Gesundheitstag 1981 

Überblick: Gesundheitstag 1981


NACHLESE -ZUM GESUNDHEITSTAG 1981

Dirk Wolter

Selbstverständlich ist es füreine/n einzelne/n unmöglich, einen repräsentativen Überblick über den Gesundheitstag (GT) 81 zu geben, vom Problem der Objektivität ganz zu schweigen. Immer noch unmöglich auch angesichts einer Reihe von Diskussionen, die ich mit verschiedenen Leuten gehabt habe. In diesen Diskussionen gewann ich den Eindruck, daß dieser GT überwiegend Unzufriedenheit verbreitet hat.

Diese Diskussionen haben mir kaum Fragen beantwortet, im Gegentum. Doch ich habe den Eindruck, daß ich einigen wichtigen Fragen damit ein wenig auf die Spur gekommen bin. Beantworten können diese Fragen nur wir gemeinsam: die "Gesundheitsbewegung".

Gesundheitsbewegung - gibt's die überhaupt? oder: von Körnerfressern und Gesundheitspolitikern

Der GT war eine Austauschbörse, ein Sammelsurium, ein Durcheinander. Was von den einen (z.B. TAZ) gelobt wird, ist den anderen Anlaß zur Kritik: von Beliebigkeit war die Rede, von fehlender Verbindlichkeit und von unklarer Stoßrichtung. Manche fühlten sich dadurch gar eher entmutigt denn gestärkt. "Wie stark sind wir eigentlich?" Auf diese Frage hat die Antwort gefehlt. Auch auf drängende, vom gesundheitspolitischen Geschehen diktierte Fragen hat der GT 81 keine Antwort gegeben: Kostendämpfung, Kürzung von Sozialleistungen z.B.; er hat es auch von seiner Organisation her kaum versucht.

Offensichtlich waren aber auch nicht allzuviele Teilnehmer daran interessiert. Ein sicherlich überspitztes Bild, das ich zeichne, und das mir bestimmt auch einige Kritik eintragen wird: Veranstaltungen über Wünschelruten, Körperarbeit und Ernährung platzten aus den Nähten, solche über Pharmaindustrie, Kostendämpfung und Krankenhausbedarfspläne konnten in beschaulicher Ruhe über die Bühne gehen.

Gewiß: die Auseinandersetzung mit der "Schulmedizin" und dem Gesundheitswesen dieser Gesellschaft ist ein frustrierendes Unterfangen. Ich möchte oft die Flinte in's Korn schmeißen, sehe keine Perspektiven mehr, träume vom Stein der Weisen, der einen richtigen Idee, dem einen rechten Zugriff mit dem die Probleme in den Griff zu kriegen wären. Aber den gibt's nicht!

Wer meint, die "Schulmedizin" sei prinzipiell Scheiße; wer denkt, mit Arnika D3 und Bioenergetik, Akupunktur und Biogemüse alles besser zu machen, der tut so, als habe die "Schulmedizin" im Lauf der Geschichte kein Wissen über die Menschen angesammelt, als mache sie nur krank und sei nicht (primär) Reaktion auf Krankheit und Leiden mit dem Anspruch auf Hilfe und Heilung, einem Anspruch, den sie auch immer wieder mal einlöst.

Ebenso diejenigen, die - wie bei der Podiumsdiskussion "Müssen wir die Medizin abschaffen?" beim GT in Hamburg - die Institutionen des Gesundheitswesens dieser Gesellschaft, vor allem die Krankenhäuser, kategorisch ablehnen und sagen, diese könnten per se gar nicht human sein: sie setzen sich nicht damit auseinander, daß dies für den größten Teil der Bevölkerung dieses Landes die Institutionen der Gesundheitsversorgung sind, daß sehr viele Menschen - auch Linke - dort arbeiten, und daß immer wieder einmal -tatsächlich - Menschen dort geholfen wird. Beide eben angesprochenen Gruppen müssen sich vorwerfen lassen, daß sie das Kind mit dem Bade ausschütten, daß sie die Problematik undialektisch und ahistorisch angehen, ja: daß sie u.U. ein simpleres Weltbild haben als die "Schulmedizin", gegen die sie polemisieren. Denn die "Schulmedizin" erhebt in ihrer Theorie immer schon den Anspruch einer dreifachen Sichtweise:

