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Nierenversagen und Blutwäsche


Noch vor 30 Jahren war Nierenversagen tödlich, weil es damals noch keine Behandlungsmöglichkeiten gab. Erst seit rund 15 Jahren gibt es genug Behandlungsplätze für alle, die eine Dialyse brauchen (in der DDR war die Situation bis zum Schluß sehr viel dramatischer). In Deutschland gibt es mittlerweile weit über 30.ooo Dialyse-Patienten. Sie benötigen regelmäßig eine Blutwäsche, da ja die eigenen Nieren ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen. Das bedeutet: Überschüssiges Wasser sowie Abbauprodukte und Giftstoffe werden nicht mehr ausgeschieden, sondern bleiben im Körper und müssen mittels Blutwäsche entfernt werden. Es gibt Menschen, die seit 25 und mehr Jahren Dialyse machen und immer noch einen relativ stabilen Gesundheitszustand haben. Niemand kann heute die Lebenserwartung unter Dialyse-Bedingungen abschätzen. Die Zahl der Patienten steigt immer noch an - es kommen mehr Betroffene hinzu als aus dem Behandlungsprogramm ausscheiden.
Es ist sehr schwer, etwas über Zusammenhänge und Ursachen von Nierenversagen zu sagen. Bluthochdruck, Nebenwirkungen von Medikamenten und Diabetes sind wohl die drei wichtigsten Ursachen für Nierenversagen.
An Nierenversagen muß heute in Mitteleuropa niemand mehr sterben.
Heute wird die Nierenfunktion frühzeitig beobachtet, und wenn diese unter ein bestimmtes Niveau absinkt, treffen die behandelnden Nephrologen (Nieren-Fachärzte) mit dem Patienten die Vorbereitungen für eine Behandlung mit der "künstlichen Niere".
In Deutschland wird der weit überwiegende Teil der Patienten mit der klassischen Hämodialyse behandelt. Zur Vorbereitung muß operativ eine Aterie direkt mit der Vene verbunden werden (die sog. Shunt-Operation, meist am Unterarm). An diese verstärkte Vene werden für jede Behandlung zwei Nadeln gelegt, durch die das Blut einen Umweg außerhalb des Körpers machen muß. Dabei wird es durch viele kleine Hohlfasern des Dialysators (der eigentlichen künstl. Niere) geführt, die außen von einer Spülflüssigkeit umspült werden Giftstoffe werden aus dem Blut gefiltert, sie gelangen in die Spülflüssigkeit und werden abtransportiert; überschüssiges Wasser wird durch mechanischen Unterdruck entzogen. Die Dialyse-Maschine ist eigentlich in erster Linie ein hochkompliziertes Steuerungs- und Überwachungsgerät.
Die Hämodialyse wird meist 3 mal pro Woche jeweils 3-5 Stunden durchgeführt. Das scheint viel Zeit zu sein - Dialyse entspricht einem anstrengenden Halbtagsjob. Zwischen den Behandlungen bleiben Giftstoffe und überschüssiges Wasser im Körper. Der Ausscheidungsprozeß, den gesunden Nieren kontinuierlich in 48 Stunden leisten, wird bei der Hämodialyse auf die verhältnismäßig kurze Behandlungsdauer zusammengezogen - entspechend anstrengend ist die Behandlung. Die Entgiftung tut nicht weh, aber der Wasser-Entzug belastet den Kreislauf stark. Die ständigen Schwankungen können insbesondere für Herz und Kreislauf Folgeschäden produzieren.
Die Diät-Vorschriften fürs Essen sind für die meisten Patienten erträglich, aber der Druck, möglichst wenig Flüssigkeit aufzunehmen (in Getränken und Speisen möglichst nicht mehr als 0,5-0,7 Liter pro Tag!) artet für manche in Psycho-Terror aus. Wer das nicht schafft, erlebt kurzfristig extrem belastende Dialysen. Viele Dialytiker mit diesen Problemen schaffen es nicht, in ihrem Alltag die Ursache zu finden - für sie ist es die Behandlung, die sie krank macht.
