BM Online 
SPAK-Forum Heft 10/11, Februar 1981, S. 31:

ROLLSTÜHLE FÜR DIE 3.WELT



Voraussetzungen des Projekts

Ein Student der Gesamthochschule Kassel berichtete von der Notlage seiner gelähmten Mutter in Indonesien. Auf Initiative von K.Backfisch wurde in einer gemeinsamen Aktion der Hess. Allgemeinen Zeitung, der Firma Ortopedia und der Bundeswehr dem Studenten ein "europäischer Rollstuhl" mit in seine Heimat gegeben.

Der indonesische Kommilitone brachte danach eine Foto-Dokumentation mit nach Kassel, aus der ersichtlich wurde, daß der Rollstuhl für die dortigen dörflichen Bodenverhältnisse Fahrschwierigkeiten hat.

Die kleineren vorderen Lenkräder können Hindernisse, wie weicher Boden usw. kaum überwinden. Eine Analyse der Situation ergab, daß für derartige Verhältnisse keine Rollstühle vorhanden sind. Dadurch sind gerade im ländlichen Bereich, in dem 80% der Bevölkerung der armen Länder lebt, die Behinderten auf den Aufenthalt in dunklen, ungesunden Räumen beschränkt.

Bei der Entwicklung von Rollstühlen für die 3.Welt kann davon ausgegangen werden, daß gewöhnlich noch ein starker Familienzusammenhalt vorhanden ist, sodaß für das Schieben eines Rollstuhls immer hilfreiche Hände zur Verfügung stehen. Es konnte daher auf Greifringe verzichtet, der Materialaufwand gering gehalten und schwierige Arbeitsgänge vermieden werden.

Projektziele

Es wurde daraufhin von der Arbeitsgruppe die Entwicklung von einfachen und doch stabilen Rollstühlen beschlossen. Dafür wurden folgende Kriterien zugrunde gelegt:

1. Der Rollstuhl muß auch unter den vorgenannten Verhältnissen funktionsgerecht sein;

2. Für seine Herstellung sollten leicht beschaffbare Teile Verwendung finden, die ohne qualifizierte Arbeitsvorgänge, wie Rohrbiegen, Schweißen oder dergleichen, verarbeitet werden können.

Da in den meisten Ländern Fahrradteile entweder neu oder gebraucht leicht beschaffbar sind, wurden diese als Grundelement für die Entwicklung konzipiert. Als weitere Materialien dienten Holz, Textilien, Bast, Rattan und einfaches Flacheisen.

Es entstanden zunächst 3 verschiedene Rollstuhltypen mit unterschiedlichen Konstruktionsmerkmalen.

Typ 1:

ist ein robuster Rollstuhl. Seine vier gleichgroßen starren Laufräder garantieren einen stabilen Lauf. Die Fahrtrichtung kann durch Anheben des Gestell-Hinterteils durch die Begleitperson sehr leicht verändert werden. Der Sitzrahmen wurde aus Rattanholz angefertigt und mit einem groben Leinentuch bespannt. Das Fußbrett kann der Beinstellung angepaßt werden. Der Rollstuhl besitzt einen Ablagekasten, der auch bei den anderen Typen vorgesehen wurde.

Typ 2:

ist ein dreirädriger Rollstuhl mit zwei starren vorderen Laufrädern und einem kleinen hinteren Lenkrad. Dieser Typ ist leichtgängig, aber nur für ebene Wege geeignet.

Typ 3:

hat zwei starre vordere Laufräder und zwei kleinere hintere Lenkräder. Dieser Rollstuhl ist stabil und beweglich. Ein sicheres Fahrverhalten wurde erreicht.

Typ 3 besteht im Grunde aus zwei Herrenrahmen, deren Ober- und Unterrohr so verkürzt wurden, daß das Unterrohr sehr viel weiter oben am Sattelrohr auftrift, aber vorn der Steuerkopf senkrecht steht, wenn eine

kleinere (16"? 20"?) Gabel mit Laufrad eingesetzt wird. Der Fahrrad-Hinterbau zeigt nun also in Fahrtrichtung, die Lenkräder sind hinten. Die Armlehne ist etwa in der Lage angebracht, wie üblicherweise der Gepäckträger montiert ist. Die Lehne dieses Rollstuhls liegt zwischen den Sattelrohren.

Materialien und Werkzeuge

Zum Grundelement werden zwei gleichgroße (Herren-)Fahrradrahmen benötigt. Als Versteifungsteile sind Traversen aus Flacheisen mit dem Querschnittsmaß 4o x 4 mm vorgesehen. Für den Sitz und auch für den Ablagekasten können je nach den örtlichen Gegebenheiten Holz, Geflecht oder Stoff Anwendung finden.

Sechskantschrauben M 6 x 45 mm dienen als Verbindungselemente und sind je nach Bedarf zu kürzen. Als Fußstütze kann ein Brett dienen oder auch ein Rundholz verwendet werden.

Ein Werktisch mit Schraubstock, Handsägen für Eisen und Holz, Feilen, Schraubenschlüsseln, el. Bohrmaschine müssen vorhanden sein.

Arbeitsablauf

Nach dem Typen-Bauplan erhalten die beiden Fahrradrahmen, durch Absägen von Rahmenteilen, die Grundform.

Die Traversen werden abgelängt, gebohrt und mit dem Fahrradrahmen verschraubt.

Der U-Rahmen aus Flacheisen, gebogen, gebohrt und mit dem Fahrradrahmen verschraubt, stabilisiert dann die ganze Einheit.

Je nach Typenplan werden die Teile für die Lenkräder an den Rahmen angepaßt und verschraubt.

Die Laufräder können montiert werden. Die Sitzfläche und der Ablagekasten sind nach der Wahl des Materials zu fertigen und zu befestigen.

Die Feststellbremsen aus Flacheisen, am Rahmen montiert, genügen den Anforderungen. Die Fußstütze oder das Rundholz werden durch die variable Seilaufhängung der Beinstellung des Behinderten angepaßt. Je nach

Sitzgestaltung ist eine Armauflage anzubauen.

Die bisher entwickelten Rollstühle können wahrscheinlich in den meisten Ländern der 3.Welt kostengünstig hergestellt werden.

Projektleiter und Kontaktperson: Kurt Backfisch, Fachbereich Architektur, Gesamthochschule Kassel, Menzelstr. 13, 3500 Kassel. Die Typen-Baupläne werden zum Selbstkostenpreis abgegeben. Vervielfältigungen bedürfen der Genehmigung.