organisch, sozial und psychisch, sowohl in Ätiologie als auch Therapie. Woran liegt es, daß "schulmedizinische" Praxis hierzulande sich von dieser Theorie oft wie Tag und Nacht unterscheidet? Kann nicht, muß nicht in dieser gesellschaftlichen Organisation Homöopathie z.B. genauso pervertieren, wenn sie den Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Gesundheitsversorgung stellt und nicht nur in Nischen als Außenseitermethode existieren will? Reicht es aus, Antibiotika durch Senfwickel zu ersetzen? Der Alternativ- und Zurück-zur-Natur- Boom ist zuallermeist keine dialektische Aufhebung "unseres" Gesundheitswesens, "unserer" Schulmedizin, unserer bisherigen Art, Politik zu machen, sondern bloßer plumper Gegenpol: individualisierende Antwort auf die Ohnmacht angesichts der Kompliziertheit und Ausweglosigkeit der gesellschaftlichen bzw. politischen Situation.

Und andererseits: wir dürfen auch nicht unterschlagen, daß Alternativmarkt ‚ Psychoboom und Selbsthilfekonjunktur berechtigte wie begründete Kritik sind: an einer entmündigenden Expertenmedizin, an einer symptombezogenen, nicht ganzheitlichen, naturwissenschaftlichen Organmedizin, an unmenschlichen Institutionen -aber auch an der entpersönlichenden, aufreibenden und frustrierenden politischen Arbeit a la K-Gruppen. Kritik - aber damit auch Hinweis darauf, daß hier bislang wichtige Bedürfnisse unter den Tisch gefallen sind. Die geschilderte Polarisierung ist bekannt. Die gegenseitigen Vorwürfe sind bekannt. Es käme langsam darauf an, die Widersprüche fruchtbar zu machen. Gerade hier hat der GT nichts Vorbildliches geleistet. Er hat alles nebeneinandergestellt. Beiden, Alternativlern wie Gesundheitspolitikfreaks, war es möglich, nicht miteinander in Berührung zu kommen. Die Auseinandersetzung fand nicht statt. Im Gegenteil: einige der Alternativveranstaltungen, so wurde mir erzählt, waren geprägt vom Charisma bestimmter Figuren (Issels oder Illich), viele bestimmt von einem kleingeistigen, dogmatischen Klima, in dem über Kritiker hergefallen wurde statt sich mit ihnen auseinander zusetzen (z .B. in einer Geburtshilfeveranstaltung). Wie sollte auch Auseinandersetzung stattfinden, wenn die Arbeitsgruppen zumeist nur für die Dauer von 2 - 3 Stunden angesetzt waren?

Jede/r, das war von Anfang an klar, mußte sich sein/ihr persönliche GT-Programm selbst zusammenstellen. Wer wollte, konnte den GT ausschließlich als Veranstaltung zur Psychiatrie erleben, zur Dritten Welt oder zur Ökologie usw. Wer es so angegangen ist, hatte wohl auch sehr viel eher das Gefühl, einen guten GT erlebt zu haben. Bleibt die Frage, ob dies sich nicht auf mehreren thematischen Tagungen auch erreichen ließe: inhaltlicher Austausch in Arbeitsgruppen. Bleibt außerdem die Frage, ob das als Begründung für einen solchen GT ausreicht.

Erinnern wir uns: 1980 hatte der erste GT mit der Perspektive geendet: schafft viele Gesundheitsläden. Der nächste GT sollte zur Zwischenbilanz genutzt werden... Später dann wurde Selbsthilfe als Schwerpunktthema des zweiten GT angekündigt... Von den Ereignissen überrollt, bildete dann die Kriegs-Friedens-Problematik den Schwerpunkt des GT 81. Das war populär. Das war aber nicht so authentisch wie das Thema Medizin und Faschismus in Berlin 1980. Und das trug (z.B. in der TAZ) die Kritik ein, daß sich hier - wieder mal - vor allem Ärzte als Ärzte schulmeisterlich für einen Bereich zuständig erklärten, für den sie als Ärzte gar nicht zuständig sind, anstatt in ihrem Bereich: dem Gesundheitswesen, die Probleme in Angriff zu nehmen. (Wenn ich jetzt ganz sarkastisch sein wollte, müßte ich fragen, ob die "Gesundheitsbewegung" nicht dankbar sein muß, daß sie auf diese Weise zu einer inhaltlichen Klammer für den GT gekommen ist.)

Zurück zu den Gesundheitsläden: Wenn sie als (einer) der Träger der "Gesundheitsbewegung" angesehen werden, gerade dann wäre es doch notwendig gewesen, angesichts der vielfältigen Konzepte und Schwierigkeiten in Hamburg hierüber die Debatte zu führen. Noch nicht einmal das ist geschehen, geschweige denn, daß es im Spannungsfeld zwischen "Schul-" und Alternativmedizin, zwischen Gesundheitspolitik und Alternativprojekten zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung gekommen wäre. Beides unverbindlich nebeneinander. "Gesundheitstag oder Körnertag?" hörte ich jemanden laut nachdenken.

