Uno-Jahr 1981 

Überblick: Uno-Jahr der Behinderten 1981


Uno-Jahr 1981 forum
für medizin und gesundheitspolitik
heft 18 februar 1982

KONFRONTATION ODER INTEGRATION

Horst Frehe

Einleitung

Seit Jahren steigt das öffentliche Interesse an uns an. Die anfänglichen rührseligen Geschichten über das bittere Los der armen Krüppel werden zunehmend von kritischen Berichten über Mißstände und Skandale in der "Behindertenbetreuung" abgelöst. Die Berichterstattung über das Frankfurter Urteil, in dem wir zum Schadensersatzgrund avancierten, erreichte sogar die Qualität der Berichterstattung in der "Tagesschau". Die mitleidsvolle, bedauernde Geste hat Konkurrenz bekommen. Sich mit Behinderten über Stufen, Mißstände in Anstalten und Behinderteneinrichtungen, sowie über ungerechte diskriminierende Gerichtsurteile aufzuregen, ist in Mode gekommen. Diese Art von Kritik ist recht praktisch, denn sie lenkt von dem nichtbehinderten Mitkritiker ab, gibt ihm sogar die Rolle des uneigennützigen Helfers und trifft außerdem auf das schlechte Gewissen der Gesellschaft, so daß dem Kritiker keinerlei Gefahren drohen.

Ohne das Verhältnis von Behinderten und Nichtbehinderten zu diskutieren, um reale Unterdrückung festzumachen, fordern Nichtbehinderte und Behinderte in Clubs einträchtig vereint, die Integration der Behinderten. Die Sprengkraft der sozialen Konflikte wird auf sachliche Gegebenheiten (wie z.B. bauliche Barrieren) zurückgeführt, abstrakt die Gesellschaft für Versäumnisse und Fehlverhalten verantwortlich gemacht und die Integration als Anpassung an die Normalität Nichtbehinderter gefordert.

Seit einiger Zeit meldet sich jedoch eine Gruppe Behinderter zu Wort, die statt Partnerschaft Konfrontation, statt Integration die Entwicklung einer eigenen Identität Behinderter setzt. Sie nennen sich obendrein noch Krüppel und wollen einen eigenen Krüppelstandpunkt entwickeln.

Franz Christoph attackiert den überraschten Bundespräsidenten

Als Mitglied dieser "skandalösen" Gruppe, die von den Integrationsideologen totgeschwiegen wird (z.B. werden wir weder als Gruppe, noch die Krüppelzeitung als Veröffentlichung in dem Behindertenkalender von Ernst Klee, Hrsg., Behindertenkalender 1980/81, Frankfurt am Main 1979/80 erwähnt), will ich hier den Krüppelstandpunkt und die von uns bis heute erarbeitete Position skizzieren.

Die Formel: "Konfrontation statt Integration" bezeichnet den Weg zu uns selbst, zur Veränderung unseres Alltags und schließlich zur Veränderung der uns bestimmenden Strukturen. Weder das Buhlen um Verständnis und Anerkennung, noch die selbstzerstörerische Anpassung an die Nichtbehinderten-Normalität, kann Aussonderung und Diskriminierung aufheben. Erst über die Konfrontation werden die verschiedenen Ebenen der Unterdrückung deutlich, die Unterdrücker als solche erkannt und verunsichert, die Helfergeste entlarvt und die Fronten klar. Dadurch, daß wir zum Angriff übergehen, werden wir endlich vom behandelten Objekt zum handelnden Subjekt.

A. Behinderte als Objekt der Nichtbehinderten

l. Öffentlichkeit

Mit Informationsschriften versucht die Bundesregierung der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit deutlich zu machen, daß wir durchaus als Menschen zu betrachten sind (vgl. Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit, "Menschen wie wir", Köln 1977; ders., "Wir sind Menschen wie ihr auch", Frankfurt 1976). Die UNO erklärt 1981 zum Jahr der Behinderten. Der Papst versäumt es nicht, bei seinem Deutschlandbesuch mit Behinderten zu beten. Die Presse giert nach Erfahrungsberichten der Betroffenen und nach erfolgreichen Leistungsberichten der professionellen Behindertenvermarkter.>p> Gleichzeitig wird aber das Frankfurter Urteil gefällt, indem faschistoide Züge unserer Gesellschaft ins Blickfeld rücken (vgl. Ernst Klee, Behindertenurlaub, Frankfurt/Main 19 80; Krüppelzeitung Nr. 2/19 80). In Anstalten werden Behinderte weiter entmenschlicht (vgl. Dokumentation über die Zustände in den Alsterdorfer Anstalten; Berichte der Süddeutschen Zeitung vom 19.4.1978 über das Münchener Spastikerzentrum; Bericht über die versuchte Deportation eines Behinderten in ein Altenheim in der Frankfurter Rundschau vom 17.9.1979 mit dem Titel: "Ich habe Angst man bringt mich irgendwo hin"; Bericht über ein Schwandorfer Heim in der Frankfurter Rundschau vom 7.9.1978 mit dem Titel "Behinderte Kinder geschlagen?" usw.). Auch die allgemeine Öffentlichkeit versucht sich uns vom Halse zu schaffen (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 2.4.1980 "Behindertenclub auf Herbergssuche, Vermieter zieht nach Anliegerprotesten Zusage zurück"; Weserkurier vom 5.10.1979 "Frau wurde aus Laube herausgeklagt"; Süddetusche Zeitung vom 16.4.1980 "Eine Behinderte auf Wohnungssuche" usw.).

Sind diese Beispiele lediglich Überbleibsel bereits weitgehend überwundener Strukturen und Verhaltensweisen? Gehört die Berichterstattung vom geilen, wahnsinnigen und kriminellen Krüppel und Verrückten in die Medien der Vergangenheit an? (Vgl. G. Reisbeck "Vom Zwerg zum Harlachingen" zum "Vampir von Nürnberg", "Das Bild des psychisch Gestörten in der Presse", in Psychologie heute, Januar 1977, Seite 31 ff.). Ist nicht eine ,,Aktion Sorgenkind", die von dem Bild des armen, mitleidigen, hilflosen Objektes profitiert, längst eine Veranstaltung, die nicht mehr in das "moderne Bild" vom aktiven, integrierten Behinderten paßt?

Die nichtbehinderte Öffentlichkeit benötigt beides! Ihre Identität als Normale hängt von der qualitativen Abgrenzung von dem Andersartigen ab. Abgrenzung, deren Kern durch die Verwertungsmöglichkeit behinderter Arbeitskraft bestimmt ist, ermöglicht der "makellosen" Arbeitskraft das Gefühl, gemeinschaftlich die gesellschaftliche Reproduktion geleistet zu haben. An dieser Integration der nichtbehinderten Arbeitskraft dürfen diejenigen Krüppel teilhaben, die unter den Nichtbehinderten nicht weiter auffallen. Die unproduktiven und auffälligen Elemente werden zur reibungslosen Durchsetzung durchschnittlicher Produktions- und Lebensstrukturen selektiert und in Sonderinstitutionen untergebracht. Als Mitleidsobjekte dienen sie der Mobilisierung von Geldern, die den produktiven Elementen unter den Krüppeln als Investititonen zugeführt werden. Die durch Aussonderung entwickelte Andersartigkeit dient dem Beweis der Grenzen rehabilitativer Bemühungen. Unbequeme und "unangemessene" Forderungen werden so im Zaum gehalten. Gleichzeitig ist das Elend der Deponierten der Stimulus für die ständigen Bemühungen der integrationswütigen Behinderten, mit aller Kraft dem Schicksal der Aussonderung zu entgehen. Allzu deutliche Zerstörung muß aber auch in den "Deponien" kaschiert werden, z.B. durch Anhebung der Pflegesätze in den Alsterdorfer Anstalten, Verbesserung des Personalschlüssels (vgl. Die Zeit, "Besserung in Sicht - Politiker reagieren auf Zeit-Reportagen über die Verhältnisse den Alsterdorfer Anstalten"; Frankfurter Rundschau vom 21.5.1979, "Behinderte wurden auch geschlagen", Alsterdorfer Anstalten geben Mißhandlungen zu - "Mängel in der Ausbildung"). Neue Möbel werden angeschafft und Fassaden gestrichen. Die Aussonderung und Verwaltung der Deponierten bleibt.

