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Ein Chip verrät Blinden, ob Erbsen oder Bohnen in der Dose sind


Blindenmission und "Jugend forscht" belohnen Erfinder billiger Hilfsmittel / Tüftelei auch für Behinderte in armen Ländern
Von Keyvan Dahesch (Frankfurt a. M.) Frankfurter Rundschau, 11.11.97

Eine Mütze, die bei Hindernissen auf dem Weg piepst, oder ein mit Sonnenenergie betriebenes Hörgerät: für blinde oder hörbehinderte Menschen können sie große Hilfen im Alltag sein. Sie können preiswert produziert werden, sind billig.

Angesichts der Kürzungen im Gesundheitssystem und Rehabilitationsbereich wird es für Schwerbehinderte immer schwieriger, dringend benötigte Hilfsmittel finanziert zu bekommen. Daher versuchen private Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände, so gut es geht zu helfen. Gefragt sind dabei kreative Ideen. Nach diesem Grundsatz will die in Bensheim an der Bergstraße ansässige Christoffel-Blindenmission (CBM) in Zusammenarbeit mit der Stiftung "Jugend forscht" in Hamburg Jugendliche zum Austüfteln preiswerter Hilfsmittel für blinde, schwerhörige, gehörlose und anders behinderte Menschen motivieren.

"Wir kennen Beispiele, in denen Jugendliche mit behinderten Freunden oder Familienangehörigen pfiffige und mit wenig Geld herstellbare Hilfsmittel für sie erdacht haben", sagte CBM-Sprecher Christian Osterhaus der FR. Einige Erfindungen seien bereits mit Jugend-forscht-Preisen ausgezeichnet worden. Beispiele: Ein Sprachchip, mit dessen Hilfe Blinde beim Einkaufen hören können, ob in der Konservendose Erbsen oder Bohnen sind. Auf der Verpackung angebracht, sagt er die Verfallsdaten des Inhalts oder die Einnahmevorschriften der Medikamente an. Ausgedacht haben sich diesen Chip zwei junge Mädchen, denen die Blindenschrift nicht bedienerfreundlich erschien.

Oder das sonnenenergiebetriebene Hörgerät: Es ist über einen speziellen Steck-Kontakt an einer normalen Brille befestigt. Die Solarzellen befinden sich am Bügel, am Rand oder an Ohrringen, Haarspangen, etc. Ein Akku speichert die übrige Sonnenenegie, und das Gerät bleibt auch bei wenig Licht benutzbar. Entwickelt hat das ein Junge aus Passau. Ein Junge aus Donauwörth baute einen Fernschreiber um, so daß er auf Lochstreifen gut ertastbare Buchstaben in Blindenschrift druckt. Den können sich im Gegensatz zu den teueren Blindenschriftdruckern für den Computer auch wenig finanzkräftige Blinde leisten.

Anläßlich ihres 90jährigen Bestehens 1998 fördert die CBM Erfindungen, die den Alltag von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen wesentlich erleichtern, im Rahmen des Wettbewerbs "Jugend forscht" mit zehn Sonderpreisen zu je 300 Mark. "Wenn die Produkte mit so wenig Kosten hergestellt werden können, daß auch Behinderte in den Entwicklungsländern sie sich leisten können, wären die Erfindungen ideal", meint Osterhaus.

Die Blindenmission wurde 1908 von Pfarrer Ernst-Jakob Christoffel mit der Errichtung einer Schule für Blinde und Körperbehinderte in der Türkei gegründet. Heute betreut die gemeinnützige Institution rund 1100 Projekte in 100 Ländern der Dritten Welt und in Osteuropa.

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