BM Online 

Hilfsmittel für die 3.Welt



Rollstühle für die Türkei, für Afrika oder sonstwo...
Ich halte es für fragwürdig, wie immer häufiger Rollstühle für Behinderte in irgendwelchen Katastrophengebieten, in der 3.Welt oder in der DDR gesammelt werden. Zum einen denke ich, daß es hierzulande gar nicht so viele Rollstühle geben wird, wie für all diese Anlässe gebraucht

werden (egal, ob "abgelegte" oder nagelneue...), außerdem denke ich, daß diese Vorgehensweise arg an entmündigende Entwicklungshilfe-Politik und "Adveniat"-Sammelei erinnert. Wer sind wir denn eigentlich, daß wir meinen, unsere Sachen seien das Optimale für die Menschen irgendwo in

der Welt ? Und selbst wenn dem so ist: da schaffen wir doch bloß noch eine weitere Abhängigkeit, jetzt brauchen die Menschen dieser Länder auch noch unseren guten Willen oder ihre Devisen für die Hilfsmittel "Made in Germany"...

Und: ist es denn besonders sinnvoll, abgelegte Hilfsmittel zu spenden, die selbst für die hierzulande herrschenden Bedingungen einen mehr oder weniger großen Teil ihrer vorgesehenen "Lebenszeit" (Gebrauchsdauer) bereits hinter sich haben? Unter den Bedingungen, die in den Zielgebieten herrschen, werden sie eher noch schneller kaputt sein, als wenn sie hier weiter benutzt worden wären.

Zu denken gegeben hat mir der Beitrag "Rollstühle für die 3.Welt", den das SPAK-Forum 1981 veröffentlichte. Erst war es mir einfach unangenehm gewesen, daß wir wieder mal einen Bereich mehr haben, in dem wir die Gesellschaften der 3. Welt an den "Tropf" unserer Wirtschaft hängen - schließlich haben dort nur wenige die Möglichkeit, einen mitteleuropäischen Rollstuhl zu bauen, geschweige denn zu kaufen! Das wäre aber nicht das wichtigste Argument gewesen, denn auch wenn diese politische Sichtweise absolut korrekt ist, hilft sie keinem einzigen Körperbehinderten, der das "Pech" hat, in der 3.Welt zu leben.

Vor allem aber taugen mitteleuropäische Rollstühle gar nicht für die dortige Situation. Sie korrodieren zu schnell, sind zu empfindlich, sind zu anfällig -und da sie meist auf Spendenbasis dorthin kommen, sind es eh nicht die neuesten Modelle, haben also schon einiges an "Alterung" und Abnutzung hinter sich. Rollstühle als Wegwerfartikel? Die Nutzungsdauer ist aus diesen Gründen nur kurz, und es gibt wenig Chancen, sie dann vor Ort wieder instandzusetzen, da weder die notwendigen Teile vorhanden sind noch geschultes Personal. Außerdem setzen hiesige Modelle

weitgehend ebenen Untergrund voraus. Auf unbefestigten Wegen sind sie in der Regel eine Katastrophe.

Daraufhin scheint es mir eine wesentlich sinnvollere Vorgehensweise zu sein, eine Strategie zu entwickeln, wie Hilfsmittel für Behinderte vor Ort gebaut werden können, und zwar wenigstens möglichst weitgehend aus örtlich vorhandenen Teilen (Fahrräder!), und mit verfügbaren Werkzeugen - dann macht nämlich auch die spätere Reparatur weniger Probleme.

Ähnliches gilt auch für Hilfsmittel-Probleme von DDR-Bürgern. Es dürfte ein offenes Geheimnis sein, daß die dortige Produktion wenig taugt. Genauso bekannt dürfte sein, daß über die Leipziger Messe und über kirchliche Kanäle einiges an Hilfsmitteln in die DDR geschleust wird.

Zusammen mit einem allgemeinen "Schielen" auf West-Produkte führt das zu einer bedenklichen Abhängigkeit.

Als wir einige Rollstuhlfahrer aus der DDR kennenlernten, merkten wir, daß deren Rollstühle vorsintflutlich anmuten, und daß wegen Ersatzteilmangels"auf Teufel komm raus" repariert wird - das aber mit sehr viel Phantasie und einigem handwerklichem Geschick! Was läge näher, als "Blaupausen" in die DDR zu bringen?

Solange es um Stahlrohr geht (und nicht um extra hochwertige Spezialstähle oder gar noch hochwertigere Materialien) ist die "Versorgungslage" in der DDR eher durchschnittlich. Also ließe sich die Abhängigkeit von uns doch auf einige spezifische Teile (Vorderrad-Aufhängungen, einseitig aufgehängte Naben...) reduzieren. So ganz nebenbei hätte das den erfreulichen Effekt, daß endlich mal Rollstühle nicht in einer mehr oder weniger eng gestaffelten Serienproduktion, sondern als wirkliche "Maßanfertigungen" in Handarbeiten gebaut werden könnten bzw. müßten. Abzuwarten bleibt, ob diese Vorschläge über einen privaten Kontakt hinaus Resonanz finden und erst recht, ob und wie die staatliche Hilfsmittel-Versorgung auf solche Entwicklungen reagieren würde...

Zusammenfassend denke ich, daß die Entwicklung von "Angepaßter Technologie" wesentlich mehr hilftals Appelle an Mitleid und Spendenbereitschaft...


Rollstühle für die 3.Welt??? aus:SPAK-Forum Heft 10/11, Februar 1981, S. 31

Dieses Projekt besticht aus zwei Gründen:

- Europäische Rollstühle sind viel zu "hochgezüchtet" und zu empfindlich, als daß sie in der 3.Welt (feucht-heißes Klima!) lange halten würden. Preis und spezielle Ersatzteilprobleme lassen die Versorgung mit europäischen Rollstühlen erst recht illusionär erscheinen.