Trotz Arbeitslosigkeit bleibt die Rehabilitation Gesundheitsgeschädigter für die Ren-tenversicherungsträger immer noch ein Geschäft. Der Volkswirtschaft bringt sie zusätzliche Beiträge zum Bruttosozialprodukt. Wenn auch die fiskalische Kosten-Nutzen-Relation für die Rentenversicherungsträger bei einer 18-monatigen Umschulung und 30-jähriger anschließender Erwerbstätigkeit von 1:4; das volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Verhältnis, bezogen auf das Volkseinkommen, sogar von 1:87 ein zweckoptimistisches Märchen der Rehabilitationsindustrie ist, so läßt sich der wirtschaftliche Nutzen kaum bestreiten (vgl. Stiftung Rehabilitation Heidelberg, Informationsdienst für Fachkräfte der Rehabilitation vom 1.3. 1977). Der nach einem Unfall Rehabilitierte läßt sich zudem als Beweis für unser Netz der "sozialen Sicherung" und damit zur Beruhigung der ebenfalls bedrohten Arbeitnehmer verwenden. Der Satz: "Wie gut, daß ich wenigstens gesund bin!", läßt den "Deutschen Michel" die Verschlechterung seiner Lebens- und Arbeitsbedingungen hinnehmen.

Die Entwicklung des Rehabilitationssystems bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Aussonderungsmechanismen und Deponien belegt die Notwendigkeit der beiden Behindertengruppen: l. als Objekte des Mitleids, der Abgrenzung, des Absehens und der separaten Verwahrung; 2. als Objekte der Integration, Anpassung und teilweisen Assimilation an Nichtbehinderte.

2. Eltern

Nach dem anfänglichen Schock, der restlosen Ablehnung (Schmidts/Menara fanden heraus, daß 59% aller Dysmelie-Mütter ihre Kinder restlos ablehnten und ihnen den schnellen Tod wünschten, 80% waren tiefgreifend erschüttert; vgl. E. Schmidt/D. Menara. Erziehungsprobleme beim körperbehinderten Kind, Sonderdruck "Hilfe für körperbehinderte Kinder", Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Hrsg., Köln o.J., Seite 8) folgt ein ambivalentes Haß-/ Liebesverhältnis, das auf gluckenhafte und entmündigende Fürsorglichkeit - Mißhandlungen, Abwertung und Abschieben folgen läßt (92% der Eltern schlagen ihre Dysmeliekinder, 94% schreien ihre Kinder an oder schimpfen sie aus; vgl. S. Kunert, Untersuchungen zur Frage frühkindlicher Entwicklungsbedingungen bei verschiedenen Gruppen von körperbehinderten Kindern, in Intelligenz- und Verhaltensforschung bei körperbehinderten Kindern, 6-9). Schädigungsbedingte "Fehl"-Leistungen, wie z.B. unkontrolliertes "Zappeln" oder "Sabbern" bei Spastikern oder auch nur deren undeutliche Sprache führen zu heftigen Reaktionen der Eltern. Das Kind als Ursache des Elends, der Einschränkungen, der nachbarlichen Ablehnung, des Rückzugs der Freunde und des Bedauerns der Passanten, wird gehaßt. Da die Gesellschaft aber elterliche Fürsorge erwartet, darf hiervon nichts nach außen dringen. Überbehütung, ständiges Umsorgen und Versuche das Kind "gesund" zu machen, beruhigen das eigene Gewissen, erfüllen die gesellschaftlichen Erwartungen und ermöglichen ein wenig Bestätigung und Bewunderung für die "aufopfernde" pädagogische und pflegerische Arbeit gegenüber dem Kind. Mitunter verdrängen sie auch einfach die Behinderung und flüchten sich in die stolze Geste, alle Kinder gleich zu behandeln (vgl. F. Christoph, Rohmanuskript, unveröffentlicht, S. l). Die Angst der Nichtbehinderten ihre Normalität zu verlieren, gerinnt zur Angst der Eltern, mit den Kindern ausgesondert zu werden. Während nichtbehinderte Kinder zumindest teilweise als eigenständige Wesen erfahren und behandelt werden, werden behinderte Kinder vor allem als Produkt der Eltern betrachtet. Dieses verhindert die Entwicklung einer Eigenständigkeit, die es ermöglichen würde, die Rolle als Objekt zu überwinden.

3. Helfer

Unser Verhältnis zu den professionellen Helfern ist durch ein besonderes Gewaltverhältnis gekennzeichnet. Dieses nimmt, je nach Abhängigkeit von den Hilfeleistenden und den institutionellen Strukturen, derart brutale Formen an, wie sie im Strafvollzug heute kaum noch denkbar sind. Aber auch wesentlich weniger weitgehende Eingriffe in unser Leben, schließen die "Zuständigkeit" des Helfers und seine angebliche "Verantwortung" für uns ein. Solange die Fassade des Helfens aufrecht erhalten wird, läuft der professionelle Helfer nicht Gefahr seine Eingriffe in unsere Persönlichkeit rechtfertigen zu müssen. Die alte These, daß durch ständigen Umgang mit uns diskriminierendes Verhalten Nichtbehinderter abgebaut werden kann, wird bereits dadurch widerlegt, daß es gerade die Sonderschullehrer waren, die ihre Schützlinge der Euthanasie und Sterilisation überantworteten (vgl. W. Jantzen, Sozialisation und Behinderung, Gießen 1974, S. 65 f.;ders., Behinderung und Faschismus, in: Konstitutionsprobleme materialistischer Behindertenpädagogik, Lollar 1977, S. 117). Ein weiterer Beleg hierfür ist die Brutalisierung der Verhaltensweisen in den Anstalten, Landeskrankenhäusern und in psychiatrischen Kliniken, die durch die oben beschriebenen Sensationsberichte einen scheinbaren Ausnahmecharakter bekommen. Aber nicht die persönliche Gehässigkeit des Pflegers, Pädagogen, Psychologen oder sonstigen professionellen Helfers ist die Ursache dieses Gewaltverhältnisses, sondern ihre umfassende Zuständigkeit und Verfügungsgewalt. Helfer zu sein heißt, die Allmacht des Sklavenbesitzers auszuüben, aber auch dessen Verantwortung für die Erhaltung des Objekts zu haben. Je differenzierter das Gewaltverhältnis, je zergliederter|die Zuständigkeiten für unsere geistige, seelische und körperliche Verfassung geregelt sind, je totaler ist der Zugriff zu unserem Körper und unserer Persönlichkeit. Je weniger wir dem entgegenzusetzen haben, desto unbekümmerter werden diese Eingriffe stattfinden. Durch die Diskussion um die Einrichtung einer "Therapeutischen Beratungsstelle für Behinderte" mit den Bremer Behindertenpädagogen wurde mir die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Zugriff geschieht, deutlich. Zur Demonstration therapeutischer Verfahren sollen Behinderte als Versuchsobjekte angekarrt und hinter Einwegscheiben zur optimalen Ausbildung neuer Sonderschullehrer behandelt werden. Auswahl und Behandlung richten sich dabei nach den hochschuldidaktischen Bedürfnissen. An dem Herrschaftsanspruch über uns wird kein Zweifel gelassen (vgl. Initiative "Therapeutische Beratungsstelle - Entmenschlichung von Behinderten - Das Bremer Modell oder die modellhafte Unterdrückung von Behinderten" und H. Rehe, Beraten und Benutzen, in Psychologie und Gesellschaftskritik Nr. 15, Gießen 1980, S. 32 ff. und S. 43 ff.). Die Aufgabe des Helfers besteht darin, "die Individuen soweit zu bringen, daß sie sich mit ihrer Situation "Objekte der Gewalt" zu sein, abfinden..." (F. Basaglia. Die Negierte Institution oder die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen, Fankfurt am Main 1971, S. 125).