"Wie stark sind wir eigentlich?" Mir ist es nicht klar, und einige stellen polemisch die Frage, ob es Gesundheitsläden und Psychoboom, Akupunkteuren und Bioläden hierzulande auch bei 4 Mio Arbeitslosen noch geben wird, oder ob sie nicht schließlich von den dann noch schärferen gesellschaftlichen Widersprüchen hinweggefegt werden, als Überfluß, als Luxuspflänzchen der Hochkonjunktur.

Ist bloße Vielfalt Stärke?

In dieser Gesellschaft gegen diese Gesellschaft: Organisation und Spontaneität

Eine Konfliktlinie, an der immer wieder Auseinandersetzungen entbrennen, ist die zwischen dem Anspruch, Institutionen (von innen) zu verändern einerseits, und der Negation dieser Institutionen, dem Aussteigen andererseits. Auch bei der Podiumsdikussion "Müssen wir die Medizin abschaffen?" prallten beide Positionen aufeinander.

Auf der individuellen Ebene, so mein Eindruck, ist es oft lediglich eine Frage der Kräfte und damit kein absoluter Gegensatz, sondern Entwicklung: etwa wenn jemand nach so und soviel Jahren im Krankenhaus aufhört, um wieder Luft zum Atmen zu haben, und sich dabei in einem Gesundheitsladen engagiert.

Auch bei der Konzipierung von Geundheitsläden stellt sich die Frage, wenn es etwa darum geht, ob unter dem Dach des Gesundheitsladens auch Schwestern, Ärzte usw. die Möglichkeit haben sollen, ihre Erfahrungen im Krankenhaus aufzuarbeiten, oder ob nur für Massage, Ernährungsgruppen und Patientenstelle Platz bieten soll.

Fatal wird es dann, wenn jemand meint, völlig aussteigen zu können. Die verkannten Verbindungen zur Gesellschaft machen sich unangenehm bemerkbar, wenn das Bafög, die Sozialhilfe oder das Arbeitslosengeld, worüber so manches Projekt finanziert wird, zusammengestrichen, die Miete erhöht oder der Strom abgedreht wird. Auch im Biogemüseladen wird mit dem ganz normalen versyphten Leitungswasser abgewaschen, der Raum der Gestalttherapiegruppe ist im Winter mit Ruhrkohle, BP-Heizöl, Erdgas aus Thyssen-Röhren oder RWE(Atom)Strom geheizt. Es ist eine Illusion, völlig aussteigen zu können. Und es ist eine Illusion, auf diese Weise die Gesellschaft (mehr als auf eine andere) Art verändern zu können. Das heißt: den Kopf in den Sand stecken, und ich habe Angst, ob es nicht bei einer Verschärfung der wirtschaftlichen Krise, wenn die Nischen dieser Gesellschaft weniger zahlreich und weniger komfortabel werden, ganz schnell die Quittung dafür gibt.

Das Stichwort Bio ist mittlerweile Markenzeichen auch der Chemieindustrie, vom Müesli-Boom profitieren auch die Reformhausketten, Akupunkturlehrgänge sind sichere Geldanlage, die radikalen Free Clinics in den USA wurden schließlich als Versorgungssystem für die immer zahlreicher werdenden Freaks vom System funktionalisiert, und Ronal Reagan war als Gouverneur von Californien der erste, der die heutzutage hierzulande georderte Auflösung der Irrenhäuser im großen Stil betrieb, weil es billiger war. Arbeitet man/frau immer dem System in die Hände, ob man will oder nicht, ob in der Institution oder außerhalb?

Die Frage ist müßig. Mittlerweile hat die Geschichte genügend Anschauungsmaterial angesammelt, dafür, daß bislang keine noch so radikale Revolution mit dem "kulturellen Erbe" der "alten Welt" vollends zu brechen in der Lage gewesen wäre. Auch die Gesundheitsläden werden dieses Gesellschaftssystem nicht kippen, auch nicht sein Gesundheitssystem, ja sie werden noch nicht einmal in absehbarer Zeit Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte abschaffen.