- "Angepaßte Technologie" muß auch in diesem Bereich oberste Maxime sein, und das heißt. möglichst weit auf Quellen zurückgreifen (Material, personelle Kompetenzen), die vor Ort verfügbar sind.

In der BRD wird oft gesammelt: "Abgelegte Hilfsmittel für notleidende Behinderte in..." In den meisten Fällen ist das blanker Unsinn - die Leute werden nur noch abhängiger von der ersten Welt. Wenn etwas hilft, dann der Export von Kenntnissen. Warum nicht - um die Kasseler Denk-Linie weiterzuführen - auf Vierkantstahl zurückgreifen (der in vielen Gegenden wohl auch zu bekommen ist) und die Abhängigkeit immerhin auf die speziellen "rollstuhlspezifischen" Komponenten beschränken. Also: z.B. die Maßskizze eines modernen Rollstuhls aus Vierkantstahl exportieren, und dazu einseitig gelagerte gute Naben, Bremsen und Vorderradgabeln, und damit ist der "Selbstbau-Rollstuhl" wohl in den meisten Fällen zu realisieren.

---

Einige Jahre später fand ich in einer schwedischen Broschüre ein interessantes Konzept, wie mit einer relativ einfachen Werkstatt-Ausrüstung ein Rollstuhl-Modell gebaut werden kann, das auf beschränkte Verhältnisse ausgelegt ist, also weder große Investitionen erfordert, bevor die Produktion eines solchen Rollstuhls gestartet werden kann, noch im Endpreis zu teuer ist; in vieler Hinsicht scheint mir das eine logische Fortsetzung des Gedankens einer angepaßten Technologie auf höherem Niveau als das Konzept aus Kassel zu sein. Je nach Rahmenbedingungen wäre noch denkbar, lediglich

sehr spezifische Teile zu importieren, die sich vom Fahrradbau unterscheiden - sie werden aber von Zulieferern so günstig angeboten, daß sich zumindest ein "Schwellenland" diesen Import leisten kann - das war jedenfalls mein Eindruck beim Besuch der IFMA - Internationale Fahrrad- u. Motorrad-Messe in Köln - 1988.

In der Sendung des "Bayernreport" (Bayer.Fernsehen,12.6.87) wurde gezeigt, wie die Bundeswehr Fahrrad-Teile aus der BRD nach Togo schafft, wo in Selbsthilfe-Werkstätten Dreiräder für Polio-Gelähmte gebaut werden.

Mir geht es aber erst einmal nur um die konstruktive Seite, da wir sowohl mit verwandten Anfragen konfrontiert sind, und zwar sowohl in Bezug auf "Hilsmittel für Behinderte in der 3.Welt" als auch hierzulande. Dabei haben wir festgestellt, daß zwar eine Reihe von "standardisierten" Hilfsmitteln hierzulande in guter Qualität und ausreichender Auswahl verfügbar sind, daß es aber nur sehr wenige Möglichkeiten gibt, sobald jemand eine etwas ausgefallenere Möglichkeit zum

Antrieb mit Muskelkraft benötigt. Wir versuchen daraufhin, mit unseren bescheidenen Mitteln eigene Ideen umzusetzen wie auch, vorhandene Konstruktionen, Ideen etc. zu sammeln. Insbesondere im "Übergangsbereich" zwischen Rollstuhl- und Fahrradtechnik scheinen uns inzwischen erstaunliche Dinge möglich, die Betroffenen ganz neue Perspektiven eröffnen könnten.


T O R B E L L I N O Rollstuhlbau mit den Mitteln angepaßter Technologie

Dieses Konzept ist meines Wissens das am weitesten entwickelte für den Bau angepaßter Hilfsmittel. Es erfordert sicher wesentlich besser ausgebildete Handwerker als das Kasseler Projekt, das allerdings eher für gelegentliche Anfertigungen - z.B. beim Schmied eines Dorfes geeignet ist. Insofern scheinen sich diese beiden Vorschläge recht gut gegenseitig zu ergänzen. Natürlich müssen sie der jeweiligen örtlichen Situation angepaßt werden. Einige eigene Erfahrungen mit Handwerkern in südlichen Ländern zeigen aber, daß eigentlich nur die oberflächliche Ehrfurcht vor allem, was aus den USA oder Nordeuropa stammt, sie daran hindert, ein für unsere Begriffe immer wieder erstaunliches Improvisationstlent zu entfalten, das meist mit viel handwerklicher Erfahrung gepaart ist. Daher sollten wir darauf vertrauen, daß solche Handwerker recht schnell solche Konzepte den Anforderungen ihrer behinderten Kunden anpassen werden.

Schließlich möchte ich im Anhang die Ersatzteil-Liste eines Rollstuhls beifügen, der vor etwa 12 Jahren in Deutschland auf den Markt kam: eine einfache, aber sehr flexible Konstruktion, aus Vierkant-Stahlrohr gebaut, relativ schwer (ca. 20 kg), aber sehr flexibel an den Benutzer anpaßbar, sehr robust, und: es war der erste Rollstuhl, der farbig lackiert war. Er wurde von einer neuen Firma produziert, die damit großen Erfolg hatte.

Später orientierte sich diese Firma um, baute vor allem leichte Stühle, dann schied der eine Firmengründer aus und eröffnete wiederum eine neue Firma, der andere verkaufte schließlich seinen Anteil an einen amerikanischen Konzern.

Doch diese Konstruktion eines modernen, individuellen und robusten Rollstuhls - sie ist auch heute noch IDEAL.

Frankfurt, im Sommer 1993

Hannes Heiler