Der Helfer ist aber nicht nur der Verwalter der Macht seiner Auftraggeber im rein technischen Sinne, wie Basaglia meint (ebd.), sondern er genießt auch seine Omnipotenz, seine Machtfülle und die relative Normalität.

Diese Ursache des sog. Helfersyndroms (vgl. W. Schmidtbauer, Die hilflosen Helfer, Reinbek 1977) ergänzt sich mit der Notwendigkeit der Abgrenzung aufgrund des gesellschaftlichen Normendrucks. Dieser Druck besteht in der latenten Gefahr mit stigmatisiert zu werden, die Abwertung als "normal" zu erfahren. Die Beschäftigung mit dem "Schrott" der Gesellschaft bewirkt in der nichtbehinderten Umwelt allenfalls mitleidiges Verständnis oder exotenhafte Bewunderung. Erst wenn die technische Seite dieser Arbeit in ihrer Kompliziertheit und ihren Anforderungen fast mystisch aufgewertet wird, ist es den Helfern möglich, bewundernde Achtung zu erlangen. Dieses wiederum bewirkt ihre Flucht in technische Verfahren der Therapie und ihre Gläubigkeit gegenüber "abgesicherten Tests". Je technisierter die Hilfe, je leichter kann sich der Helfer von dem Objekt der Hilfe distanzieren und die Sicherheit durch den Abstand zu den Andersartigen bewahren. Den gleichen Effekt versuchen die pädagogisch-psychologischen Helfer durch die Einführung des Wortes Arbeit (z.B. Behin-dertenarbeit), durch ökonomische Begriffe (z.B. Serviceleistung, Hilfsangebot), durch militärisch-strategische Bezeichnungen (z.B. Interventionen) oder medizinische Zusätze (z.B. ambulante Behindertenarbeit) zu erreichen. Die Vermittlung des Scheins, daß dort normal gearbeitet wird, obwohl es sich um Eingriffe in unser Leben und unsere Persönlichkeit oder um ein gleichberchtigtes Verkaufer/Käufer-Verhältnis handelt, sind unzulässige Säkularisierungen. Vielmehr drückt der Begriff "Intervention" den eher aggressiven Beherrschungsanspruch aus. Die Anknüpfung an medizinische oder medizinisch-klingende Worte soll Zweifel an der Notwendigkeit des Eingriffs ausräumen. Je länger eine solche Abhängigkeit in unserem Leben besteht und je umfassender der Eingriff ist, desto willfähriger werden wir die Hilfeleistungen an uns vollziehen lassen. Die Angst vor der Übermacht des Helfers wird schließlich zur Lust am "Betreut-werden". Die Resignation und Selbstaufgabe wird dann nur noch von den aktivierenden Anforderungen des Helfers aufgehalten. Je stärker der Helfer eingreift, desto mehr schafft er die Notwendigkeit weitergehender Eingriffe. Der Teufelskreis der Entmündigung und Deformation hat begonnen. Die Notwendigkeit der Helfer nimmt zu, die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze steigt. Neue Berufsfelder für Helfer werden erschlossen. Dialektik des Helfens!

4. Partner

Unter Partner sollen nicht etwa nur die Ehepartner, sondern sämtliche Nichtbehinderte verstanden werden, die den Anspruch erheben, zu uns einegleichberechtigte Beziehung zu unterhalten. Partner sind also Freunde und Bekannte, die uns weniger distanziert gegenüberstehen wie die allgemeine Öffentlichkeit, nicht den Anspruch elterlicher Erziehung haben, nicht professionell oder ehrenamtlich über uns verfügen und mit uns gemeinsam handeln wollen. Eine besondere Form dieser Partnerschaft gibt es in der Behinderten-"Arbeit". Nichtbehinderte und Behinderte treffen sich, um "gleichberechtigt" unsere Probleme als Behinderte zu lösen, gegen gesellschaftliche Aussonderung, bauliche Barrieren und sonstige offensichtliche Diskriminierungen anzugehen. Man trifft sich in "Clubs der Behinderten und ihrer Freunde", in der "Fraternität von Gesunden und Kranken", in Volkshochschulkursen zur "Bewältigung der Umwelt" usw. Entscheidend für den Mut, bestehende Mißstände anzugehen, ist die Teilnahme der Nichtbehinderten. Die Ziele bestimmen sich durch die von den Nichtbehinderten vermuteten oder ihnen bekannten Probleme der behinderten Gruppenmitglieder. Dabei sollen wir nach Meinung der nichtbehinderten Partner zu einer selbständigen Durchsetzung unserer Interessen motiviert und von ihnen unterstützt werden. Immer wieder ist aber in diesen Gruppen zu beobachten, daß die Nichtbehinderten binnen kurzer Zeit die Motoren der Aktivitäten darstellen, häufig sogar zum Vorstand der Behindertengruppe avancieren und vielleicht noch mit dem einen oder anderen "integrierten" Behinderten die Gruppe ,leiten".

Als nichtbehinderte Manager der Gruppe sprechen sie dann mit den behinderten Managern durch, wie die Behinderten aktiviert werden können und z.B. der Gruppenabend erfolgreich "durchgezogen" werden kann. Die Partnerschaft bezieht sich auf diejenigen Behinderten, die sich auf diese Betreuungshaltung einlassen und mit ihnen die Projekte durchführen. Die Passivität der Mehrheit wird zwar beklagt, verschiedene Aktivierungsversuche werden unternommen, aber bei der vorher bestimmten Zielrichtung fallen - spätestens bei der Aktion selbst - die Aktivitäten auf die partnerschaftlichen Betreuer zurück.

Das Herrschaftsverhältnis zwischen Behinderten und Nichtbehinderten erhält hier seine besonders verlogene und sublime Form.

Unter dem Mantel der Gleichberechtigung wird die Kritik an dem nichtbehinderten "Partner" unterbunden. Da sich der Partner ja selbst gegen die ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse wendet, wird er von der Kritik ausgenommen. Aus Angst, daß die Offenlegung der Unterdrückungsformen Nichtbehinderter uns ihre Zuwendung und Anerkennung kostet, flacht die Kritik zur Motzerei gegen Verhältnisse ab, die nicht eindeutig als bewußte Unterdrückung aus gelegt werden können (wie z.B. bauliche Barrieren), gegen Versäumnisse der Politiker, die relativ weit weg und unerreichbar scheinen und aus wahltaktischen Gründen diese Kritik über sich ergehen lassen, wohlwollend zur Kenntnis nehmen oder durch Abwälzung der Schuld an den kritisierten Zuständen den Widerstand entkräften. Kraß diskriminierende Verhaltensweisen von Einzelnen (wie z.B. das Urteil in Frankfurt) werden gern aufgegriffen, da Generalisierungen hier nicht zu befürchten sind. Für das Verhalten einer Gruppe (z.B. Zustände in Anstalten) werden dagegen gern und schnell abstrakte gesellschaftliche Strukturen verantwortlich gemacht. Kapitalismusanalysen verleihen dieser Kritik den wissenschaftlichen Glanz ohne die Kritiker als konkret handelnde Nichtbehinderte miteinzubeziehen. Häufig dient die Beschäftigung der Partner mit uns gleichzeitig noch dem Qualifikationsinteresse als Sozialpädagoge, dem Forschungsinteresse des praxisorientierten Wissenschaftlers, der daraus gleich noch ein Buch macht oder zumindestens dem Nachweis einer politisch und sozial engagierten Haltung. Daß sich mit dem partnerschaftlichen Denken hinreichend Geld verdienen läßt, daß man damit den Zugang zu einem Reichtum an literarisch verwertbaren Erfahrungen erlangt, hat z.B. Ernst Klee hinreichend bewiesen. Die Problematik in seiner Rolle liegt weniger in dem monetären und ideellen Profit, den er aus dieser Position schlagen kann, als in der fatalen Orientierung nachdenklicher Behinderter und Krüppel auf ihn als Idol, deren radikale Konsequenzen dadurch behindert werden. Vollzieht sich unsere öffentliche Diskussion der behinderten Erfahrungen über Nichtbehinderte, so ist dieser Reflektion der Stachel genommen.