Die APO-/Studentenbewegung, zumindest ja wohl seinerzeit gleich stark wie heute die "Alternativ-" und "Gesundheitsbewegung" hat Veränderungen in Gang gesetzt. Soll man/frau nun frustriert darüber sein, daß auch diese Veränderungen funktionalisiert, daß nicht die großen revolutionären Ziele erreicht sind? Oder froh sein darüber, daß an den Unis heute nicht mehr "der Muff von 1000 Jahren" herrscht? Oder hat sich etwa an den Unis "im Grunde nichts" geändert?

Ähnliche Fragen werden in 15 Jahren in Bezug auf die heutige Gesundheitsbewegung gestellt werden. Wir werden mit unserem Denken, Wollen und Tun nicht die Gesellschaft umkrempeln. Weder ÖTV und BGÄ, noch Gesundheitsläden und Beschwerdezentren. Unsere Einflußmöglichkeiten sind beschränkt, wenn man/frau von der Idee eines großen Sprungs ausgeht. Frust? Oder ein Zurückschrauben von Erwartungen auf ein realistisches Maß?

Und andererseits setzen wir ja tatsächlich Veränderungen in Gang. Bloß - und hier wird die Beschränkung zur Erleichterung - haben unsere Entscheidungen keine ungeheure Tragweite, keine absoluten Konsequenzen. Bei der Konzipierung eines Gesundheitsladens geht es nicht um Alles oder Nichts. Wohl um wichtige Fragen. Lassen wir uns nicht lähmen von einem Gefühl der Sinnlosigkeit - und nicht blind werden durch zu große Hoffnungen. Es ist Kleinkrieg, und wir wissen heute noch nicht so genau, was in 10 Jahren dabei herauskommt.

Damit - um wieder den Bogen zum GT zu schlagen - ist auch die Vielfalt gerechtfertigt, denn z.Zt. kann niemand entscheiden, welcher Weg der absolut richtige ist. Und doch reicht Vielfalt allein nicht aus, Happening allein auch nicht, und ist Spontaneität allein zu wenig.

Was ist zwischen den Gesundheitstagen? Wer hilft denjenigen von uns, die in der Institution arbeiten, in ihrem Alltag allein nicht unter die Räder zu kommen? Wer führt die "Bewegung" weiter? Wer vertritt auf einer politischen Ebene unsere Forderungen (welche?) mit dem notwendigen Nachdruck?

Und: Wer organisiert den nächsten GT und wie? Sicherlich - wenn ein paar Leute aus Frankfurt oder München (so die Gerüchte, die ich gehört habe) das tun wollen, genügend Energie aufbringen und schließlich zum 3. GT einladen, dann werden auch wieder viele Menschen Arbeitsgruppen anbieten, es werden viele Teilnehmer kommen, es wird Happening sein. Wie gehabt. Und das wird auch noch einmal gutgehen, vielleicht auch noch zwei- oder dreimal. (Und ich werde auch kommen.) Aber dann läuft es sich tot, denke ich. Entweder gibt es dann keinen GT mehr, oder es gibt ihn noch als allgemein anerkannt, etablierte Fortbildungsveranstaltung.

Vielleicht geht es auch (noch) nicht anders. Diese Form des GT ist natürlich auch Widerspiegelung der Situation der "Gesundheitsbewegung" in ihrer ganzen Heterogenität. Und sicherlich ist ein solcher GT besser als keiner. Es ist gut, vorzeigen zu können: das alles gibt es. Es sind Leute über den GT zur "Gesundheitsbewegung" gekommen. Das ist gut so.

Alternativen? Ich kann hier in diesem Papier nicht leisten, was unser aller Aufgabe ist. Ich kann nur daran erinnern, daß der erste GT die Perspektive einer Dezentralisierung mit regionalen GT entwickelt hat. (Das bedeutet: weg davon, den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb mit Nabelschau in Form von Mammutveranstaltungen in Großstädten nachzuahmen. Als ich diese Zeilen schreibe, hat - soweit ich weiß - der Augsburger GT bereits stattgefunden. Ich weiß leider noch nicht, mit welchem Ergebnis.) Ich kann nur an diejenigen, die den nächsten GT veranstalten wollen, appellieren, im Vorfeld eine breite und intensive Diskussion zu führen. Und ich kann zuletzt nochmals mein Anliegen betonen: niemandem aus dem breiten Spektrum der "Gesundheitsbewegung" auszugrenzen, aber auch mehr Auseinandersetzung zu suchen. Und das sollte beim nächsten GT in der Organisation, in der Thematik, Anlage und Dauer der AG's, die die verschiedenen Ansätze und Positionen zur Auseinandersetzung zusammenführen sollten, mehr als zuletzt seinen Niederschlag finden. Gesundheit!

forum heft 18/februar 1982


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