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T O R B E L L I N O


Rollstuhlbau mit den Mitteln angepaßter Technologie

In den Industrieländern führte die zunehmende Nachfrage behinderter Menschen nach Mobilität zu einer Revolution im Rollstuhl-Design. Jährlich leichtere und schnellere Rollstühle wurden vorgestellt, dank der Verwendung von Materialien des Weltraum-Zeitalters. Diese neuen Rollstühle erlauben amerikanischen und europäischen Behinderten die Teilnahme an Marathons (bei denen die Rollstuhlfahrer oft bessere Zeiten als die Läufer erreichen), sie erlauben ihnen auch Berufstätigkeit,leichtere Beweglichkeit, sparen Kraft für andere Aufgaben.

Unglücklicherweise hat der hohe Preis des leichten Gewichts solche Rollstühle für Behinderte der dritten Welt unerreichbar gemacht. Ärmere behinderte Menschen haben entweder gar keinen Rollstuhl, oder sie bekommen welche aus einheimischer Produktion - und die sind meist schwer, unhandlich, unpraktisch und weit hinter dem techischen Standard der ersten Welt zurück. Die wenigen, die importierte Rollstühle bezahlen können, stellen dann meist schnell fest, daß diese Stühle unter den Bedingungen schlechter Straßen, unbefestigter Wege und großer Steigungen nicht lange standhalten können. Wenn dann eine Reparatur nötig wird, sind Ersatzteile kaum zu bekommen.

Rollstuhlfahrer in der Dritten Welt müssen ihre Rollstühle zusammenklappen können, um sie mit dem Bus oder auf einem Muli oder einem anderen Lasttier transportieren zu können. Viele brauchen klappbare Fußstützen und Armlehnen, um in ihrer Wohnung zurechtzukommen. Solche Stühlemüssen leicht und doch stabil sein, um auch unter rauhen Bedingungen durchzuhalten. Und sie müssen so konstruiert sein, daß Ersatzteile vor Ort verfügbar sind, daß eine Reparatur schnell möglich ist. Und last not least müssen diese Rollstühle preiswert sein, denn das Soziale System ist meist viel weniger leistungsfähig als in der Ersten Welt. Was nützen die schönsten Rollstühle, wenn sie sich kaum jemand leisten kann?

Mit internationaler Unterstützung wurde in 5 Jahren ein Rollstuhl entwickelt, der in Peru "TORBELLINO" (Wirbelwind) genannt wird. Er ist bei vergleichbarer Ausstattung etwa 5 kg leichter als vergleichbare Rollstühle, er kann relativ einfach vor Ort produziert werden - für weniger als ein Drittel der Kosten für einen Import-Rollstuhl.

Die meisten Rollstühle werden als Massenprodukte konzipiert, unter Einsatz eines enormen Maschinenparks. Da aber Kapital und Gerät in den meisten Ländern der Dritten Welt eher Mangelware sind, während erfahrene Arbeitskräfte in großer Zahl bereitstehen, wären die Herstellungs-Verfahren der Industrieländer fehl am Platze.

Der Torbellino-Rollstuhl wurde daher so entwickelt, daß er von kleinen Mechaniker-Gruppen gebaut werden kann, und zwar aus dünnwandigem Rohr mit relativ einfachen Werkzeugen - das aufwendigste dürfte ein Gas- Lötgerät sein. Um diesen Stuhl erfolgreich zu bauen, ist viel Ausbildung

und Erfahrung nötig - aber verhältnismäßig wenig Kapital. Die vorgeschlagene Produktionsweise basiert natürlich auch auf relativ niedrigen Lohnkosten. In Ländern mit höhreren Löhnen müßte der Stuhl schneller gebaut werden, wenn der Endpreis pro Rollstuhl in erträglichen Grenzen bleiben soll - dann müssen aber auch schnell wieder Tausende in entsprechende Maschinen investiert werden.

Konstruktion des Rollstuhls "TORBELLINO"

Der Rahmen

Unser Rollstuhl-Design benutzt einen faltbaren Rahmen. Das ist entscheidend für den Transport des Rollstuhls mit Bus oder Esel, aber auch für den Alltag in dicht bewohnten Häusern. Wenn die Faltschere gut gearbeitet ist, verleiht sie dem Stuhl auch eine gewisse Flexibilität, sodaß auch auf unebenem Untergrund alle vier Räder auf dem Boden bleiben. Die Schere besteht aus zwei Teilen, die mit eigens hierfür gebauten Lehren gebaut werden.

Die Hinterräder und Reifen

Fahrrad-Felgen und -Reifen sind weit besser geeignet als Vollgummi-Reifen, die bei herkömmlichen Rollstühlen oft verwandt werden. Sie sind billiger, leichter zu bekommen, geben eine gewisse Dämpfung und erfordern weniger Kraft beim Fahren. Die Räder bestehen aus Nabe, Felge, Felgenband, Speichen, Greifreifen und dem Reifen mit Schlauch.

