Hilfe und Pflege 

Spenden, Almosen und die Aktion Sorgenkind



Die meisten Wohlfahrtsverbände leben gut mit der Finanzierung über Spenden, sie haben nichts dagegen einzuwenden. Bezeichnenderweise kam der einzige Protest gegen unsere "Verunglimpfung" der Aktion Sorgenkind im Film von einem Elternverband. Das Geschäft mit dem modernen Ablaß blüht.
Dabei hat längst ein erbitterter Kampf um "Marktanteile" eingesetzt: mit einem riesigen Werbeaufwand werden Spendenaufruge, Wohltätigkeitsveranstaltungen etc. organisiert. Ganz nach Konzernmanier hat ein unerbittlicher Verdrängungswettbewerb eingesezt: allein das DRK bekäme nach einer Umfrage 49% der Spenden in der BRD, gefolgt von der Deutschen Krebshilfe mit 32% Marktanteil.
(Umfrage des IFAK-Instituts, zitiert nach Die Zeit, Nr. 14, 28.3.1980)

Zumindest starke Bedenken gegen solche "Geldbeschaffungsmaßnahmen" haben dagegen Initiativgruppen:
"Seit Bestehen der BAGC und seit Bestehen der Aktion Sorgenkind hat nie ein (...) Mitarbeiter der BAGC diesem Gremium angehört. Das war auch zu keiner Zeit angestrebt, weder von Seiten der BAGC noch von Seiten der Aktion Sorgenkind, der die äußerst kritische Grundeinstellung der BAGC nur zu gut bekannt ist." (Adelheid Einholz in einem offenen Brief; in: Omnibus, 10/79, s.27)

Daß staatliche Stellen die Finanzierung über Spendenaktionen und Aktion Sorgenkind gern sehen, ist klar. Durch diese Form von Subsidiarität sparen sie viel Geld, ihr Ansehen steigt, weil sie vorzeigen können, was es "in diesem unserem Lande" alles für Behinderte gibt.
Daran ändert wenig, daß an die Zuschüsse von Aktion Sorgenkind noch die Aussicht auf weitere, staatliche Zuschüsse geknüpft ist:
"...daß an jede Mark, die von der Aktion Sorgenkind zur Verfügung gestellt wird, praktisch mehrere Mark gebunden sind, die der Staat geben muß. Wenn die Aktion Sorgenkind irgendeiner Einrichtung eine Mark zur Verfügung stellt, kann diese Einrichtung das als Eigenmittel geltend machen. (...)
Hat sie damit Anspruch gegenüber dem Staat aufgrund bestimmter Gesetze, weitere Gelder zu bekommen. Das heißt also, daß die 360 Mio.DM letztlich 2 Milliarden DM überhaupt mobilisiert haben."

(Hans Mohl in einer Diskussion mit der Filmgruppe. Tonbandprotokoll, S. 18)

Das Dilemma von Anspruch (Ablehnung von Almosen, Fordern von Rechtsansprüchen) und Zielen (Finanzierung effektiver Arbeit) ist nicht aufzulösen.
Solange Initiativen Spenden als Finanzierungsmöglichkeit konsequent ablehnen, bleibt ihr Handlungsspielraum klein, die Kasse leer. Eine konsequente Ablehnung jeder Art von Spenden wird also teuer erkauft - Räume, Material, erst recht bezahlte Mitarbeiter kosten Geld, und der Selbstausbeutung (Mitarbeiter bezahlen alles aus eigener Tasche) sind schnell Grenzen gesetzt. Andererseits sind gerade eigene Räume, Mitarbeiter, eigene Clubzeitung etc., Dinge, die für die Stabilisierung und Kontinuität einer Gruppe wichtig sind. Gruppen, die an gesellschaftlichen Nebenwidersprüchen antiinstitutionell arbeiten, sind nun einmal
"auf die angegriffenen Institutionen angewiesen: Weil es der Produktionsmittel im weitesten Sinne bedarf (Räume, Gegenstände...) - Produktionsmittel, die es selbst nicht erwerben kann, weil es keine Tauschwerte produziert."
(Peter Brückner: Anmerkungen zum Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK), in: Über die Gewalt. Berlin 1979, S. 55)

Da durch Behindertenarbeit nur in wenigen Fällen (und dann auch nur in geringem Maß) Tauschwerte (gesellschaftlich anerkannte Kosten zur Reproduktion aller aufgewendeten Arbeitskraft) produziert werden, kann sie sich nicht selbst finanzieren.

"Auf diesen Grund-Widerspruch des SPK: radikal anti-institutionell, aber auf Institutionen lebensdringlich angewiesen, hätte es mit einer Doppelstrategie antworten müssen."
(Brückner, S. 56)

Rechtsansprüche können Gruppen nur in geringem Umfang geltend machen; eine "kollektive Bedürftigkeit" kennt unser Sozialrecht nicht. Der Individualisierungs- und Subsidiaritätsgrundsatz geht darüber hinaus davon aus, daß derartige soziale Arbeit nicht als "Arbeit" gilt - ihr wird kein Tauschwert zuerkannt; sie soll auf "privater" Ebene geleistet werden, und da unterstellt man diesen Leuten so viele selbstlose Motive, daß sie nicht bezahlbar sind, also nicht bezahlt werden.
Anders sieht es für Institutionen bzw. für deren Träger aus: die "produzieren" ja in Form von Pflegeleistungen u.a. Tauschwerte, sie werden - z.B. über Tagessätze - finanziert, können sich darüber weitgehend finanziell selsbt tragen - eine beruhigende Grundlage für Behinderten- und Wohlfahrtsverbände. Nur bei Expansionsplänen sind sie darauf angewiesen, auf Spenden zurückzugreifen.
Eine Doppelstrategie, wie Brückner sie vorschlägt, ist für kleine Gruppen kaum zu umgehen. Wenn sie überhaupt Zuschüsse bekommen, reichen diese doch nciht aus. Die Frage lautet nicht mehr, ob Spenden oder nicht - sondern welche Spenden angenommen werden können, ohne die eigene Zielsetzung zu verraten.
In der Annahme von Spenden liegt auch eine Gefahr: so abhängig von diesem Geldgeber zu werden, daß die Gruppe es sich nicht mehr leisten kann, gegen Mißstände vorzugehen.
"Ohne solche rudimentäre Basis - politisch: ohne Kompromiß, ohne Doppelstrategie - erlischt jedoch der Konflikt bzw. droht zu erlöschen, jedenfalls solange man dabei an einen Austausch des Kollektivs mit der umliegenden Gesellschaft denkt."
(Brückner, S. 56)


(Auszug aus meiner Diplomarbeit, Sommer 1980)
Hannes Heiler
BM-Online