Neben der Partnerschaft in Gruppen, die sich das Ziel unserer Integration gestellt haben, existieren zumindest bei den "integrierten Behinderten" eine ganze Reihe von Beziehungen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten, die nicht klar erkennbare Über- und Unterordnungsstrukturen aufweisen. Gegenseitiges Interesse aneinander oder "sogar" der Wunsch nach zärtlichem Zusammensein stellen die gewünschten und angestrebten Formen des Miteinander dar. Findet eine solche Beziehung "sogar" über den hierarchischen und qualitativen Unterschied zwischen Behinderten und Nichtbehinderten statt, so wertet das uns Behinderte/Krüppel auf; die ersehnte Anerkennung scheint erreicht und die Isolation überwunden.

Das Gefühl ein interessanter und wohlgeschätzter Gesprächspartner, für einen Nichtbehinderten wichtiger Freund oder sogar ein liebesnwerter Partner zu sein, möchte sich niemand gern zerstören. Die Abwertung durch die Öffentlichkeit, die Abhängigkeit von internalisierten Vorstellungen über die Minderwertigkeit Behinderter und der gleichzeitige moralische Anspruch, nichts gegen Behinderte zu haben, wandelt häufig fast unmerklich eine anfänglich gleichberechtigte Beziehung in eine verlogene Verpflichtung um. Allein die faktische Möglichkeit, leichter Kontakte und Freundschaften schließen zu können, begründet die objektiv bessere Position der Nichtbehinderten. Diese Ungleichheit gewinnt, bleibt sie unbesprochen, ein Eigenleben, das zu einer immer weitergehenden Vermeidung von eventuell verletzenden und die Beziehung infrage stellenden Konflikten führt.

Diese Vermeidungsstrategie kann, wegen der Verlustängste, dann allenfalls noch vom Nichtbehinderten durchbrochen werden. Ein solches Gespräch wird dann häufig mit der Frage eingeleitet: "Warum sind wir eigentlich zusammen?" Die Diskussion endet, wird sie ehrlich geführt, meist mit der Feststellung, daß das Motiv des Zusammenseins eigentlich verlorengegangen ist.

Nur wenn die objektive Unterschiedlichkeit akzeptiert und zugestanden wird, nur wenn die Konflikte auch offen ausgetragen werden können und auch tatsächlich werden und nur wenn die schädigungsbezogenen Einschränkungen von beiden akzeptiert werden können, wird die Normalität des nichtbehinderten Partners nicht zum behindernden Maßstab angestrebter Normalität. Da wir uns die Offenheit in der Regel nicht leisten können, weil sie an unserer Identität rüttelt, werden die Konflikte zugedeckt. Die Entwicklung der Persönlichkeit beider wird begrenzt, der nichtbehinderte Partner sucht seine Entwicklungsmöglichkeiten immer mehr außerhalb der Beziehung oder Freundschaft und das gegenseitige Interesse aneinander schwindet langsam. Die Beziehung wandelt sich zunehmend in ein Betreuungsverhältnis um oder wird als unerträgliche Einschränkung empfunden. Es bleibt uns die Wahl zwischen dem betreuten Objekt oder der völligen Anpassung an den Nichtbehinderten und damit der Aufgabe einer eigenen Identität. Mit dem letzteren machen wir uns selbst zum Objekt der Beziehung.

5. Politiker

Die Politiker können 3 Gruppen zugeordnet werden: l. die Stellvertreter, 2. die Verwalter und 3. die Sozialpolitiker.

Die Stellvertreter sprechen für die Betroffenen, sie handeln für sie, beschließen Gesetze, die deren Leben wesentlich beinflussen, "kämpfen" für sie und feilschen mit den Interessen Betroffener. Während die meisten gesellschaftlichen Gruppen über eine eigene Lobby verfügen, besteht unsere Lobby, soweit überhaupt vorhanden, aus den uns vermarktenden und verwaltenden Nichtbehinderten. Während in anderen Fällen die Politiker daran gemessen werden, wie weit sie die Interessen der von ihnen vertretenen Gruppe auch wirklich durchgesetzt haben, müssen sich die Behindertenpolitiker lediglich fragen lassen, welche Verbesserungen unserer Be- und Verarbeitung erreicht wurden. Auch die Vertreter der beiden großen Interessenverbände - VDK und Reichsbund - sind bemüht, als Betreuer der Behinderten zu erscheinen. Sogar der Kursus "Bewältigung der Umwelt", der sich als Avantgarde der Behinderten versteht, wird von dem nichtbehinderten Kursleiter Ernst Klee zum Stellvertreter gemacht: "Der Kurs versteht sich nur stellvertretend für andere Gruppen, die nicht den gleichen Bewußtseinsstand erarbeiten können oder nicht über ähnliche Möglichkeiten verfügen. Es geht nie um Reklame für die Gruppen oder Personen, es geht darum, exemplarische Konflikte stellvertretend anzugehen und durchzustehen und öffentlich zu machen." (E. Klee, Behindertenreport II, Frankfurt 1976, S. 88 f.).

Die Folgen dieses Politikverständnisses ließen nicht lange auf sich warten. Die Aktion vor der Post äfften unzählige Behindertengruppen in Deutschland nach und beschränkten ihren Protest auf die Kritik der Stufen vor der Post, obwohl diese meist das geringste Problem in der Alltagsrealität darstellen und die kritisierte Post häufig nicht einmal im eigenen Stadtteil liegt.

Politik ist in diesem Fall nicht die bewußte Veränderung der eigenen Lebensverhältnisse, sondern bloße Teilnahme an den von außen aufgesetzten "politischen" Aktionen. Knüpfte der Frankfurter Kurs noch teilweise an den dort geäußerten Problemen an, so betreiben zumindest die Nachahmer mit dieser "Politik" Beschäftigungstherapie zur Legitimation des Kontaktes zu Nichtbehinderten. Aber auch in dem Frankfurter Kurs gründet die nach außen gerichtete Politik nicht auf die alltäglichen Erfahrungen. Die genaue Analyse der Aktionen, wer sie initiiert, geplant und wesentlich mitgetragen hat, würde offenlegen, daß die Nichtbehin-derten wieder einmal ihre Politik gegenüber den Behinderten gemacht haben. Ein Einzelner, zu ihrem Sozialarbeiteriveau Aufgestiegener (wie z.B. Gusti Steiner), ist kein Gegenbeweis.

Die praktische Arbeit der Verwalter hat längst den Charakter des Helfens verloren und stellt "normale" betriebswirtschaftliche Planungsarbeit dar. Die helfende und betreuende Attitüde wird lediglich gegenüber den Geldgebern und an "Tagen der offenen Tür" hervorgeholt. Das nüchterne Denken des Managers stellt eine gewisse Entlastung und Entrümpelung von moralischer Verlogenheit in dem Verhältnis der Verwalteten zu den Verwaltern dar. Daher stellen die kirchlichen Einrichtungen mit ihrem patriarchalischen Charakter der "Behindertenbetreuung" eine Rückständigkeit dar. Die nüchterne Kalkulation der Pflegesätze bestimmt das Machbare. Zunehmend werden daher auch aus der privaten Wirtschaft kommende Manager als Geschäftsführer dieser Verbände eingeführt. Vereinsmeierei und Philantropismus weichen einem wohl ausgewogenen und marktfähigen Dienstleistungsangebot.