Die Folgen zu dünner Achsen

Die Nabe des Torbellino ist eine Neuentwicklung, die ohne Speichenkranz gebaut wird. Sie besteht einfach aus einem Stück Rohr, in das die Speichenlöcher gebohrt werden; so ist diese Nabe sehr einfach herzustellen. Die Achse sollte wenigstens 5/8" ( 1,58 cm) stark sein - erst dadurch ist sie stark genug, daß sie nicht bricht oder verbiegt. Im Gegensatz zur auf beiden Seiten aufgehängten Fahrrad- Nabe ist sie beim Rollstuhl ja nur auf der Innenseite befestigt, sodaß - v.a. bei Stößen - enorme Hebelkräfte auf die Achse wirken können! Gerade unter rauhen Alltagsbedingungen würden bei zu schwachen Achsen die Räder wegbrechen bzw. vom Rahmen weggebogen.

Vorderräder und Gabeln

Die einfachste Konstruktion der Vorderräder des Torbellino benutzt Hartholz-Scheiben, die auf beiden Seiten mit Kugellagern aufgehängt sind. Extra-breite Vollgummi- oder Luftreifen können auf diese Holzräder

montiert werden.

Handelsübliche Vorderräder und Reifen sind in einigen Ländern verfügbar, sie sind aber manchmal recht teuer.

Die Vorderrad-Gabel besteht aus einem u-förmig gebogenen Stück Stahl mit einer 5/8" starken Schraube als Achse. Wir empfehlen Lederstücke unter- bzw. oberhalb der Steuerkopf-Lager, um ein "Flattern" der Vorderräder bei höherer Geschwindigkeit zu vermeiden.

Klappbare Fußstützen

Eine gut geplante Fußstütze muß mehrere Funktionen übernehmen: Sie muß die Füße des Rollstuhlfahrers komfortabel und sicher halten, sie muß Stöße aushalten, die gelegentlich bis zu 15o kg ausmachen können. Und sie muß entweder abnehmbar sein oder so weggeklappt werden können, daß sie z.B. beim Umsetzen nicht im Weg ist. Und sie darf beim Zusammenklappen des Rollstuhls nicht stören.

Unsere bevorzugte Konstruktion ist leichter und weniger kompliziert als kommerzielle abnehmbare Fußstützen, obwohl sie vergleichbare Vorzüge hat. Während die meisten Konstruktionen zwei Gelenke braucht - eines zum Hochklappen der Fußauflage und eines zum Schwenken der gesamten Fußstütze, benötigt unser Design nur ein Gelenk. Unsere Fußstütze wird gleichzeitig hochgeklappt und weggeschwenkt, wobei die Fußstütze schräg vor den Rahmen geschwenkt wird. Außerdem sorgt diese Konstruktion dafür, daß der Rollstuhl sich im Vorbau (Fußstützenhalterung) verjüngt, sodaß auch enge Kurven gefahren werden können.

Sitzfläche

Die Anpassung von Sitz und Rücken ist ein wichtiger Schritt beim Bau eines kundenfreundlichen Rollstuhls. Wenn Sitz-und Rückenbreite nicht größer als nötig sind, ist der Rollstuhl in vieler Hinsicht besser zu handhaben und er paßt auch durch engere Hindernisse (Türen). Wir bevorzugen Sitzbespannungen aus Segeltuch. Auperdem sollte ein entsprechendes Kissen zur Vermeidung von Druckstellen (evtl. mit abnehmbarem Überzug) dazukommen.

Wahl der Abmessungen und Ausstattung

Es ist sehr wichtig, daß ein Rollstuhl möglichst genau den Anforderungen seines Benutzers entspricht. Seine Größe, Breite und das Ausmaß der Behinderung müssen berücksichtigt werden. Ein Rollstuhl für besonders

rauhes und steiles Gelände muß anders ausgelegt werden als ein Rollstuhl für jemanden, der in der Stadt wohnt, aber besonders wenig Kraft hat. Im ersten Fall muß größer oder stärker dimensioniertes Material verwandt werden oder es müssen entsprechende Verstärkungen eingebaut werden, im zweiten Fall kommt es auf möglichst geringes Gewicht an.

Wenn die Rollstühle im eigenen Land gebaut werden, ist es leichter, solche unterschiedlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Überlegungen zum Aufbau einer Rollstuhlproduktion in der 3.Welt

Gerade die Startkosten beim Aufbau einer Rollstuhlproduktion müssen sehr sorgfältig geplant werden. Wir haben Projekte erlebt, die dann die geplanten Kosten um 300% überschritten, aber auch andere, die 20% unter ihrem Ansatz bleiben konnten, so z.B. die Asociacion Del Rehabilitacion Del Impedido De Asuncion in Paraguay.

