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Berufstaetig oder zu Hause?


Im Beruf: Ich bin blind und bleibe zu Hause!?

Von Thomas Nicolai

Zehn Frauen sind meiner Einladung zu einer lockeren Gesprächsrunde am Rande eines Seminars gefolgt. Alle kommen aus Thüringen, alle sind blind oder stark sehbehindert, alle engagieren sich ehrenamtlich im Blinden- und Sehbehindertenverband, alle standen im Beruf ihre Frau; zwei von ihnen sind noch berufstätig.

Das Gesprächsthema sollte lauten: "Gehört die Frau nicht vielleicht doch an den Kochtopf?" Lassen wir die Meinungen aus dem Tonbandprotokoll stehen wie sie sind. Sie bedürfen ohnehin auch keines Kommentars.

Waltraud Volkmer, Jena, nicht mehr berufstätig:
Das Schlimmste war, als mir die Augenärztin sagte, daß ich invalidisiert würde und nie mehr arbeiten könnte. Das war für mich ein Schlag mit dem Holzhammer.
Obwohl ich wußte, was auf mich zukam, weil mein Vater auch durch Retinitis Pigmentosa erblindet war, habe ich sehr lange gebraucht, bis ich mich wieder richtig gefunden habe. Die erste Zeit bin ich jeden Vormittag fort von zu Hause, in die Stadt, zu meinen Eltern, zu meiner alten Arbeitsstelle... Ich habe dann meine ganze Kraft für den Verband eingesetzt.

Erika Erler, Suhl, Masseurin in einer privaten Praxis als Angestellte, verheiratet, ein Sohn:
Oh ja, ich habe Angst, meine Stellung zu verlieren, auch wegen der Sparmaßnahmen und weil ich schon einmal arbeitslos war. Damals war ich ziemlich weit unten. Ich war erst im Krankenhaus und später in einer Poliklinik beschäftigt. Dann wurde die aufgelöst. Ich war eineinhalb Jahre zu Hause; über das Arbeitsamt habe ich nichts gefunden, dann hatte ich eben irgendwann Glück. Es ist leider so, daß die Leute sehr viele Vorbehalte haben. Ich habe meist schon am Telefon gesagt, ich bin blind, weil ich dachte, ich will sie ja auch nicht erschrecken, man weiß ja nicht. Meistens war dann die Antwort: Wir rufen an. Auf diese Anrufe warte ich heute noch...
Das persönliche Gespräch ist für mich und natürlich auch für die Patienten eine gute Sache. Erst einmal erzählen die Patienten auch sehr viel über sich, und dann kommen sie auch mit ihren Fragen, erst ganz vorsichtig: Können wir Sie etwas fragen oder sind Sie böse? Und dann reden wir eigentlich ganz offen miteinander, und ich denke, das ist auch eine ganz nützliche Öffentlichkeitsarbeit.
Und man hat eben wirklich ein ganz anderes Selbstwertgefühl.

Christa Daßler, 65 Jahre alt, Leiterin der Schleizer Gruppe im Saale-Orla-Kreis:
40 Jahre war ich in der Produktionsgenossenschaft des Blindenhandwerks in Arnstadt als Heimarbeiterin tätig, und dann auch mit im Vorstand. Als ich dann 60 wurde, hab ich mir gedacht, den Winter arbeitest du noch durch und dann hörst du auf. Aber es war schon vor dem Schluß, weil Arnstadt keine Arbeit mehr für uns hatte...
Nun bin ich zwar viel allein, aber man muß sich halt zu beschäftigen wissen. Ich lese viel und mache wie gesagt noch die Verbandsarbeit...
Man kann ja doch nicht alles hinschmeißen, wenn man es viele Jahre gemacht hat, und ich hänge auch noch an der Arbeit...

