Uno-Jahr 1981 

Überblick: Uno-Jahr der Behinderten 1981


Femsehkritik


Betroffene machten nicht betroffen


"Wer ist hier behindert - ich oder du?", ZDF, Dienstag
Dass die Gesellschaft im Moment interessiert ist an Randgruppenproblemen, beweisen die hohen Auflageziffern von Büchern ehemaliger Strafgefangener oder Drogenabhängiger sowie der überraschende Erfolg des Films "Behinderte Liebe". Es ist deshalb zweifellos richtig, dass die Randgruppen dieses Interesse ausnützen, um durch Information bestehende Vorurteile abzubauen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und so ihre Integration in die Gesellschaft überhaupt erst zu ermöglichen.
Einen Beitrag dazu lieferte am Dienstag das ZDF, indem es einer Gruppe "Behinderter" die Möglichkeit gab, ihre Anliegen mit einem Film einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen. Leider aber wollte diese Gruppe zuviel. Bei einer Sendezeit von 40 Minuten fünf Problembereiche ansprechen heisst diese bestenfalls antupfen.
Im ersten Teil begleitete die Kamera ein paar Rollstühle durch den Trubel des Mainzer Karnevals. Man sah, wie die Frauen in den Rollstühlen von "nichtbehinderten" Männern abgeküsst wurden.
Dazu der Kommentar, dass solche "Verbrüderungen" nur in alkoholisiertem Zustand stattfänden, dass dieselben Männer bei Nüchternheit aber einen weiten Bogen um die Rollstühle machen würden. Es blieb bei dieser Aussage. Das Suchen nach Ursachen, warum nur bei niedergerissenen Hemmungsschwellen dieser Kontakt erfolgt, unterblieb. Die Beziehungsfrage wurde noch einmal gestreift am Schluss des Films. Unter dem Titel "Freundschaft" sah man zwei Frauen, wovon eine im Rollstuhl, auf dem Weg zum Frankfurter Flohmarkt. Die "nichtbehinderte" erklärte dabei, dass sie sich nicht als Betreuerin vorkomme, und: "Kein Seminar, kein Kongress, keine Behinderteneinrichtung ersetzt den zwischenmenschlichen Kontakt, den jeder von uns braucht." Ein Satz, dem natürlich zuzustimmen ist. Nur - dem zentralen Problem der "Behinderten" wird mit so kurzen Szenen in keiner Weise Rechnung" getragen.
Von den zwei geschilderten Szenen eingeklammert war der Mittelteil des Films, der sich in einer Diskussion (über die Gründe der Filmentstehung), ein Rollenspiel (welches das unmögliche Verhalten des Amtsschimmels gegenüber "Behinderten" entlarvte) und ein Gespräch mit Professor Gerd Jansen gliederte. Jansen ist Leiter des Seminars für heilpädagogische Psychologie in Köln und gilt als Fachmann für Behindertenfragen. Dass aber ausgerechnet Betroffene ihm einen Teil ihrer kostbaren Sendezeit zur Verfügung stellten, damit da einmal mehr ein Aussenstehender über Probleme sprechen konnte, die er nur aus zweiter Hand kennt, das war für mich schon enttäuschend.
Aber beispielhaft vielleicht für den ganzen Film: zwar von Betroffenen gemacht, doch so steril, so brav, so kopflastig, dass er sich in nichts von einem professionellen Fernsehbericht unterschied und also auch nicht betroffen machen konnte. Und darauf wäre es doch angekommen, denn "Behindertsein" ist kein intellektuelles Problem.
Der Film hat dennoch etwas Positives. Seine Wichtigkeit liegt meiner Meinung nach darin, dass er dem Zuschauer ermöglicht, "behinderte" Menschen anzuschauen. Und so seltsam es auch tönen mag, gerade in der indirekten, unpersönlichen Art über den Bildschirm sehe ich eine grosse Chance. Denn der im Umgang mit "behinderten" Menschen verständlicherweise ungewohnte Zuschauer kann so seine Neugierde stillen, ohne sich blossstellen zu müssen. Er kann seine Unsicherheit, seine Vorurteile, sein Unwissen abbauen, ohne Angst, jemanden zu verletzen. So geben ihm Filme dieser Art neue Voraussetzungen, einem "Behinderten" in der Wirklichkeit gegenüberzutreten.
Alex Oberholzerb

Tages Anzeiger 13. März 1980


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