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anonymes Beratungstelefon für Pflegende


Die Helferin für Pflegende

"Pflege ist etwas Tolles, sie ist eine hohe Kunst", sagt Barbara Haamel, die Leiterin des Caritas-Beratungstelefons für pflegende Angehörige. "Wer pflegt, kann weise werden", ist sie überzeugt. Vor sechs Jahren hat Haamel die Leitung der damals neuen Einrichtung übernommen. Acht geschulte Frauen beraten dort ehrenamtlich am Telefon pflegende Angehörige, die meisten von ihnen sind ebenfalls Frauen.

Häufig wissen die Anruferinnen nicht mehr weiter, wie etwa die Tochter einer ehemaligen Geschäftsfrau, von der Haamel berichtet. Sie, ihre Kinder und die Mutter leben unter einem Dach. Erst durch die Beratung sei der Pflegenden klar geworden, dass ihre Mutter unter einer Demenz litt. Die Tochter schilderte sie als herrschsüchtig, sie lasse niemanden in ihr Zimmer. Als es ihr einmal gelungen sei hineinzukommen, habe sie festgestellt, dass es total verwahrlost war. Die Matratze sei verkotet und triefend nass vor Urin gewesen.

Häufig meldeten sich überforderte Angehörige, die von der Demenz ihrer Verwandten nichts wüssten, meint Haamel. Was verständlich sei, da die Krankheit nicht sofort offensichtlich werde. Das hat die gelernte Krankenschwester auch in der eigenen Familie erlebt. Bei Telefongesprächen war ihrer Mutter, die in Lübeck lebte, nie etwas anzumerken. Als Haamel ihre Mutter vor deren 80. Geburtstag besuchte, um bei den Festvorbereitungen zu helfen, erkannte ihre Mutter sie zunächst nicht. Die Tochter merkte zudem am Gestank in der Wohnung, dass etwas nicht stimmte. Heute lebt ihre Mutter in einem Heim in München, das eine andere Tochter von ihr leitet.

Aufgewachsen ist die 53-jährige Haamel in einem evangelischen Pfarrhaushalt mit sieben Geschwistern. Mit fünf Jahren wusste sie schon ein Berufsziel:
Säuglingsschwester wollte sie werden. Später machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Nach deren Abschluss in Offenbach folgten 16 Jahre Erziehungspause, fünf Kinder zog sie in dieser Zeit auf. Anschließend begann sie nach einer Zwischenstation im Offenbacher Stadtkrankenhaus bei einem Pflegedienst.

Als Krankenschwester lernte sie die "Satt und Sauber-Pflege" kennen, die von der Uhr bestimmt wird und merkte, dass es nicht das war, was sie sich beruflich vorstellte. Haamel kündigte. Sie wollte etwas anderes machen. Und fand es denn auch, als die Caritas eine Leiterin für das Angebot eines Beratungstelefons für pflegende Angehörige suchte. Für den Pflegedienst seien Angehörige "immer nur Störenfriede" gewesen, meint Haamel, sie seien nicht als vollwertige Partner angesehen worden.

Am anonymen Beratungstelefon werden sie ernst genommen. "Sie können alles sagen, erklärt Haamel, auch von Gewalt berichten. Die Beraterinnen versuchen zu helfen. Dennoch, meint die Caritas-Beschäftigte, sei die Hemmschwelle anzurufen, für viele groß. 300 Anrufer zählt die Statistik im Jahr. Viele trauten sich nicht einzugestehen, dass sie nicht mehr weiter können, meint Haamel. Zu schaffen machten den Angehörigen von Pflegebedürftigen die Hilflosigkeit, den Verwandten nicht gesunden lassen zu können. Außerdem oft die Enge in der Wohnung und die Einsamkeit. Freunde zögen sich zurück. Pflegende glaubten, die Pflegebedürftigen nicht allein lassen zu können. Durch eine Reihe von Kursen können pflegende Angehörige versuchen, mit der Situation besser zurecht zu kommen. Auch über diese Angebote informiert das Beratungstelefon. Hilfe zur Selbsthilfe wollten die Beraterinnen bieten. Um auch über die Angebote anderer Wohlfahrtsverbände sowie der Universitätsklinik Bescheid zu wissen, hat Haamel die Arbeitsgemeinschaft "Demenz" mitbegründet, deren Mitglieder sich vier Mal jährlich treffen. Eine halbe Stelle hat die 53-jährige für ihre Arbeit in der Caritas. Die reicht jedoch nicht aus. "Ich bin haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterin", sagt sie.

DAS BERATUNGSTELEFON für pflegende Angehörige, 95524911, ist Montag bis Freitag, 9 bis 11 und 14 bis 16 Uhr, sowie an Montagen von 19 bis 21 Uhr besetzt. Interessenten für die ehrenamtliche Beratungstätigkeit sind willkommen.

Aus: FR vom 23.Juli 2004, Seite 36


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