Gabriele Friedrich, Kyffhäuserkreis, 39 Jahre alt, Mutter eines 11jährigen Sohnes; Telefonistin, seit 1993 arbeitslos:
Ich habe in den drei Jahren erfahren müssen, daß es sehr schwer ist, wieder eine Arbeit zu finden. Ich würde gern arbeiten, aber die Voreingenommenheit Blinden gegenüber ist wohl zu groß. Es ist ja nicht nur das Geldverdienen. Der Kontakt zu anderen Leuten, das Gefühl, gebraucht zu werden...
Ich habe bis 1990 in einem Landambulatorium gearbeitet; die Ärzte sind in die Niederlassungen gegangen, und mich konnte man natürlich dann dort nicht mehr gebrauchen.
Obwohl die Amtsärztin, die damals neu gewählte, wußte, daß es in Heldrungen eine blinde Telefonistin gibt, haben sie auf dem Gesundheitsamt in Artern eine Verkäuferin als Telefonistin eingestellt. Ich hatte nicht das Gefühl, daß die Hauptfürsorgestelle auf meiner Seite stand...
Zu einer Umschulung kann ich mich nicht entschließen, weil ich meine Familie jetzt nicht allein lassen werde. Ich denke, daß ich mir damit sehr viel zerstören würde, und eine Arbeit würde ich trotzdem nicht bekommen.

Marianne Lapp, verheiratet, seit Januar 1996 arbeitslos, von 1958 als Stenotypistin, dann auch als Steno-Phonotypistin und später als Steno-Sachbearbeiterin tätig, ehrenamtliche Frauenbeauftragte des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Thüringen:
Ich finde es sehr schlimm, daß Frauen aus dem Beruf herausgedrängt werden. Es ist schwierig, als blinde Frau wieder Arbeit zu bekommen, auch der Verband müßte sich ein bißchen mehr bemühen.
Wir wollen doch dazugehören, keine Außenseiter sein. Bei unseren Frauentreffen spielt das Thema Berufstätigkeit immer eine sehr große Rolle. Und viele versuchen, auch von den Kreisen aus mit den Arbeitsämtern Kontakt zu halten, aber trotz größter Bemühungen ist es einfach nicht möglich, für Blinde irgend etwas zu bekommen.
In den Betrieben sind ja als erste die Blinden rausgeflogen, die ja Rente und Blindengeld haben. Das war wie ein Vorwurf. Die Blindenwerkstatt in Gotha ist auch in Konkurs gegangen. Wir haben im Kreis fast keine Berufstätigen mehr.

Elisabeth Spautz, Jena, gelernte Krankenschwester, jetzt Rentnerin:
Für mich war es ein großes Glück, an den Verband heranzukommen, denn bis dahin dachte ich immer, ich sei wegen meiner Sehbehinderung minderwertig und müßte mich wegen dieser Krankheit schämen. Ich wollte es verbergen. Und hier habe ich erst einmal Leute kennengelernt, denen es genauso ging, die die gleichen Probleme hatten. Und da habe ich erst einmal festgestellt, daß man sich nicht zu schämen braucht und daß man genauso gleichberechtigt arbeiten kann. Aber als die Wende kam, wurde mir gesagt, wir müssen zumachen, und innerhalb einer halben Stunde war mein Arbeitsverhältnis gelöst. Nun ging ich auf die 60 zu, es war daher für mich kein großer Verlust, aber die Art und Weise ist auch nicht gerade die feinste gewesen...
Für eine Frau kann es doch nicht das ganze Leben sein, ob sie eine Behinderung hat oder nicht, nur zu Hause zu sitzen, eingesperrt zu sein. Es muß eine Bestätigung da sein - Frauen können doch eigentlich eine ganze Menge. Und man sollte versuchen, die ganzen Möglichkeiten herauszufinden. Man soll die Frauen arbeiten lassen und sich Mühe geben mit ihnen. Meine Arbeitskollegen wußten am Anfang nicht Bescheid, und ich wollte das eigentlich auch vermeiden. Aber heute weiß ich, die Behinderung, das ist ja nur ein Teil von mir. Ich bin eine Frau mit all meinen Wünschen und Fähigkeiten, mit meinen Empfindungen, meiner Familie. Das ist ja das, was einen Menschen ausmacht. Ein körperlicher Fehler sollte nicht das Dominierende sein. Die Kollegen haben das dann auch anerkannt, aber das ist so komisch. Da kann sich ein Außenstehender gar nicht reinversetzen. Die wollen einem helfen, aber die behandeln Sie, als wären Sie geistig behindert.

Gerda Nürnberg-Lehmann, Eisenach:
Ich bin seit über 30 Jahren im Jugendamt Eisenach als Schreibkraft tätig. Es ist zwar schön, daß jetzt mehr Leute da sind, die sagen, du brauchst jetzt dies nicht mehr zu machen und jenes nicht mehr, und ich bekomme einige Arbeiten abgenommen, aber andererseits bekomme ich auch fast alles abgenommen. Und es sieht so aus, wenn die in zwei Jahren die Dienststelle verlagern, daß sie dann meine Mitarbeit nicht mehr brauchen.
Wir sind ja so erzogen worden, daß wir nicht nur die Nehmenden sind, sondern auch die Gebenden, und die wollen wir doch auch weiter bleiben.