Marktfähig, also verkäuflich, sind diejenigen Dienstleistungen, die über Pflegesätze, Rehabilitationsgesetze, Einzelfallhilfe usw. abgerechnet werden können. Verhandlungspartner sind dabei Krankenversicherungen, Renten- und Unfallversicherungen, Sozialämter usw. Die Entwicklung der Gesetzgebung und Rechtsprechung bestimmt daher weitgehend das Ausmaß des auszuschöpfenden Marktes. Dabei fallen Betreuungs- und Reehabilitationsinstitutionen von der Zielsetzung her auseinander. Die ersteren Institutionen produzieren Dienstleistungen zu unserer Versorgung. Die zweite Gruppe produziert uns, als wiederverwertbare Arbeitskraft. Entsprechend unterschiedlich argumentieren die Verbands-politiker der jeweiligen Institutionsgruppe. Die einen betonen unsere Hilflosigkeit und stellen uns als notwendig zu versorgende Objekte dar. Ihr Argument, auch für uns menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen, findet meist nur wenig Gehör und trifft insbesondere in Krisenzeiten auf taube Ohren. Zudem sind hierfür die häufig stärker verschuldeten Gemeinden zuständig. Der große Aufschwung der Rehabilitationsindustrie baute auf die Rentabilität der Wiederherstellung beschädigter Arbeitskraft. Dieses wesentlich schlagkräftigere Argument verliert mit steigender Arbeitslosigkeit an Bedeutung. Daher befindet sich eine dritte Gruppe von Institutionsmanagern im Aufwind, die sowohl Versorgung, als auch die Ausnutzung der restlichen Produktivität beschädigter Arbeitskraft garantieren. Sie vertreten die "Werkstätten für Behinderte" und haben in Bonn erreicht, daß der Ausbau dieser Institutionen von Arbeits- und Sozialminister Ehrenberg als vorrangiges Ziel der bundesrepublikanischen Behindertenpolitik bestimmt wird. Während am kapitalistischen Markt der Profit der Stachel der Produktion ist, ist auf dem Reha-Sektor die Vergrößerung der Einrichtung, die Erweiterung des Ausbildungsplatz-Angebotes und die Erhöhung der Zahl der Beschäftigten und Betreuten das Ziel der Rehabilitationsindustrie. Diese Zielsetzung stellt Kapitalakkumulation unter der Bedingung der Umsatzmaximierung dar.

Die dritte Gruppe der Politiker, die Sozialpolitiker haben sich mit uns nur am Rande zu beschäftigen. Aufgrund der Tatsache, daß wir Stimmvieh darstellen und zum sozialen Colorid der Gesellschaft gehören, ist auch für uns zu sorgen. Das uns gegenüber geheuchelte Interesse bestimmt sich aus der Maxime: "Abspeisen und Stillstellen". Unsere Anwesenheit in staatserhaltenden Feierstunden dient lediglich dafür, den Rahmen für die Selbstbeweihräucherung zu bieten. Wir werden auf diesen Veranstaltungen zwar angeredet, aber man erwartet keine Antwort.

Unser Verhältnis gegenüber dieser letzten Gruppe von Politikern ist gekennzeichnet durch Verstummen und Resignieren bei einigen von uns, durch Unterwerfung, Beifall spenden, bewundern und Identifikation mit dem Beherrscher bei dem weitaus größten Teil von uns und durch zähneknirschende Ohnmächtigkeit und Wut bei einigen wenigen. Solange die Nichtbehinderten immer noch unser anzustrebendes Ideal darstellen, kann gerade gegenüber dieser Elite der Beherrscher kein Widerstand aufkommen. Versuche, die "Hohen Herren" in Dis-kussionsveranstalltungen zur Rechenschaft zu ziehen, müssen scheitern, da trotz aller Unterdrückung die Mehrheit von uns ehrfürchtig schweigt. Widerstand gegen die Politiker bedarf vieler Vorstufen des Bewußtwerdens.

B Anpassung oder Widerstand

Der Weg von der Anpassung an die Verhaltenserwartungen und Ansprüche Nichtbehinderter oder von dem Rückzug in völlige Passivität zum aktiven Widerstand gegen diese Pressionen und der Suche nach einem eigenständigen Weg, setzt das vorherige Eingeständnis der eigenen Zerstörungen und der Rolle im Verhältnis zu Nichtbehinderten voraus. Der Prozeß der eigenen Bewußtwerdung kann nicht einfach nach einer gewissen Zeit abgeschlossen werden. Er setzt permanente 'Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Verhaltensweisen voraus und erfordert notwendig die wachsende Kon-fliktfähigkeit. Das "Musterkrüppelchen", das von dem Frankfurter Volkshochschulkurs als Bild des total passiven Behinderten entworfen wurde, wird zwar im gesellschaftlichen Bewußtsein und real ein wenig zu rückgedrängt und der anpassungsfähige, "dynamische" Behinderte in der Nichtbehinderten-Gesellschaft eher geduldet. Kritik wird aber nur solange zugelassen, wie sie sich auf vermeidbare Integrationsbarrieren bezieht. Die Diskussion, ob Integration und Anpassung nicht die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit als Behinderter behindern, findet nicht statt. Widerstand gegen Zwangsanpassung in Rehabilitationseinrichtungen, im Arbeitsprozeß und im privaten Bereich wird mit dem Hinweis auf die Labilität der Einbeziehung ins "normale Leben" und die jederzeitige Möglichkeit der Aussonderung liquidiert. Nur so ist es zu erklären, daß der gesamte Widerstand gegen Aussonderung und gesellschaftliche Barrieren immer nur unter dem Gesichtspunkt der Normalisierung, d.h. der Anpassung an die Normen und Lebensweisen Nichtbehinderter, gesehen wird. Die Entwicklung einer eigenen Identität als Behinderter wird weitgehend noch als selbstgewählte Isolation bewertet.

Ansätze, die uns die Möglichkeit eines eigenständigen politischen Weges eröffnen, müssen Passivierungs- und Anpassungsprozesse aufbrechen. Die drei Stufen: l. gemeinsame Analysen von Zerstörungen, 2. gemeinsames Verändern der Alltagsrealität und 3. gemeinsamer Widerstand gegen die uns zerstörenden Strukturen, müssen in der Praxis gleichzeitig genommen werden. Um nicht vollends ins Abseits zu geraten, müssen Veränderungen in der Alltagswelt mitunter vor den Analysen der eigenen Kaputtheiten erfolgen.

Dennoch liegt eine große Gefahr in der Flucht zur Motzerei gegen die behindernde Gesellschaft oder in der praktischen Planung und Verbesserung der Lebensbedingungen im Alltag (z.B. durch Fahrdienste, Wohngemeinschaft usw.), wenn die persönlichen Ängste und die eigene Passivität nicht aufgearbeitet wird. Bei vielen Gruppen, die ihr Augenmerk auf solche äußeren Veränderungen legen, entsteht schnell das Verhältnis von "Machern" und "Mitläufern". Die Erfolge werden als gemeinsame Erfolge verbucht, obwohl sich die Fähigkeit des Widerstandes auf die Macher beschränkt. Scheidet dieser aus, zerfällt die Gruppe und fallen die anderen Behinderten in ihre ursprüngliche Passivität zurück. Wird einer der drei Schritte vernachlässigt, so scheitert der einzelne Krüppel bzw. die ganze Gruppe zwangsläufig auf dem Weg zum eigenständigen gesellschaftlichen und individuellen Subjekt.

