Euro, Materialkosten nicht mitgerechnet. Oft genug verarzten die Helfer jedoch Kunden, die keine Versichertenkarte vorweisen können. „Wenn so ein Obdachloser im umgekippten Rollstuhl auf der Straße liegt, kann man doch nicht einfach wieder gehen", sagt Bernd Meyer, der als Elektromeister angestellt war, bis seine Firma in Konkurs ging. Die Männer nehmen in Kauf, dass sie für solche Einsätze kein Geld bekommen, weil sich in den Sozialämtern niemand zuständig fühlt. Weniger Verständnis haben sie für die Geschäftspraxis der AOK Berlin. Zunächst schrieb sie ihnen vor, sie müssten einen sanitätshausähnlichen Laden betreiben, um überhaupt die Bedingungen für eine Kostenerstattung nach dem Sozialgesetzbuch zu erfüllen.

Diese Auflage hat der Notdienst inzwischen umgesetzt, wenn auch zähneknirschend, denn - so Gerd-Olaf Hesse - „wir wollen Rollstühle reparieren und keine Stützstrümpfe verkaufen". Trotzdem weigert sich die AOK, die Kosten zu übernehmen. „Unsere Versicherten sind bereits durch bestehende Verträge mit Sanitätshäusern versorgt", heißt es in der Pressestelle. Gerd-Olaf Hesse will das einfach nicht glauben. Er träumt davon, seinen Service auf Brandenburg auszudehnen und damit 20 Arbeitsplätze schaffen. „Doch wenn sich die AOK nicht rührt, müssen wir den Laden wohl dichtmachen."

Aus: FR vom 30.Juni 2004; Seite 30


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