Bei diesem Projekt wurde zuerst das Buchhaltungs-System erstellt. Heute läuft ihre Buchhaltung mit einer Halbtagskraft. Wir empfehlen dringend, sich eine erfahrene Kraft für die Buchhaltung zu suchen, denn er oder

sie muß ständig Einnahmen und Kosten kontrollieren, um frühzeitig entsprechende Entscheidungen zu empfehlen.

Genauso notwendig ist ein erfahrener "Chefmechaniker", der vor allem Erfahrungen mit Metallverarbeitung und im Schweißen mitbringen sollte. Auch jemand mit Erfahrung in der Verarbeitung von Leichtmetall-Rohren

wäre ideal. Leute aus dem Fahrrad-Bereich (Bau und Reparatur) haben da übertragbare und wertvolle Erfahrungen. Daneben sollten die Mechaniker mit einem bißchen Mathematik vertraut sein, um die körperlichen Abmessungen ihrer Kunden in Abmessungen des Rollstuhls umsetzen zu können.

Finanzielle Voraussetzungen

Eine Rollstuhlproduktion für monatlich 10-15 Rollstühle vom Nullpunkt an aufzubauen erfordert Anfangs-Investitionen von etwa 10-15.ooo US-Dollar.

Diese Schätzung beruht auf den Preisen von 1986.

Diese Startkosten sollten alle Ausgaben abdecken, bis die ersten Rollstühle verkauft werden können. Es kann wohl 6 Monate dauern, bevor der Verkauf alle laufenden Ausgaben decken kann. Die Startkosten

enthalten u.U. auch die Kosten für das Herrichten des Gebäudes - nicht zuletzt auch die Kosten, um es rollstuhlgerecht zu machen. Außerdem fallen Kosten an für elektrische Installationen, Schweißgeräte und andere Maschinen, Aus-und Fortbildung der Mitarbeiter und viele andere Posten. Die Startkosten hängen sehr stark von der Ausgangssituation ab; sie sind aber sehr leicht zu unterschätzen.

Grobe Abschätzung des Kapitalbedarfs:

niedrig hoch

Werkzeuge 1ooo 1.ooo

Maschinen 3.ooo 3.ooo

Startkosten 1.ooo 3.ooo

Anlauf 2 Monate 5.ooo 5.ooo

------- ------

10.ooo 12.ooo

Das ergibt einen Kapitalbedarf von 10 - 12.ooo Dollar.

Ausstattung und Maschinenpark

2 Werkbänke a 55 110

1 Bohrmaschine m.-ständer 350

2 Schraubstöcke a 12 24

1 Gasflasche f.Acetylen 80

1 " f.Sauerstoff 120

1 Schleifmaschine 120

1 Schweißgerät 240

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Maschinenpark 1.044 Dollar

Kosten pro Rollstuhl

In der Kalkulation dieser Rollstuhlproduktion sind sowohl die direkten Kosten für Arbeitslöhne, Material und Verarbeitung als auch die indirekten Kosten, wie Miete, Fahrzeuge etc. enthalten. Vor allem zwei Posten werden allzu leicht bei einer solchen Kalkulation vergessen: die Abschreibung für die Maschinen sowie die Tilgung der Kredite.

Die folgende Kalkulation beruht auf die Arbeit des ersten Jahres einer Firma in Paraguay. Anfangs haben drei Mechaniker monatlich 12 Rollstühle gebaut; wir haben dieses Beispiel auf 4 Arbeiter bezogen, die 14 Stühle im Monat bauen. Das sind 78% einer typischen Kapazität von 18 Stühlen monatlich.

In verschiedenen Ländern der Dritten Welt werden schwere, veraltete Rollstuhl-Modelle gebaut und für etwa 200 - 400 Dollar verkauft. Vor Ort gebaute "Imitationen" des Everest&Jennings-Designs kosten etwa 300-600, und moderne Import-Rollstühle kosten 600-1500 Dollar. Der Torbellino wird dagegen für 200 bis 250 Dollar in diesen Ländern der Dritten Welt verkauft.

Direkte Kosten pro Rollstuhl:

- Material 84 Dollar

- Arbeitslohn (40 Std.je-.75) 30

- Finish (Verchromen,Lackieren) 15

Summe der direkten Kosten 129 Dollar

Indirekte Kosten pro Monat:

Miete 160 Dollar

Lohn Verwaltung (160 Std. a -.75) 120

Buchhaltung (16 Std a 3,-) 48

Transport (LKW) 40

Strom 7

Wasser 5

Abschreibung (Maschinne,Werkzeug) 109

Unterhalt,Reparaturen 15

Zinsen und Tilgung 409

Büromaterial 8

Telefon 13

Steuern 12

Summe der indirekten Kosten: 946 Dollar

Indirekte Kosten pro Rollstuhl: 68

Gesamtkosten pro Rollstuhl: 197 Dollar.

(soweit die weitgehend wörtliche Übersetzung)