1. Informationsarbeit

Die bisherige Informationsarbeit war wesentlich auf Nichtbehinderte ausgerichtet. Da aber nicht Unkenntnis unserer Situation, sondern die Funktion als Mitleids- und Integrationsobjekt das Verhalten Nichtbehinderter bestimmt, war diese Art von Öffentlichkeitsarbeit relativ erfolglos. Die Aufklärung der Nichtbehinderten-Gesellschaft über diskriminierende Zustände, löst vielleicht moralische Betroffenheit aus und führt vielleicht zur Abschaffung einzelner Mißstände, kann jedoch nicht grundsätzlich unsere gesellschaftliche Lage verändern. Ziel einer effektiven Informationsarbeit muß der Informationsstand, die Widerstandsbereitschaft und der Kontakt unter uns sein. Informationsarbeit muß daher vor allem von uns für uns geleistet werden. Die Darstellung von Erfahrungen steht dabei im Vordergrund, um über den Vergleich zwischen den Erfahrungen die Identifikation mit dem Behindert-Sein zu erleichtern und damit die Widerstandsbereitschaft zu stärken. Andere gesellschaftliche Gruppen haben bereits bewiesen, wie wichtig für den Prozeß der Selbsterkennung solche detaillierten Beschreibungen von Erfahrungen sind. Die Darstellung sachlicher Informationen muß immer berücksichtigen, daß sie als Instrument zur Selbstverteidigung zu gebrauchen sind. Dieses gilt insbesondere für juristische Informationen, die in unserer Gesellschaft zur Erlangung einer gewissen Eigenständigkeit unbedingt erforderlich sind. Alle Informationen und Diskussionen müssen das Ziel haben, den individuellen Handlungsspielraum zu erweitern und unseren Organisationsgrad zu erhöhen. Die von uns herausgegebene KRÜPPELZEITUNG hat daher den programmatischen Untertitel: "Von Krüppel für Krüppel". Nichtbehinderte haben einen höheren Preis für die Zeitung zu zahlen als Behinderte. Sie sind gleichzeitig aus dem Redaktionskollektiv ausgeschlossen. Diese rigide Trennung, die mittlerweile bei Frauenzeitungen akzeptiert wird, ruft bei Nichtbehinderten massive Aggressionen hervor. Aber nicht nur die sich daraus ergebende Diskussion, sondern auch die Erfahrung eine "eigene" Zeitung zu haben, die nicht schon wieder von Nichtbehinderten "angeleitet" wird, rechtfertigt unser Vorgehen. Die Härte der Reaktionen spiegelt die Schwierigkeiten der nichtbehinderten Helfer wider, uns unsere Eigenständigkeit zuzugestehen.

2. Elternkonflikte

Die Mehrheit von uns ist kaum in der Lage, sich umfassend von dem Elternhaus zu lösen. Das Erwachsenwerden, das quasi notwendig Konflikte und Widerstand erzeugt, wird von sehr vielen von uns nur teilweise vollzogen. Als Argument dient pflegerische Abhängigkeit, eingeschränkte Erfahrungen, mangelnde Durchsetzungsffähigkeit oder schlicht der Wunsch der Eltern, das Kind weiter umsorgen zu können. Wenn die Eltern ständig deutlich machen, was sie alles für ihr Kind getan haben, fällt die Auflehnung besonders schwer. Diese banale Er- kenntnis weist darauf hin, daß gerade von Geburt an Behinderte ihre persönliche Geschichte aufarbeiten müssen. Der Auszug von zu Hause ist zwar kein Garant, aber unbedingte Notwendigkeit für den Selbstfindungsprozeß. Das häufig als undankbar eingestufte Einfrieren der Kontakte zum Elternhaus ist notwendiger Selbstschutz, der erst nach beträchtlicher Zeit aufgegeben werden kann.

Insbesondere geistig Behinderten spricht man die eigenständige Identität und die dazugehörige Selbständigkeit ab. Wird gleich davon ausgegangen, daß die vollständige Entscheidungskompetenz bei der Familie, insbesondere bei der Mutter, verbleibt, so wird z.B. der geistig behinderten Tochter nie die Entwicklung der Entscheidungsfähigkeit darüber ermöglicht, welche Kleidungsstücke gekauft werden sollen. usw. Im Gegenteil, das Selbständigkeitsbestreben wird als "erschwerend" angesehen. Maria Egg stellt das folgendermaßen dar: "Das Zusammenleben in der Familie mit einem erwachsenen geistig Behinderten wird außerdem durch dessen natürliches Selbständigkeitsstreben erschwert. So wie sich eine intelligente dreißigjährige Tochter nicht mehr gern von der Mutter darüber belehren läßt, wie sie die Hausgeschäfte besorgen soll, so läßt sich das die Behinderte im gleichen Alter auch nicht mehr ohne weiteres gefallen. So wie sich der erwachsene, gesunde Sohn seine Tageseinteilung nicht von der Mama vorschreiben läßt, so sträubt sich auch der Behinderte dagegen. Ohne Anleitung geht es aber nicht, denn der Geistesschwache benötigt bei allem, was er tut, "Führung". Danach beschreibt sie, daß bei einem möglichen Widerstand gegen diese "Führung" es wohl an Einfühlungsvermögen und Takt gefehlt hat. Widerstand gegen diese Führung bezeichnet sie als "tyrannisehe Beherrschung der Umgebung", die auch bei Körperbehinderten, die sich kaum bewegen können, zu beobachten ist. (Maria Egg, Der Lebensweg der Behinderten. Ein Wegweiser für Eltern, Betreuer und Freunde erwachsener Behinderter, Olten und Freiburg/Brsg. 1975).

Diese Empfehlungen machen deutlich, daß gerade diejenigen, die sich am schlechtesten gegen Bevormundung und Entmündigung wehren können, diesem Druck besonders unterworfen sind. Der Widerstand endet häufig, wie die Autorin es realistischerweise beschreibt, in der Anstalt, günstigstenfalls beim Therapeuten. Der Widerstand des einzelnen betroffenen Behinderten kann besonders leicht gebrochen werden. Einer autonomen Behindertengruppe kommt daher die Funktion zu, mit den Gruppenmitgliedem, deren verbale oder intellektuelle Fähigkeiten begrenzt sind, zusammen die Elternkonflikte durchzustehen. Daß dieser Anspruch zumindest vorläufig kaum durchgehalten werden kann, liegt zum großen Teil an der Hierarchie unter uns und unserer eigenen Ohnmacht.

3. Selbstbestimmung

Nach der Loslösung von den Eltern muß die Überwindung der Fremdbestimmung durch professionelle und nichtprofessionelle Helfer erreicht werden. Heime, die bereits durch die Struktur des Tagesablaufes, der Organisation des Pflegedienstes, der Möblierung der Zimmer usw. fixe Strukturen setzen, Wohngemeinschaften, die von nichtbehinderten Sozialpädagogen geleitet werden, untergraben zwangsläufig alle Ansätze zur Selbstbestimmung. In der Regel sind diese Strukturen so übermächtig, daß wirksamer Widerstand im Heim oder einer sonstigen Einrichtung nach einer Weile erlahmt. Dennoch wird gerade in der Auseinandersetzung mit diesen Strukturen die Fähigkeit zu einer selbständigen Lebensgestaltung in der "Freiheit" für langfristige Heiminsassen rekonstruiert. Die idealistische Forderung, übergangslos Heime und Anstalten aufzulösen, ignoriert die Folgen der täglichen Zerstörung. Die heroische Geste mancher Helfer, jemanden aus dem Heim "herauszuholen", führt unweigerlich zum Scheitern des Ausbruchversuches.

Erst wenn die Deponierten durch Widerstand zumindest teilweise die Passivität überwinden lernen, kann der Sprung nach draußen gewagt werden. Die Abnabelung von den Helfern vor, während und nach dem Schritt in die Freiheit ist dabei das wichtigste. Wohngemeinschaften von Krüppeln, in denen schon länger in der Freiheit lebende Krüppel zusammen mit anderen die gewohnte Bevormundung und Versorgungssituation abbauen, stellen dagegen eine reelle Chance dar. Allerdings ergibt sich auch hier die Gefahr, daß die selbständigeren Krüppel die Rolle des Helfers für die anderen übernehmen. Dennoch besteht ein qualitativer Unterschied darin, ob es sich um eine Wohngemeinschaft von prinzipiell gleichgestellten Krüppeln handelt oder ob Nichtbehinderte in der Wohngemeinschaft teilnehmen, insbesondere, wenn sie ihr Mitwohnen zugleich als Berufsausbildung begreifen. In einer Wohngemeinschaft des Hamburger Spastikervereins wurde z.B. von einem Zivildienstleistenden die Hilfe mit dem Argument abgelehnt, er sei nicht zuständig. Diese Funktions- und Zuständigkeitsaufteilung des Trägers der Wohngemeinschaft mit Hilfe des Dienstplanes, reduziert den dort Wohnenden zum Objekt dieser Regelung. Fungiert der selbständig lebende Behinderte selbst als Arbeitgeber mit allen arbeitsrechtlichen Konsequenzen (z .B. Kündigungsrecht) und stellt er so selbst den Dienstplan nach seinen Bedürfnissen auf, so verfügt er über eine völlig andere Machtposition.

