Vater werden:

Sperma im Joghurtbecher

von Lothar Sandfort

Das Untersuchungszimmer wirkt kalt. Ich liege auf der Pritsche. Hose runter, Penis frei. Der Arzt braucht noch. So ist das halt im Krankenhaus, denke ich. Gut, daß meine Frau dabei ist. Wir beide sind sehr gespannt. sie hat keine Ruhe gelassen, bevor ich nicht in eine Untersuchung eingewilligt hatte. Angefangen hat das, erinnere ich mich, mit einem Artikel im PARAPLEGIKER über Inseminationshilfen für Querschnittgelähmte. Da gäbe es Möglichkeiten, Kinder zu zeugen, auch für langjährig Ouerschnittgelähmte wie mich.

Vor 18 Jahren im Reha-Zentrum Hessisch Lichtenau, da war die Ärztin völlig verwirrt, als ich sie zu meiner Sexualität fragte, und auf die Frage nach meiner Zeugungsfähigkeit kam nur ein knappes Das-geht-nicht-mehr. Ein weiteres Das-geht-nicht-mehr. Kurz, einprägsam, nachhaltig.

Hier in Murnau, denke ich nun, wird alles schon anders sein. Nach all den Jahren wird sicher das Personal geschulter sein. - Warum dann aber alles nur so unpersönlich ist, denke ich. Warum sind wir beide .hier so allein? Weiß niemand, wie wichtig dieser Termin für uns ist? Gleich ist es soweit, und lna wird sehen: Das-geht-nicht-mehr. Dann ist Ruhe. Ruhe, die ich mir mühsam vor mir selbst geschaffen hatte: Vergiß es, vergiß es!

Dann der Artikel, die Gespräche mit Ina, die Angst, die Sicherheit, daß sie mich auch lieben wird ohne Kinder und dann der weite Weg bis hierher. Nicht nur der Weg von Köln nach Murnau, nein, auch der Weg über eine Vorzimmer-Stimme, die einem bei jedem Anruf den Eindruck vermittelte zu stören. ,,Nein, Dr. Löchner ist nicht da, rufen sie wieder an." Und jedesmal wieder Überwindung.

Nun aber ist er da, endlich. Er redet freundlich auf uns ein, erklärt kurz, was er mit dem Massagegerät macht, um bald zu sagen: ,,Da haben wir's!" - ,,Abgesoffen!" denke ich. Aber meine Frau hat schon verstanden. Sie ist glücklich, ich bin verwirrt:

Sperma. ,,Sieht gut aus!" meint der Arzt und verschwindet hinter einem Vorhang. Er untersucht. Das Ergebnis macht hoffnungsfroh und doch verwirrt. Noch ehe ich das erste Wort sage, ist mein Sperma unterwegs.

Es hat dann noch neun Versuche benötigt. Eine bange Zeit mit viel Enttäuschungen. Alte Ängste waren .durch neue ersetzt. Oft haben wir uns Rat und Beistand gewünscht. Besonders in den Monaten, in denen wir alles allein machen konnten. Nachdem wir nämlich die ersten Male noch nach Murnau gefahren sind, haben wir uns auf ärztlichen Rat hin die notwendigen Utensilien selbst besorgt und konnten Sperma selbst gewinnen, ,,melken" nannten wir das, und einführen. Dazwischen ein paar Minuten, in denen das Sperma im Joghurthecher warten mußte.

Mit Sex und Erotik hatte das wen ig zu tun, dafür 9ibt es andere Zeiten. Wir haben aber immer ein Fest der Zärtlichkeit daraus gemacht, ein kleines Fruchtbarkeitsritual. Daß wir mit der Situation nach einiger Zeit emotional klar gekommen sind, glaube ich, hat dann zum Erfolg geführt. Den nannten wir Mirco und Fena, denn wir bekamen gleich Zwillinge, und ein paar Jahre darauf nannten wir ihn Hauke. Nun ist Schluß. Ein guter, ein glücklicher Schluß.

Mittlerweile leite ich ein kleines Beratungsinstitut in Trebel im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Unsere Inseminationserfahrungen haben wir in unser Beratungsangebot aufgenommen. Wir versuchen die medizinischen Hilfestellungen unter Berücksichtigung der emotionalen Aspekte zu vermitteln. Mittlerweile gibt es zwar schon viele Ärzte, die die Bedeutung psychologischer Beratung berücksichtigen, dennoch gibt es einen großen Nachholbedarf. Ich verbinde in meiner Beratung die Erkenntnisse der systemischen Psychologie und meine Erfahrungen als Behinderter (peer counseling). Bei Themen, die Paare Behinderter/Nichtbehinderter betreffen, ist auch meine Frau ,,peer" und berät mit.

Die Bereiche Erotik/Sexualität/Zeugung gehören auch bei den Ratsuchern den in unserem Institut zu den am meisten tabuisierten Themen.

Dabei sind sie es, die unerbittlich jede Form neurotischer Verarbeitung letztendlich verunsichern. Das trotzige ,,Es ist alles wie früher, im Grunde lebe ich wie früher, ich bin normal!" zerschellt in den intimen Stunden zu zweit genauso wie das ,,Es war gut, daß ich verunglückt bin, weil dies und weil das viel besser, reicher, schöner geworden ist." Klar gibt es auch viele Dinge, die sich erst durch die Behinderung ergeben haben und das Leben bereichern, aber es gibt eben auch die Einschränkungen, die mensch betrauern dürfen muß. Und:

Normal sind wir eben nicht mehr, und unsere Sexualität ist anders, und unsere Kinder werden anders gezeugt. Wie tragisch und wie schön das ist, hängt davon ab, wie weit es uns gelingt, unsere Behinderung bei aller notwendigen Trauer - unkompensiert - als einen positiven Teil unserer Persönlichkeit zu integrieren.

Sexualität, das zeigen die Erfahrungen aus der Beratungspraxis und meine persönlichen, wird viel zu oft mit fremden Themen überfrachtet, etwa mit dem tödlichen ,,Wieviel-Mann-bin-ich-noch?" Wird sie von solchen Fragen entlastet, belohnt sie uns.

Kontakt: Institut für systemische Beratung Behinderter, Nemitzer Straße 16, 29494 Trebel,

Tel. (05848) 1368, Fax (05848) 1371

Paraplegiker, Heft 2/95, S. 16