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Der schwere Schulweg des kleinen Daniel
Eltern eines behinderten Kindes wollen vor dem Bundesverfassungsgericht den Besuch einer Regelschule erstreiten
Von Thomas Maron (Berching)
Frankfurter Rundschau, 10.11.97


Vier bunte Zahnbürsten stecken in dem Becher, der auf der Spiegelablage des großen, hellen Badezimmers steht: die Zahnbürsten der Kinder von Monika und Josef Wild. Eine davon gehört dem acht Jahre alten Daniel, einem wieselflinken und neugierigen Jungen. Daniel, der mit seiner Familie in Berching (Oberpfalz) lebt, weist wegen einer Genmutation die Symptome des Down-Syndroms auf. Er gilt als geistig behindert, deshalb darf er in Bayern nicht an eine sogenannte "Regelschule". Seine Eltern kämpfen seit mehr als drei Jahren darum, daß Daniel den gleichen Schulweg wie seine Freunde hat. Sie brachten Petitionen im Landtag ein, wollten die Einschulung vor Gericht erstreiten - vergebens. Jetzt muß das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob Daniel aufgrund seiner Behinderung nach Grundgesetzartikel 3, Absatz 3, Satz 2, diskriminiert wird und ob er Anspruch auf den Besuch einer Regelschule hat.

Daniels Chancen sind in jüngster Zeit nicht gerade gestiegen. Am 29. Oktober nämlich wiesen die Verfassungshüter eine Beschwerde aus Niedersachsen zurück. Ein Mädchen mit Querschnittslähmung hatte sich gegen eine Überweisung von einer Integrierten Gesamtschule an eine Sonderschule gewandt. Zwar dürfe das Bundesland nicht generell Behinderte vom Unterricht mit Nichtbehinderten ausschließen. Organisatorische, personelle oder finanzielle Probleme könnten der Integration dennoch entgegenstehen, argumentierten die Karlsruher Richter. Das Kostenargument, so fürchten jetzt Pädagogen, könne jedoch in Zeiten knapper Kassen immer vorgeschoben werden, um überfällige Reformen zu verhindern.

In Bayern geht es nicht nur ums Geld. Es geht um die Grundsatzfrage, welches Schulsystem das bessere ist. Nach wie vor hält das Kultusministerium am lernzielgleichen Unterricht fest, der gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten nahezu unmöglich macht. Jedes Kind muß am Ende eines Schuljahrs einem abfragbaren Niveau genügen - unabhängig vom individuellen Entwicklungsstand. Erfüllt es die Anforderungen nicht, fällt das Kind durchs Leistungssieb. Daniel, so das Ministerium, könne laut Gutachten an der Regelschule den Vorgaben des Lehrplans nicht folgen, also bestehe bei ihm ein "besonderer Förderbedarf". Deshalb muß er an die Sonderschule. "Selektion" nennen das Daniels Eltern und Reformpädagogen. Die Kinder, so die Kritik, werden in ihren Leistungen bewertet und dann voneinander getrennt. Das Gemeinsame werde nicht gefördert und der Blick für den Wert des Andersartigen getrübt. Behinderte Kinder würden so zu Fremdkörpern in der Gesellschaft.

Mit gefährlichen Folgen: Harald Ebert und Erwin Breitenbach, Integrationsexperten am Würzburger Lehrstuhl für Sonderpädagogik, befragten im vergangenen Jahr unterfränkische Schüler nach ihrer Einstellung zu behinderten Menschen. 72 Prozent waren der Meinung, daß es "gut wäre, wenn ein Kind mit geistiger Behinderung früh sterben würde". Ebert sieht angesichts dessen keine Alternative zu integrativen Schulprojekten: "Das ist keine methodische Frage. Hier geht es um die Wahrung einer humanen Gesellschaft."

Monika Wild ist eine ruhige und zurückhaltende Frau. Das ändert sich, wenn von ihrem Sohn die Rede ist. Dann überkommt sie die Wut, die sich drei Jahre lang aufgestaut hat. In zwei Ordnern sind Zeitungs- und Fachartikel abgeheftet, die den mühsamen Weg der Familie nach Karlsruhe dokumentieren. Die gläubige Katholikin wirft der Münchner Staatsregierung Doppelmoral vor: "Die kämpfen für das Kreuz im Klassenzimmer, und uns machen sie hier die Hölle heiß." Monika Wild ist müde geworden. Und in dem kleinen Ort Berching ist sie nach monatelangem Streit bei vielen Eltern als Querulantin verschrien. Sie bemüht sich, den Konflikt von dem Jungen fernzuhalten. Aber das geht kaum mehr. Zu oft wird der Achtjährige von Freunden gefragt, warum er nicht mit ihnen zur Schule gehen darf, warum die Schultüte, die sie ihm gebastelt haben, noch nicht gefüllt wurde.

