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Sonderanfertigungen und Maßanzüge


- Leserbrief zur Messenachlese: REHAB adieu...in:Deutsche Behinderten-Zeitschrift”(vormals: das behinderte Kind), Heft 6/96 -

In der Messe-Nachlese zur letzten Karlruher REHAB wurde kritisiert, daß allzu oft Menschen in Standard-Rollstühle gesteckt werden. Dabei geht es gar nicht darum, daß irgendjemand sagen würde, wir müßten den Gürtel enger schnallen oder sparen - denn das würde Überlegung voraussetzen. Ich fürchte dagegen schlimmeres: es wird einfach nicht mehr nachgedacht, denn Nachdenken würde Zeit kosten, aber Rollstühle sind zum Massenartikel verkommen wie Seife oder Taschenrechner.

Schuld an dieser Misere haben viele. Da sind die Hersteller, Händler und Kostenträger, die ohne Rücksicht auf individuelle Ansprüche, Möglichkeiten oder Einschränkungen die Versorgung möglichst billig erledigen wollen, und das heißt: mit einem Standardprodukt, das für möglichst viele Menschen gerade noch einigermaßen zumutbar ist, das in großen Stückzahlen gefertigt und mit hohen Rabatten massenhaft vertrieben wird. Es ist nur logisch, daß von diesen Rabatten auch die Kostenträger etwas abbekommen wollen, und so dreht sich - bei scheinbar gleichbleibend hohen Preisen - die Preisspirale nach unten.

Die armen Santitätshäuser spielen brav mit und sie klagen, eine wirklich sorgfältige Auswahl oder gar Anpassung eines Rollstuhls sei bei wenigen Prozentpunkten "Verdienst” pro Rollstuhl gar nicht mehr drin. Das böse Wort vom "Kistenschieber” macht die Runde.

Besonders ärgerlich werden diese beratungslosen Vertriebsmethoden bei den modernen Adaptiv-Rollstühlen - in ihnen stecken serienmäßig jede Menge Möglichkeiten, sie anzupassen - aber das würde ja Zeit kosten...

Die Behinderten am Ende dieser Kette haben oft gar keine Ahnung, welches böse Spiel da hinter ihrem Rücken gespielt wird, sie bekommen bestenfalls eine Bewilligung für einen neuen Rollstuhl mit Eigentumsvorbehalt, in hübschem Fachchinesisch formuliert. Woher sollten sie auch wissen, was technisch möglich wäre, welche ungeahnten Möglichkeiten ihnen ein wirklich individuell zusammengestellter Rollstuhl oder eben gegebenenfalls auch eine Sonderanfertigung (ja, es gibt sie auch für Otto Normalverbraucher immer noch!) eröffnen würde.

Das Bemerkenswerte ist: sobald irgendeiner in dieser Kette sich nicht mit dem "Üblichen” zufriedengibt, ist erstaunliches möglich: jedenfalls bei manchen Herstellern sind Abmessungen und Ausstattungsvarianten so vielseitig, daß für viele Menschen ein optimaler Rollstuhl zusammengestellt werden kann. Und wenn das nicht reicht, gibt es nicht nur für Prominente oder gut betuchte Selbstzahler die Möglichkeit, als Sonderanfertigung etwas Ideales maßgeschneidert zu bekommen!

Was ist dafür notwendig? Es muß sich erst einmal jemand Zeit nehmen (ja, ich weiß - Zeit ist Geld!), um den Menschen sorgfältig auszumessen und seine Anforderungen en Detail kennenzulernen.Daraufhin muß ein Kostenvoranschlag erstellt werden, und wenn der Kostenträger Rückfragen hat, dann sollte es nicht schwerfallen, die Details Punkt für Punkt zu begründen. Ich denke, die Kostenträger haben bei solch unüblich komplexen (und vielleicht auch unüblich teuren) Kostenvoranschlägen sehr wohl das Recht, Rückfragen zu stellen - das ist jedenfalls sehr viel sachdienlicher als einfach einen anderen Händler zum Behinderten zu schicken, damit der schaut, ob dieser nicht doch mit einem 08/15-Modell abzuspeisen ist.

Doch das m.E. wichtigste kommt dann erst noch: auch bei einem Serien-Rollstuhl müssen viele Details überprüft, eingestellt und vielleicht nach 2 oder 3 Wochen Benutzung noch einmal verändert werden. Ich halte es für schändlich, wenn so ein moderner "Adaptiv-Rollstuhl” husch-husch einfach hingestellt wird, als wäre da wirklich nichts zu machen - wozu sind denn dann an diesen Stühlen so viele Verstellmöglichkeiten, wozu tragen sie den Namen "Adaptiv-”, was ja wohl anpaßbar bedeutet??

Es hat mich immer wieder überrascht, wie individuell die Sonderanfertigungen sind, die ich vor allem von Hugo Sorg erlebt habe. Aus den Grundelementen seiner Rollstuhlmodelle baut er extrem kompakte, schlanke, lange oder breite Rollstühle, aber auch Fahrgestelle für die unterschiedlichsten Zwecke. Immer wieder habe ich erlebt, daß die Benutzer hinterher damit eine Mobilität erreichten, von der sie vorher nicht einmal geträumt hatten.

Hannes Heiler

Kontaktadresse: SORG Rollstuhltechnik GmbH + Co KG, Benzstr. 3, D-68794 Oberhausen-Rheinhausen, Telefon: 07254 / 9279 - 0; Fax: 07254 / 9279 -10


Bezug: "Deutsche Behinderten-Zeitschrift”(vormals: das behinderte Kind), Heft 6/96: "Messenachlese: REHAB adieu..."
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"Wenig Erfreuliches ist von den Rollis zu berichten. (...) Man stelle sich nur einmal vor, Bundeskanzler Helmut Kohl statt Wolfgang Schäuble säße im Rollstuhl! Fakt ist, daß er überhaupt keinen serienmäßigen Rollstuhl für seine Statur fände, aber alle Hersteller sich überschlagen würden, ihm eine Sonderanfertigung anzudienen. Der sprichwörtliche "kleine Mann” dagegen wird einfachheitshalber in ein Serienmodell gepfercht mit dem zynischen Hinweis, daß wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Wirklich alle?”