Helga Pydde, stellvertretende Vorsitzende der Gruppe Worbis, früher in der Baumwollspinnerei in der Hülsenaufbereitung tätig, seit 1988 zu Hause:
Wir haben uns entschlossen, daß sich unsere Frauengruppe jeden Montag trifft, denn es sind alle arbeitslos, und wir wollen damit das Gespräch fördern. Wenn man - wie ich - 20 Jahre gearbeitet hat und sitzt dann zu Hause, das fällt einem sehr schwer.
Frau nur am Herd - damit können wir uns gar nicht abfinden. Wir Frauen haben zu DDR-Zeiten ja alle gearbeitet. Kindergärten, Kinderkrippen, das war ja alles da, was heute nicht der Fall ist. Viele Frauen würden gerne wieder arbeiten. Wir waren ein gutes Kollektiv, haben uns alle gut verstanden; wir haben uns gefreut auf die Arbeit. Jetzt nur zu Hause, ohne Kontakte, das ist nichts. Gerade, wenn man im Neubau wohnt; jeder macht seine Tür zu...
Bei uns ist die Arbeitslosenrate im Kreis Worbis sehr hoch. Ein Teil fährt jetzt nach Niedersachsen rüber. Bei uns sind doch alle Betriebe zu. Die Baumwollspinnerei hatte viereinhalbtausend Beschäftigte, 80 Prozent Frauen; die sitzen zum größten Teil auf der Straße; die haben jetzt noch 130, 140 Beschäftigte...

Hildegard Möller, nicht mehr berufstätig:
Im Uhrenwerk Ruhla, wo ich gearbeitet habe, hat sich der Betriebsrat sehr für die Behinderten eingesetzt, aber da der Betrieb in Liquidation gegangen ist, war dann auch Schluß. Aber die hatten die anderen in Kurzarbeit geschickt und die Behinderten im Betrieb behalten.
Ich war im Lager tätig, meine Behinderung wurde angenommen. Alle wußten, daß ich nicht sehen konnte, und ich wurde immer gleich mit Namen angesprochen, "Guten Morgen, Hildegard". Ich war überall bekannt.
Ich wußte, in welchem Regal was lag und wo ich hingehen mußte.
Das war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe selbst einsortiert, wußte somit auch, wo alles lag.

Maria Brandenburg, Leinefelde, nicht berufstätig:
Ich freue mich, daß ich angesprochen worden bin, mit in der Frauengruppe tätig zu sein, weil ich da auch sehr viel Hilfe weitergeben kann.
Ich habe früher, als wir noch in der Schule waren, manchmal gesagt, ach, Scheiß-Schule, oder dann Scheiß-Arbeit - auf deutsch gesagt. Das würde ich heute, wo ich betroffen bin, nie wieder sagen. Und es soll jeder froh sein, wenn er noch Arbeit hat und losgehen kann und nicht nur zu Hause hockt.
Inzwischen habe ich mich - so bitter das klingt - halt damit abgefunden: Ich bin blind und bleibe zu Hause. Ich brauche kein Mitleid; das wäre Gift für mich, das hilft keinem. Blind bleibe ich trotzdem.

Und wie wird es in zehn Jahren aussehen?
Optimismus wollte in der Runde nicht aufkommen, aber Ideen, wo Blinde Arbeit finden könnten, hätten die Frauen schon:
Vielleicht könnten Blinde in beratenden Funktionen arbeiten, in Bereichen, in denen sie sich auskennen, man könnte auf ihre Berufserfahrungen zurückgreifen, wenn sie mit dem Betrieb verwachsen sind.

(In der Kassetten-Ausgabe wird das Rundtischgespräch im Originalton veröffentlicht. Der Beitrag wird auch im DBV- Jahrbuch für 1997 erscheinen.)
In der Schwarzdruck-Ausgabe erscheinen dazu drei Fotos aus einer Serie des DBV zum Thema Beruf; drei Frauen, die mitten im Berufsleben stehen - Lehrerin, Hilfsmittelberaterin und Physiotherapeutin. 


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Subject: Berufstaetig oder zu Hause?
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