Selbstbestimmung beschränkt sich aber nicht nur auf die Verfügungsgewalt über Pflegeleistungen bei Körperbehinderten. Selbstbestimmung schließt die Verfügungsgewalt über die gesamten, die eigene Person bestimmenden Verhältnisse ein. In diesem Sinne ist eine völlige Selbstbestimmung reine Utopie. Sie ist trotzdem ein bedeutendes Ziel, um die Fremdbestimmung durch Nichtbehinderte zurückzudrängen. Während die Entfremdung Nichtbehinderter durch die Fremdbestimmung vor allem im Arbeitsprozeß geformt wird, geht sie uns gegenüber wesentlich weiter. Sie ist durch den Ausschluß vieler Krüppel vom Arbeitsprozeß und damit aus diesen Kooperationsbeziehungen gekennzeichnet.

Eine weitere schärfere Stufe des Ausschlusses ist die Fremdbestimmung von uns Krüppeln bei der privaten Reproduktion in Heimen. Die Fremdbestimmung wird hier auf den gesamten Tag ausgedehnt, beginnend mit den Aufsteh- und Essenszeiten, dem Absprechen eines privaten Bereiches z.B. eines eigenen Zimmers mit eigenen Möbeln und Schutz vor dem Zugang und der Kontrolle der Heimaufseher.

Eine qualitativ noch weitergehende, dritte Stufe der Fremdbestimmung besteht in der direkten Verfügungsgewalt über unseren Körper und unsere Persönlichkeit. Wenn Nichtbehinderte bereits bestimmen können, wann wir zu pinkeln oder zu kacken haben, wir mit Drogen entpersonalisiert werden und mit verhaltens-"therapeutischen" Züchtigungen unsere Unterordnung erzwungen wird, dann hat die Fremdbestimmung ihre höchste Stufe erreicht. Die Folgen solcher Zerstörungsprozesse können nicht so einfach aufgearbeitet werden. Es bedarf hier sicherlich langfristig auch "Krüppelhäuser", in denen so mißhandelte Krüppel unter sich und mit noch nicht so zerstörten Krüppeln zusammen neue Wege der Repersonalisierung suchen. Während Frauenhäuser für mißhandelte Frauen bereits zu geförderten Renommierprojekten einiger Großstädte avancierten, dürfte die Einrichtung von Krüppelhäusemn auf weitgehendes Unverständnis stoßen. Zum einen liegt das daran, daß man von neuer Selbstisolierung sprechen wird, zum andern wird die Gewalt gegen uns immer noch als "erfolglose pädagogische Maßnahme" gesehen, die ihre Ursache in der zu großen Schädigung des Krüppels hat. Die Tatsache, daß die Ursache gerade die pädagogischen Zerstörer sind, dürfte unter den Helfern Erschrockenheit und massive Gegenwehr auslösen. Daß Selbstfindungsprozesse nicht Selbstisolierung bedeuten, daß die Isolation von Krüppeln unter Nichtbehinderten in der Regel wesentlich größer ist, daß die Vorenthaltung der Eigenverantwortlichkeit durch Nichtbehinderte ‚ die entscheidende Barriere zur Selbstbestimmung darstellt, wird von Nichtbehinderten meist verdrängt. Die schrittweise Rückgewinnung der Verfügungsgewalt über uns selbst und auch besonders über unsere Bewußtseinsformen, wie es Franz Fanon für die afrikanische Entkolonialisierung gefordert hat, ist eine entscheidende Voraussetzung einer autonomen Behindertenbewegung.

4. Zusammenarbeit

Der zentrale, meist von Nichtbehinderten vorgebrachte, Kritikpunkt an dem Krüppelstandpunkt ist der weitgehende Verzicht auf die Zusammenarbeit mit ihnen. Sie sind geradezu darüber beleidigt, daß wir unseren Widerstand selbst und ohne sie organisieren wollen. Folgende Argumentationsstränge werden am häufigsten gegen unsere Positionen der ausschließlichen Selbstvertretung vorgebracht:

1. "Wir wollen euch doch nur unterstützen".
Dieses Argument knüpft an der alten Helferrolle an und appelliert an unsere Gefühle die angebotene Hilfe doch nicht zurückzuweisen. Von den Nichtbehinderten wird hier überhaupt nicht begriffen, daß gerade ihre sogenannte Hilfe uns an unserer Interessenwahmnehmung hindert. Weisen wir dennoch die Hilfe zurück, so erfolgt der beleidigte Rückzug, die Verweigerung technischer Hilfestellungen oder Erpressung ("Wenn ich nicht mitreden darf, bringe ich dich auch nicht auf's Klo!"), oder der Appell, daß wir eigentlich alle behindert sind und daher "solidarisch" miteinander (auch mit den Behinderemn!) die gesellschaftliche Unterdrückung beseitigen sollten.

2. "Um etwas durchzusetzen braucht ihr doch Bündnispartner!"
Aus Angst vor unserer Eigenständigkeit wird schnell mit unserem fehlenden Machtpotential argumentiert. Unsere Eigenständigkeit erscheint den Nichtbehinderten wohl so bedrohlich, daß sie rechtzeitig unsere Emanzipationsbestrebungen in ihrer Politik aufsaugen wollen. Die richtige Frage, wie wir unsere Interessen durchsetzen wollen, gerinnt insbesondere bei einem Teil der sog. "Linken" zur Forderung nach dem "Bündnis" mit der "Arbeiterklasse". Daß die Arbeiterklasse als politisches Subjekt und bewußt handelnde Klasse allem Anschein nach gar nicht existiert, wir als Krüppel zudem innerhalb der Arbeiterschaft bedenkenlos ausgesondert und diskriminiert werden und z.B. gerade die Gewerkschaftspolitik in hohem Maße gegen uns gerichtet ist, wird übersehen. Eine Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten setzt anfängliche Gleichberechtigung voraus, ein Bündnis gleichberechtigte Partner. Dieses ist aber überhaupt nicht gegeben, denn dazu bedarf es vorher einer bewußten Krüppelbewegung.

3. "Wir wollen doch von euch lernen!"
Diese Strategie setzt darauf, daß wir uns diesem moralischen Anspruch nicht widersetzen können. Dieses Lernen soll sich ohne Konfrontation in einem "solidarischen" Miteinander herstellen, ohne daß die nicht-behinderten Partner gezwungen werden, sich massiv in Frage stellen zu lassen. Dieses Lernen ohne Abgrenzung führt nur zum Aufweichen und zur Abschwächung unserer gegen die Nichtbehinderten-Unterdrückung gerichteten Politik. Bei der Kritik z.B. können wir nicht von "wir" reden, sondern müssen unsere nichtbehinderten "Freunde" mitbedenken. Aus den Sonderrechten, einiger uns zugewandter Nichtbehinderter, wird sehr schnell wieder der bevormundende Einfluß der Helfer.

4. "Ihr betreibt ja Apartheidpolitik!"
Diese von Ernst Klee stammende Charakterisierung unseres Krüppelstandpunktes zeigt die Hilflosigkeit und perfide Arroganz ausgeschlossener Helfer deutlich auf. Während die Apartheidpolitik Südafrikas die schwarze Mehrheit von der Beteiligung am öffentlichen Leben und der Politik ausschließt, ein ganzes Land unter das Diktat der weißen Minorität stellt und z.B. intime Kontakte zwischen den Rassen bestraft und verfolgt, will der Krüppelstandpunkt das extreme Gegenteil. Der Vorwurf der Apartheidpolitik entbehrt so sehr jeder Grundlage, daß es bereits lächerlich ist, ihn hier zu widerlegen. Dennoch sei mit 4 Fragen die Dummheit dieser Position angedeutet:

1. Wer sondert uns eigentlich aus und steckt uns in Gettos?
2. Wer nimmt uns unsere Identität und fordert die Anpassung an Nichtbehindertennormen?
3. Wer klassifiziert den Kontakt zu uns als soziale Arbeit?
4. Wer dominiert unseren politischen Widerstand und beutet ihn literarisch und ökonomisch anschließend aus?

