Uno-Jahr 1981 

Überblick: Uno-Jahr der Behinderten 1981


EMANZIPATION VOR INTEGRATION

gedanken zur behindertenbewegung

Wenn ich diesen artikel mit der behauptung beginne, daß integration der behinderten in unserer gesellschaft nicht möglich ist, wird das manche in wallungen bringen. Nämlich die, die schon über jahre ihre energie in zäher arbeit für dieses ziel einsetzten, in der hoffnung, es irgendwann zu erreichen.

Die I. und die II. generation der behindertenbewegung

Seit etwas mehr als 10 jahren bemühen sich behinderte selbst in partnerschaft mit meist jüngeren nichtbehinderten um ihre eingliederung in die gesellschaft. Vorher, seit kriegsende, versuchten das funktionäre der kriegsopferverbände VdK und reichsbund für behinderte. Doch diese verbände haben sich seit jahren schon zu beschaffungsvereinen für jede art von ermäßiqung entwickelt.

Etwa 1968, im zuge eines allgemein erwachenden selbstbestimmungswunsches unterdrückter kreise, begannen auch behinderte, nach neuen lebensformen zu suchen. Deutlich wurde dieses erwachen in den schnell fortschreitenden gründungen von "clubs behinderter und ihrer freunde" im ganzen bundesgebiet. Diese vielversprechenden CeBeeF´s müssen heute erkennen, daß das ziel nicht erreicht wurde, höchstens teilerfolge zu verbuchen sind. Bis auf wenige ausnahmen siechen sie dahin und ihr dachverband, die BAG C in Mainz, zerreibt sich in selbstproduzierten querelen.

Die Stellung im abseits ausgepolstert

Was ist in diesen 10 jahren bewegung bei nüchterner betrachtung erreicht? Öffentliche diskriminierung ist nicht mehr ohne ein "Das tut man doch nicht" in den Medien möglich. Eine menge von sonder-programmen für behinderte von seiten der regierung ist beschlossen. Bordsteine sind abgeflacht die nun den weg frei machen bis zu den letzlich aussperrenden treppen (einige öffentliche gebäude ausgenommen). Und ein monströser apparat mit dem namen "rehabilitation" hat sich in den fehlschluß verrannt, integration sei über die berufliche (wieder-) eingliederung zu erreichen.

Dazwischen und sicher auch dadurch haben einige der behinderten ihre private integration erreicht, auch so etwas wie problembewußtsein. Doch das sind vereinzelungen. Auch sind hier und da projekte entstanden, die das ziel der "aktiven partnerschaft' verwirklicht haben. Viele von ihnen haben sich nach einer "unheimlich starken zeit" äufgelöst. Viele aber leben noch, sind aktiv, wie die frankfurter gruppen. Dazu gehören in Köln sicherlich der club 68 und in aller bescheidenheit die Luftpumpe. Aber auch das sind vereinzelungen, projekte hier und da.

neue ziele

D. h. wir müssen in politischer arbeit dafür sorgen, daß die werte der gesellschaft durchdacht und in frage gestellt werden, und wir müssen verstärkt begegnung provozieren, um zu zeigen, daß man als behinderter dem negativbild nicht entspricht.

Dazu sind wir jedoch zu wenige, die die stellung im abseits, in die man uns stellt, verlassen. Was ist zu tun? Wir müssen bewußter und gezielter die emanzipation fördern. Viele behinderte haben sich der behindertenbewegung verweigert, weil sie in ihrem privaten kreis versuchen, die bestehenden normen und werte oft kompensatorisch doch noch zu erreichen. Sie bringen mehr als die übliche leistung, bauen sich über autos und häuser doch noch gesellschaftliches ansehen auf usw. Und doch bleiben sie letztlich isoliert.

Andere behinderte setzen nicht auf aktivität, weil sie meinen, die geachteten ideale sowieso nicht erreichen zu können, ohne sich neue zu suchen. Beide gruppen bleiben von gesellschaftlichen mechanismen unterdrückt. Ihnen müssen wir neue identifikationsangebote machen, indem wir neue werte wie humanität, spontaneität, solidarität, gemeinschaft usw. aus Ihrem schlagwortdasein herausführen und öffentlich praktizieren. Wir müssen der bestehenden kultur eine subkultur entgegensetzen.

Das ist eine radikale wendung der behindertenbewegung. Nicht vereinzelte versuche, in die bestehende kultur zu dringen, sondern alternativen zu leben, und so angebot zu sein, für die nicht nur behinderte einengende gesellschaftliche situation.

Mag man das sozial-romantik nennen. Was wäre die entwicklung der menschheit ohne utopie?

Konkretes

Nun, vielleicht ist das wirklich alles noch zu abstrakt. Vielleicht klingt das auch nur wieder schlagwortartig. Was ist zu tun, um identifikationsangebot zu sein? Wer bei der frankfurter demo dabei war, hat gespürt, welche kraft für's selbstbewußtsein aus dem gefühl der solidarität geflossen ist. Solche aktionen wirken emanzipatorisch.

