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Resümee Krüppeltribunal 1981


Krüppeltribunal 1981: Wir klagen an……
Und 20 Jahre danach?

Am 13. Dezember 1981 findet in Dortmund das Krüppeltribunal statt. Es ist eine der wichtigsten Protestaktionen der radikalen deutschen Behindertenbewegung gegen das „UN-Jahr der Behinderten". Angeklagt sind unter anderem Menschenrechtsverletzungen in Heimen, Werkstätten für Behinderte und Psychiatrien sowie Missstände des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (OPNV) im Wohlfahrtsstaat Deutschland.

20 Jahre später, am 14 Dezember des Jahres 2001 treffen sich viele der VeteranInnen und Interessierte zum „Krüppeltrribunal + 20"in der Evangelischen Fachhochschule (EFH) in Bochum. Begrüßt werden die Gäste von der Prorektorin Frau Mogge-Grotjahn mit den Worten: „Ich freue mich, sie alle hier begrüßen zu dürfen, und dass sie trotz der vielen Barrieren den Weg zu uns gefunden haben. An dieser Fachhochschule wurde bereits einiges für barrierefreies Studieren und Lehren getan, doch es ist noch lange nicht alles so, wie wir es uns wünschen".

Auf Initiative von Frau Prof. Theresia Degener, Mitorganisatorin des Krüppeltribunal 1981, ist dieses Treffen im Rahmen ihres Seminars „Disability Studies: Ursprünge der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Deutschland gemeinsam mit ihren Studierenden organisiert.

Disability Studies ist eine aus Großbritannien und den USA stammende Disziplin, die Behinderung nicht aus medizinischer Sicht, sondern als soziale Kategorie betrachtet. So halten Gusti Steiner aus Hamburg, Horst Frehe aus Bremen und Hannelore Witkofski aus Hamburg Impulsreferate, blicken dabei auf die damalige Planung und Durchführung des Krüppeltribunals zurück und erinnern an inzwischen verstorbene MitkämpferInnen.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion kristallisieren sich schnell drei Schwerpunkte heraus.

1. Dürfen „Nichtbehinderte", die in Behindertengruppen involviert sind, leitende Aufgaben übernehmen?

2. Wird es Protestveranstaltungen gegen das „EU - Jahr der Behinderten 2003" geben?

3. Was macht die heutige Behindertenpolitik aus?

Bezeichnend für den ersten Punkt ist die Tatsache, dass die sogenannte „Nichtbehindertenfrage" heute noch genauso diskutiert wird, wie vor 20 Jahren. Das EU-Jahr der Behinderten 2003 wird übereinstimmend als Anlass gesehen, mit eigenen Aktionen die Belange behinderter Menschen deutlich zu machen. Allerdings will kein Teilnehmer sich zu diesem Zeitpunkt auf Art und Durchführung festlegen. Beim dritten Punkt geht es schließlich um die Frage, ob sich die Behindertenbewegung in Deutschland nicht zu sehr auf einer politisch, rechtlichen Ebene etabliert hat und ob sie nicht wieder mehr außerparlamentarisch agieren muss. Übereinstimmung ist an diesem Tag in allen Punkten nicht zu finden, es wurde diskutiert.

In den Pausen gab es Gelegenheit mitgebrachte Fotos, Plakate und Flugblätter anzusehen und sich an der von Studierenden organisierten Kuchentheke zu stärken. „Ohne das Engagement und den Einfallsreichtum der Studierenden, hätte ich diese Veranstaltung nicht durchführen können", so Frau Degener. Auch das gemeinsame Abendessen, mit dem dieses Treffen ausklingt, findet in der EFH statt, da weder Gaststätten, noch OPNV in Bochum barrierefrei zugänglich sind.

In der Reflexion des Seminars wird noch einmal sehr deutlich, dass die Studierenden sehr von diesem Tag profitiert haben. Anregungen für Überlegungen im späteren heilpädagogischen Berufsfeld und der Abbau von Berührungsängsten stehen dabei im Mittelpunkt. „Die Heilpädagogik muss als Bindeglied zwischen behinderten Menschen und der Gesellschaft fungieren, um Selbstbestimmtes Leben selbstverständlich zu machen".

Sandra Bons & Kathrin Schulze Othmerding,
Studentinnen der EFH Bochum

Aus: partizip 1/2002, seite 35


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