Im Prinzip ist Dialyse heute ein unkompliziertes Verfahren. Noch vor einigen Jahren gab es bei Dialyse 100%MdE im Schwerbehinderten-Ausweis, und fast automatisch wurden Dialysepatienten in Rente geschickt. Heute kommt es durchaus vor, daß ein Lehrer mit Nierenproblemen zu Beginn der Sommerferien an die Dialyse kommt und sich bis zum Ende der Sommerferien so weit stabilisiert hat, daß er immerhin auf einer Teilzeitstelle weiter unterrichten kann.
Seit 1976 gibt es in Deutschland ein weiteres Nieren-Ersatzverfahren, die CAPD (Continuierliche ambulante Peritoneal-Dialyse). Dieses Verfahren vermeidet einige der typischen Hämodialyse-Probleme: die kontinuierliche Entgiftung und Entwässerung über das Bauchfell ("Peritoneal-Dialyse"). Hier wird das Blut nicht durch die Membran einer künstlichen "Niere" gereinigt, vielmehr wird das körpereigene Bauchfell (griechisch: Peritoneum) zur Entgiftung und Entwässerung benutzt. Hierfür wird in die Bauchdecke ein Anschluß (Katheter) implantiert, damit in den Bauchraum eine Lösung einlaufen kann, die nach einigen Stunden ausgetauscht wird. Meist werden viermal täglich je 2 Liter ausgetauscht. Nach demselben Prinzip wie bei der Hämodialyse (Osmose) werden dabei dem Körper Gift und Wasser entzogen. Nachdem per Konzentrationsausgleich die Wirkung der Spülflüssigkeit nachläßt, wird diese über den Katheter in der Bauchdecke ausgetauscht. Es ist also ein praktisch kontinuierlicher Stoffaustausch - daher auch der Fachbegriff CAPD (continuierliche ambulante Peritoneal Dialyse).
Weltweit machen ca. 60.ooo Menschen CAPD, in Deutschland sind es noch weniger knapp 3.ooo Betroffene, das sind 8% aller Dialytiker. Theoretisch wäre CAPD für 30-35% das sinnvollere Verfahren. Vor allem jüngere, aktive Patienten, die noch berufstätig sein können, gute Aussichten auf eine Transplantation haben und die Dialyse nur für eine Übergangszeit von wenigen Jahren benötigen, ist die CAPD die bessere Behandlungsform, zumal dabei die oft noch vorhandene Restfunktion der Nieren besser erhalten und ins Behandlungsprinzip einbezogen wird.
Leider birgt diese Behandlungsform auch Risiken - das gefürchtetste ist eine Entzündung des Bauchfells (Peritonitis). Diese Gefahr ist wegen des permanent verbleibenden Katheters in der Bauchdecke nicht zu unterschätzen. Allerdings schaffen es viele Betroffene, durch präzises Arbeiten und absolute Hygiene jahrelang ohne Komplikationen ihre CAPD durchzuführen. Man braucht eben keinen Arzt und kein Krankenhaus dafür, und der "Beutelwechsel" ist auch unterwegs möglich - die Mobilität ist ungleich größer als unter den Bedingungen der Dialyse, allerdings muß dieser Beutelwechsel alle 4-6 Stunden, Tag für Tag, erfolgen. Man benötigt zwar jeden Tag einen großen Karton Verbrauchsmaterial - aber man kann sich das Material einfach z.B. an eine Urlaubsadresse nachschicken lassen.
Für manche Betroffene ist es schwierig, alle 4-6 Stunden den Beutelwechsel (unter sterilen Bedingungen) in ihren Alltag zu integrieren. Für sie wurde die intermittierende bzw. zyklische Dialyse entwickelt (IPD, CCPD). Tagsüber haben die Anwender dieser Methode ihre Ruhe, abends hängen sie mehrere Beutel an eine Maschine und verbinden sie mit dem Bauchkatheter - im Laufe der Nacht läßt dann diese Maschine automatisch mehrfach die Lösungen ein- und auslaufen. Dabei werden in 8 Stunden bis zu 30 Liter umgesetzt.
Die Vorteile der CAPD (Vermeidung von Gift- und Überwässerungsspitzen) sowie die weitgehende Unabhängigkeit von Arzt und Dialysezentrum bleiben erhalten, und der häufige Beutelwechsel tagsüber entfällt.
Fünf Hersteller bieten in Deutschland entsprechende Geräte für diese Behandlungsformen an - das kompakteste (batteriebetrieben!) wiegt 14 kg, ist also durchaus transportabel.
Petra Rieth

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