Die frankfurter demo muß der beginn einer dritten generation der behindertebwegung sein. Dabei dürfen wir uns nicht erst bei solchen extremen unterdrückungen solidarisch zeigen. Gründe, uns gegenseitig zu stärken, gibt es viele. Bei diesen aktionen ist es wichtig, so spontan und kreativ wie möglich zu sein. Dazu muß aber die information zwischen den noch wenigen aktiven gruppen und projekten fließen, und das wiederum wird eine form von organisation benötigen, die geplant werden muß.

Der integration, d. h. der herstellung einer gesellschaftlichen einheit, ganzheit von behinderten und nichtbehinderten, hat man sich nur minimal angenähert. Um die gesamtsituation in ein bild zu packen: Unsere stellung im abseits ist unter erheblichem finanziellen aufwand ausgepolstert worden, um, und das ist der nutzeffekt, uns im abseits zu halten.

Es gibt "wunderschöne" sonder-kindergärten, sonder-schulen, sonder-werkstätten usw. in oft herrlicher landschaftlicher lage, abseits. Das ist natürlich keine bewußte absicht gewesen, bewußt wollte man das beste für behinderte, unbewußt das beste für sich.

warum integration nicht möglich ist

Und weil das zwei verschiedene sachen sind, ist integration in unserer gesellschaft nicht möglich. Um das verständlicher zu machen, müssen wir kurz die sache psychologisch betrachten.

Jeder mensch hat in sich ein idealbild entwickelt, das alle die eigenschaften beinhaltet, die er für sich zu erreichen versucht. Dieses idealbild ist gesellschaftlich beeinflußt, d. h. es wird mehr oder weniger vom einzelnen in seiner persönlichkeitstwicklung aus dem angebot der gesellschaftlichen normen und werte gebildet. In unserer kultur gehören zu den hochwertigen normen und werten: fitness, leistung, gesundheit, schönheit, beweglichkeit usw. Das sind qualitäten, die im individuellen idealbild doch bei der überwiegenden mehrheit den rang haben, der ihnen auch im gesellschaftlichen ideal eigen ist. Neben diesen Idealbild hat jeder einzelne ein negativbild entwickelt, das alle entgegengesetzten extreme seiner idealbildqualitäten zusammenfaßt. Für unsere aufzählung wären das: lahmheit, nichts-leisten-können, krankheit, unästhetik, unbeweglichkeit usw. Diese genannten negativqualitäten sind aber eben dieselben, die auch den behinderten zugeschrieben werden.

Den nichtbehinderten, die sich die genannten werte wie leistung, unversehrtheit usw. zu eigen gemacht haben, und das ist die masse, diesen nichtbehinderten erscheinen wir behinderten als ihr personifiziertes negativbild, und jeder von ihnen weiß durch ausreichende aufklärung, daß er morgen selbst behindert sein kann.

Also: In seinen streben, sein idealbild zu erfüllen, wird bei "dem" nichtbehinderten durch unsere gegenwart die angst belebt, zu seinen negativbild zu geraten. Dieser vorstellung weicht er aus und damit uns. Integration ist solange nicht möglich, wie diese gleichsetzung: negativbild = behinderte, besteht. und sie aufzulösen muß unser ziel sein bzw. werden.

wichtig ist für die arbeit, die zur identifikation führt, daß wir probleme nicht ausschließlich - wie so oft praktiziert - in tagungen und lehrgängen diskutieren. Da brauchen wir dinge, die auch emotional ansprechen. Ich setze da viel hoffnung in die hier und dort entstehenden theater- und musikgruppen.

Nur zusammen müssen wir das tun, und uns dann einreihen in die gemeinschaft anderer alternativer, demokratischer bewegungen.

So wie es bisher gelaufen ist, das bringt nichts, das müssen wir uns abschminken, so wird man behinderte nicht integrieren, weil man's nicht kann, nicht will. Zunächst müssen wir uns emanzipieren, befreien von den einengenden wertvorstellungen und mit anderen zusammen die welt humaner gestalten. Kurzum: die gesellschaft, die uns zu integrieren bereit ist, muß erst noch geschaffen werden.

Das wär's ... oder doch noch nicht ganz.

Ich will diesen artikel nicht beenden, ohne auf die problematik zu kommen, die in begriffen wie "behindertenbewegung' liegt.

Schön ist dies wort, weil behindertenbewegung so vieldeutig ist: bewegung innerhalb der behinderten, bewegung, die von behinderten ausgeht auf die gesellschaft, bewegung der inaktiven behinderten usw. Dennoch brauchen wir eigentlich ein besseres wort, denn aus dieser bezeichnung fallen all die nichtbehinderten raus, die schon lange mit uns sich verbündet haben. Behindertenbewegung wäre falsch verstanden als aktivität nur von behinderten. Nein, wir brauchen die zusammenarbeit mit allen nichtbehinderten, die sich aufgemacht haben, neue lebensformen zu suchen.

Leute, die auszogen, das fürchten zu lernen, denn das gehört sicher dazu, wenn man alte, haltbringende werte verändern will.

Quelle: Luftpumpe 6/80

In: SPAK-forum 1981/s.32-33


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