Der Weg zum Vater

Erinnerungen von Adolf Ratzka

Vier Jahre dauerte der Marsch durch die schwedischen Gerichte bis hinauf zur höchsten Instanz, in der Familie Ratzka dann schließlich recht bekam und die Adoption eines Kindes von den Schwedischen Behörden akzeptiert wurde.

Die Vorurteile, die dabei offen zu Tage kamen und von Seiten der für die Adoptionsgenehmigung verantwortlichen Kommunalpolitiker auch in den Medien vertreten wurden, erinnern nur allzu schmerzlich an die jahrzehntelang totgeschwiegenen rechtsstaatlichen Verbrechen der Sterilisierung von Behinderten und anderen, von Politikern und Ärzten der Elternschaft für unwürdig Befundenen. Diese 4 Jahre Kampf haben mir die Schwierigkeiten auf unserem Weg zur Chancengleichheit in Schweden hautnah bewußt gemacht.

Dieser Kampf hat mich auch zunächst verunsichert in meinem Glauben an meine Fähigkeiten, Vater zu sein. Aber in den 4 Jahren hatte ich auch Gelegenheit, über die Vaterrolle nachzudenken und darüber, was ich einem Kind bedeuten könnte. Ich selbst bin als Kriegskind ohne Vater aufgewachsen und war daher doppelt verletzt, als uns die Gemeindesozialarbeiterin ziemlich deutlich zu verstehen gab, daß meine Frau - wenn sie sich scheiden ließe - als Alleinstehende kaum Schwierigkeiten hätte, die Adoptionsgenehmigung zu bekommen. In den Augen dieser Experten war also ein Kind besser dran mit keinem Vater aufzuwachsen als mit mir.

Die lange Geschichte hat auch ihre abenteuerlichen Seiten. Ich entdeckte eine Öffnung im Gesetz, die die Macht der Gemeinde wesentlich einschränkt, wenn die Adoption in einem anderen Land nach den dortigen Gesetzen vollzogen wurde. Wir waren sowieso auf dem Weg nach Costa Rica, wo mir meine Freunde eine Gastprofessur angeboten hatten. Wir blieben 11 Monate dort - herrliche Monate in der Familie unserer Freunde, Monate, in denen wir uns auf unsere neue Elternrolle konzentrieren konnten - bis die Adoption vom dortigen Familiengericht ganz durchgeführt war.

Als wir nach Schweden zurückkamen, hatten wir Angst, an der Paßkontrolle Schwierigkeiten zu bekommen und wieder umkehren zu müssen. Aber nichts dergleichen. Einige Monate später wurde die Costaricanische Adoption auch von Schweden anerkannt. Heute ist unsere Tochter deutsche Staatsangehörige wie wir. Das Beste an unserer Geschichte ist natürlich, daß sie bisher gut ausging. Katharina ist ein wirklicher Schatz, und wir sind nun sogar froh darüber, daß alles so lange dauerte, denn sonst wäre es ja nicht Katharina geworden. Unser Leben ist vollständig verändert und verändert sich ständig.

Meine Behinderung stellt uns vor immer neue Situationen. Zum Beispiel komme ich mir manchmal neu behindert vor: ,,An bauliche Hindernisse, die mir die Teilnahme an vielen Dingen verwehren, hatte ich mich nach 35 Jahren Behinderung - anscheinend allzu gut - angepaßt. Jetzt kommt mir wieder die Wut und die Trauer darüber hoch, daß ich von vielem ausgeschlossen bin, das ich zusammen mit unserer Kleinen erleben möchte. Wie wird sie darauf reagieren, wenn ihr bewußt wird, daß meine Behinderung auf diese Weise auch sie trifft? Wie wird sich das auf unsere Beziehung auswirken?

Domino - Heft 4/97, S.11