Dabei scheint die CSU in Fragen der Integration längst nicht mehr so geeint wie noch vor einigen Jahren, als das linke Konzept der "Gesamtschule" die rechten Reihen geschlossen hielt. Während die Staatsregierung strikt am Dogma der Lernzielgleichheit festhält, erarbeitet eine Arbeitsgruppe der CSU-Fraktion Möglichkeiten und Grenzen der Integration. Deren Vorsitzender Blasius Thätter räumt ein, "daß wir hier in Bayern mehr Flexibilität lernen müssen". Thätter, selbst 18 Jahre lang Sonderschullehrer, meldet Zweifel an der CSU-Marschroute an: "Lernzielgleichheit findet doch überhaupt nicht statt. In jeder guten Klasse wird differenziert." Schließlich müsse ein Lehrer von den Schwächen und Möglichkeiten des einzelnen Kindes ausgehen. Und die seien nun mal unterschiedlich. Mehrheiten kann er mit diesen Thesen noch nicht um sich scharen. Da müsse erst die "Bewußtseinsbildung" innerhalb der CSU-Fraktion vorangetrieben werden.

Eigentlich sollte Daniel dieses Jahr endlich in die Grundschule gehen. Deshalb wurde die Verfassungsbeschwerde der Familie Wild Anfang August auch mit dem Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Anordnung verbunden. Dem Jungen sollten mittels Eilentscheid die Türen der Regelschule geöffnet werden. Auch diese Initiative blieb jedoch bis jetzt ohne Erfolg. Die Karlsruher Richter fragten Ende Oktober lediglich nach, ob angesichts des Beschlusses über den Streitfall in Niedersachsen weiter an der Beschwerde festgehalten werde. Der Rechtsanwalt der Familie, Arnold Köpcke-Duttler aus Ochsenfurt, stützt die von ihm formulierte Beschwerde nicht nur auf das Grundgesetz, sondern auch auf internationales Recht, etwa auf die europäische Menschenrechtskonvention. Dort heißt es unter anderem, der Staat habe das "Recht der Eltern" zu achten, "die Erziehung entsprechend ihren eigenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen sicherzustellen". Deutschland habe diese Konvention unterschrieben, dennoch blieben solche Vereinbarungen von Juristen nahezu unbeachtet, kritisiert der Rechtsanwalt.

Köpcke-Duttler sieht ein Problem der derzeitigen Diskussion darin, daß überwiegend juristisch, nicht aber pädagogisch argumentiert wird. Vermehrt müßten Gerichte über Fragen entscheiden, von denen sie wenig verstehen. Köpcke-Duttler weiß, wovon er spricht. Er ist Rechtsanwalt und habilitierter Pädagoge, lehrt an der Universität Kassel. In der wohlwollend gemeinten und mit besonderer Fürsorge ausgestatteten Abschirmung von Behinderten in Sondereinrichtungen erkennt der Experte ein Zeichen von Schwäche und Unsicherheit: "Die Aufspartung in bestimmte Formen von Behinderung macht das Fremde faßbarer und erträglicher und suggeriert zugleich ein gefährliches und willkürlich gesetztes Leitbild von Normalität."

Sollte das Denken der Bevölkerung weiter auf rein ökonomische Werte konditioniert werden, sollte auf politischer Ebene nicht in absehbarer Zeit eingesehen werden, daß nur ein intensives Miteinander die Menschen einen toleranten Umgang lehrt, dann sieht Köpcke-Duttler gefährliches Gedankengut wieder aufleben: "Versteckte Tötungswünsche gegenüber behinderten Menschen kehren zurück. Tötungswünsche aus Gutmütigkeit, die in einem fatalen Gedanken wurzeln. Dem Gedanken, behinderte Menschen würden leiden, und man sollte ihnen dieses Leiden ersparen."

Monika Wild will Daniel vor weiterer Ausgrenzung bewahren. Schweren Herzens und in der Hoffnung auf einen baldigen Spruch aus Karlsruhe schulten die Eltern ihn an einer Diagnose- und Förderklasse im etwa 15 Kilometer entfernten Beilngries ein. Die Mutter holt Daniel von der Schule ab, organisiert Treffen mit Nachbarskindern, die zusammen mit Daniel in den Kindergarten gegangen sind. "Er soll auf keinen Fall den Kontakt verlieren. Aber mit jedem Tag, den er nicht mit ihnen zur Schule gehen darf, wird es schwerer für ihn - und für uns."

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