Diese Fragen sollte sich nicht nur der oben genannte Helfer zur Korrektur seiner Entgleisungen beantworten, sondern möglichst viele dem ein eigenes Selbstverständnis suchenden Behindertengruppen, um sich von dem immer noch starken Einfluß Ernst Klees zu lösen.

5. Krüppelpolitik

Ziel der Selbstorganisation Behindemtem/ Krüppel muß es sein, eine autonome Interessenvertretung zu schaffen. Gerade in dem Zeit wachsender Krisen wird die Selbstverteidigung gegen die Aussonderung immer dringender. Krüppelpolitik muß sich der drei miteinander vermittelten Stränge immer bewußt sein:

1. Aufarbeitung der eigenen Widersprüchlichkeit,
2. Aktuelle und konkrete Selbstverteidigung und Umgestaltung der direkten konkreten Lebensverhältnisse und
3. Angriff auf die uns zerstörenden Strukturen.

Je aggressiver und kompromißlosem wir vorgehen, je wahrscheinlicher wird unser Erfolg sein. Auf die erste Welle des Widerstandes werden die Politiker mit Zugeständnissen und Beschwichtigungen reagieren. Erste Erfolge, insbesondere im Bereich der konkreten Lebensbedingungen (z.B. Verbesserung des Fahrdienstes) ‚ dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß die umfassende und konsequente Selbstvemtretung von den Politikern nicht zugestanden werden kann, weil das repräsentative politische System eine Konstruktion dem Politik von der Basis her ausschließt. Politiker können daher nie unsere Bündnispamtner, sondern nur unsere Verhandlungspartner und politischen Gegner sein. Parteipolitik, die bereit ist, Forderungen von uns zu übernehmen, aber unsere politische Selbstvertretung und Eigenständigkeit bestreitet, ist für uns schädlich. Sämtliche Verhaltensformen uns gegenüber dokumentieren, daß wir vor allem Behinderte oder Krüppel sind und erst in zweiter Linie Arbeitnehmer, Frau usw..

Obwohl z.B. die Frauenbewegung den Selbstvertretungsanspruch für sich proklamiert, kommt es vor, daß eine nichtbehinderte Schwester ihre schwere "Prüfung" durch die nicht norm-gerechte Schwester in einer Zeitung der Frauenbewegung darstellen kann (Vgl. Courage Nr.8, August 1980, 5. 42/43). Dieser perfide Artikel, unkommentiemt in dieser Zeitschrift, zeugt von ähnlicher Ignoranz wie die Diskussion um weibliche Helferberufe, die unsere Unterdrückung durch die Helfer weitgehend verschweigt. Alle bestehenden politischen Bewegungen sind allenfalls bereit, uns als zerstörte Objekte zu berücksichtigen. Die Eigenständigkeit der Krüppelbewegung wird von keiner Gruppe anerkannt. Dieses mag einerseits daran liegen, daß unsere Selbstorganisation erst in den Anfängen steckt. Andererseits bedeutet die Zusammenarbeit der meisten Behindertengruppen mit "Nichtbehinderten" eine erhebliche Schwächung unseres Selbstvertretungsanspruches. Neben diesen in unserer Bewegung begründeten Ursachen ist es m.E. die selbstgefällige Arroganz der Normalen, die uns entgegengebracht wird.

Eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit anderen Gruppierungen ist daher aus den o.g. Gründen vorläufig nicht denkbar. Andererseits sind wir noch nicht so stark, um in allen Bereichen unsere Selbstvertretung durchzusetzen. Vielmehr müssen wir noch in vielen Bereichen der Therapie, Pädagogik und Sozialarbeit die Tätigkeit Nichtbehinderter akzeptieren. Außerdem können wir nicht verhindern, daß Nichtbehinderte noch auf einen großen Teil von uns Kmüppeln einen relativ starken Einfluß haben und damit auch auf die Möglichkeit eines sich formierenden Widerstandes einwirken. Allgemeine politische Ansprüche und die auch für sie belastende Zuständigkeit und Verantwortlichkeit für uns bringen einige Helfer dazu, über ihre Rolle und Funktion nachzudenken. Dieser Prozeß des Nachdenkens und Sich-angreifbar-machens, unterstützt die Bewußtwerdungsprozesse der von ihnen abhängigen Krüppel. Daher ist es richtig und notwendig auch mit den uns gegenübergestellten, professionellen und nichtprofessionellen Helfern und Partnern zu diskutieren, um ihren Rückzug aus der Verantwortlichkeit für uns oder sogar aus ihrem Berufsfeld zu unterstützen. Vor allem aber hat die Krüppelpolitik den Mut zum individuellen und kollektiven Widerstand von uns Krüppein zu fördern.

Nachwort

Warum lasse ich diesen Beitrag in einer Zeitschrift erscheinen, die sich vorwiegend an nichtbehinderte Helfer im Sozial- und Medizinbereich richtet? Wie oben dargestellt wurde, kommt der Verunsicherung der nichtbehinderten Helfer eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Die Diskussion unter ihnen macht es nicht mehr möglich, so selbstherrlich wie bisher über uns zu verfügen. Gerade bei dem politisch engagierten Teil von Medizinern, Sozialarbeitern, Psychologen und Pädagogen, die intuitiv die Widersprüchlichkeit in ihrer Moral verspüren, fördert der Hinweis auf eine sich formierende autonome Behindertenbewegung/ Krüppelbewegung den Rückzug aus einem nur noch als Belastung empfundenen politischen Engagement. Andererseits gelingt es ihnen durch das Nachdenken über ihre Normalität den eigenen Bewußtwerdungsprozeß weiterzuführen. Als weiterer Grund in dieser Zeitschrift den Artikel zu veröffentlichen, ist die Erfahrung, daß auch viele von uns diese Publikationen lesen, da eine verbreitete eigene Zeitung nicht vorliegt. Die Krüppelzeitung mag zwar ein Anfang sein, kann sich aber keinesfalls mit den Organen anderer Bewegungen messen. Die anderen Publikationen bringen noch lange nicht das Bewußtsein einer autonomen Bewegung zum Ausdruck. Die Ausgangslage, ob eine sich formierende Krüppelbewegung die Konfrontation oder die Integration in die Nichtbehindertenwelt anvisieren sollte, ist eindeutig zu Gunsten der Konfrontation zu entscheiden. Allerdings ergeben sich daraus wichtige Integrationsprozesse unter uns. Die unter uns existierende Hierarchie darf dabei nicht vergessen werden. Daher muß auch unter uns Krüppeln die Konfrontation fortgesetzt werden. Die Offenlegung der Unterschiede und Diskussion der inneren Hierarchie in der Krüppelbewegung führt zu einem gemeinsamen Krüppelstandpunkt, der die Vielfalt der besonderen Unterdrückungsformen zuläßt und aus ihr das gemeinsame Interesse von uns Krüppel herausfiltert.

Behinderteneinrichtung eingeweiht

Gestern weihte das Rote Kreuz eine Trainingsstätte für geistig und mehrfach behinderte Jugendliche und junge Erwachsene in der Gerkrathstraße in Nikolassee ein. Diese Einrichtung, das Haus , Rehwieselt, ist eine Außenstelle des Elisabeth-Weiske-rHeims. In einem Modellversuch sollen hier behinderte Ju-gencinche und Junge Erwachsene^fil^ den normalen Lebensalltag integriert werden. ^§eit März dieses Jahres" ist die Einrichtung mit 16 Behinderten im Alter von 16 bis 21 Jahre voll belegt. Der größte Teil von ihnen arbeitet tagsüber in Jugendwerkheimen und Behindertenwerkstätten. Unter Anleitung von Thera-peuten gibt es zudem für die Bewohner ein Arbeitsprogramm, mit dem ihre Arbeitshaltung - zum Beispiel Ausdauer, Pünktlichkeit und Genauigkeit - trainiert werden soll. Der Umbau des früheren Müttergenesungsheims für den jetzigen Zweck kostete 900 OW Mark. die Aktion Sorgenkind übernahm von diesen Kosten 390 000 Mark.

(Tsp)
Tagesspiegel vom 23. 5. 1981


BM-Online