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Frankfurt: barrierefreie Uni?


Der schwierige Weg zur barrierefreien Uni

Weil viele Gebäude nicht behindertengerecht sind, kommen Studierende im Rollstuhl oft nicht direkt an ihr Ziel

Von Peter Rutkowski

Wie leicht lässt es sich in Frankfurt studieren, wenn man behindert ist? Die Hochschulgruppe der Grünen ist dieser Frage nachgegangen und streitet für eine barrierefreie Uni.

„Da sitzt du in der Beratungsstelle für behinderte Studierende im Jügelstraßenhaus und wartest." Falk Hertfelder musste teilweise lange warten, denn sein Büro befand sich weit oben im Studierendenhaus. Erreichbar nur über eine schmale Stiege. Kein Gehbehinderter schaffte es bis dorthin. Die sollten sich doch schriftlich melden, hieß es auf Nachfrage Hertfelders. „Das ist natürlich Unsinn, wenn es um persönliche Beratung geht."

Der „Unsinn" setzt sich von Alters her fort. Menschen mit chronischen Leiden, körperlichen Behinderungen, gar vielleicht psychischen Erkrankungen? Die gab es schon immer, aber kein Architekt und kein Universitätsplaner stellten sich vor, dass die eventuell studieren wollten. Das gesellschaftliche Klima früherer Zeiten verhinderte, überhaupt die Möglichkeit eines Studiums in Erwägung zu ziehen. Das war 1914 so bei der Gründung der Goethe-Universität, und so war es auch noch, als beispielsweise in der Nachkriegszeit Neue Mensa, Juridicum und Philosophicum zwischen Gräfstraße und Senckenberganlage entstanden.

Zwölf Prozent Behinderte

„Im alten Haupthaus gibt es schon ein paar unmögliche Stellen' meint Dorothee Mül1er, Behindertenbeauftragte der Universität. In dem herrschaftlichen Bau an der Mertonstraße gingen eben einst keine gehbehinderten Studenten ein und aus. Hier ein paar Treppenstufen runter, dort eine große Freitreppe rauf- inzwischen gibt es auch Aufzüge und ein paar Rampen, ein schwieriges Pflaster bleibt das Haupthaus immer noch.

Heute zählt die Goethe-Uni zwölf Prozent Studierende mit Behinderungen, also 4800 von rund 40000 jungen Frauen und Männern. Müller schränkt aber ein, dass mit dieser Zahl alle möglichen Behinderungen erfasst seien: „Das beinhaltet natürlich Rollstuhlfahrer und Blinde, aber genauso auch Menschen mit psychischen Erkrankungen wie auch Diabetiker.

Ein extrem breites Spektrum an Behinderungen und Einschränkungen. Wie kann eine Universität diesem Umstand gerecht werden, will sie jedem Studierenden die gleichen Chancen vom ersten bis zum letzten Semester bieten? Das Hochschulrahmengesetz sieht jedenfalls vor, dass die Unis auf die Verfassung ihrer Studierenden Rücksicht nehmen müssen. Das bedeutet einerseits die baulichen Voraussetzungen für ein barrierefreies Studieren zu schaffen, andererseits, dass Behinderungen jedweder Art von Verwaltung und Instituten wahrgenommen werden. Das würde dann nach sich ziehen, dass die individuellen Studienbedingungen und -auflagen verändert werden.

Vor allem die Forderung nach baulichen Veränderungen scheint schwierig. Denn es kostet Geld, Barrieren abzubauen, und diese Investitionen finden nur noch schwer Berücksichtigung angesichts bei der aktuellen Streichungspolitik des Wissenschaftsministeriums an den Hochschulen.

Trotzdem bemüht sich die Universität, eine barrierefreie Hochschule zu werden. Im Sozialzentrum Neue Mensa gibt es Aufzüge und - im ersten Stock - einen eigenen Behindertenraum. Und im IG-Farbenhaus wurde beim Umbau für die Uni gleich an spezielle Bedürfnisse gedacht: Die Aufzüge haben blindengerechte Tastfelder und eine Stockwerkansage. Bei einer „Befahrung" mit einem behinderten Grünen-Landtagsabgerdneten stellten Falk Hertfelder und die Grüne Hochschulgruppe, der Hertfelder vorsteht, aber fest, dass noch immer Einiges zu wünschen übrig lässt. „Als wir im Behindertenruheraum waren, war es schön zu sehen, dass es eine Tür zur Terrasse gibt. Aber auf die kommt man nur über eine Stufe", erzählt Hertfelder.

Gespräche zu Studienbeginn

Auch die Versorgung am Campus Westend bereitet Probleme. Zwar gibt es Kühlschrank und Kochnische im Behindertenraum, aber die Mensa im Casino hinter dem IG-Farbenhaus ist laut Hertfelder nur über weite Umwege zu erreichen. Würde dagegen das Studentenwerk warmes Essen in die dortige Cafeteria „Rotunde" liefern, erledigte sich das Problem von selbst. Im Ensemble der Uni-Bauten aber sticht das ehemalige US-Armee-Hauptquartier deutlich positiv hervor. Dorothee Müller hofft, dass sich dieser Trend fortsetzt. Bei der Planung der Neubauten nördlich des Casinos sollte Barrierefreiheit „sehr berücksichtigt werden", findet die Behindertenbeauftragte.

Die Hochschulgrünen, die die Barrierefreiheit zu ihrem „Hauptthema des Jahres" erkoren haben, wollen auch im Studienablauf und in den Köpfen etwas verändern. „Bei Studienbeginn sollten Behinderungen angegeben werden, woraufhin Vertreter der Verwaltung des gewählten Studienfaches und der Behindertenbeauftragten ein individuelles Gespräch mit den Studierenden führen, in denen die Schwierigkeiten und Möglichkeiten festgestellt werden", erklärt Hertfelder. Würde dies routinemäßig geschehen, könnten Benachteiligungen bei der Raumvergabe in der Semesterplanung ausgemerzt werden und die Behinderungen in den Prüfungsphasen auch berücksichtigt werden. „Es herrscht auch auf Professorenseite noch viel Unwissen", glaubt Hertfelder. Zurzeit bereiten die Grünen eine entsprechende Vorlage für eine der nächsten Senatssitzungen vor.

aus: FR vom 21.Juli 2004, Seite 32


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