Uno-Jahr 1981 

Überblick: Uno-Jahr der Behinderten 1981


Carstens - geh doch lieber wandern

Zur bundesweiten eröffnung des "internationalen jahres der behinderten" hatten am 24./25.l. die offiziellen in die dortmunder westfalenhalle eingeladen. Aufwendige broschüren waren verschickt worden.

Von überall kamen behindertengruppen, die staunen und klatschen sollten. Für diese tage war in Dortmund ein behindertenfahrdienst eingerichtet worden, der alle bisherigen Mängel vergessen machen sollte. Eine genügende zahl behindertengerechter toiletten war herbeigekarrt worden - doch alles nur für zwei tolle tage. Bald danach zeigte Dortmund wieder das gewohnte behinderten-feindliche gesicht.

Behindertengruppen hatten sich einige male getroffen, erbost über solche aussichten. Gerade der kontrast zwischen behindertenfeindlichen alltag und schönen politikerreden provozierte.

Gleich bei der eröffnung der veranstaltung bildete sich ein "krüppel- und wohltäterzug": heimwärter zogen in uniform mit schlüsseln und bettpfanne am gürtel neben rollstuhlfahrern mit einer pappuhr ("12 uhr -wir dürfen mal wieder aufs klo"), ein mann demonstrierte nackt im rollstuhl die angebliche geschlechtslosigkeit behinderter.

Schließlich zog die gruppe zur halle 3, wo Carstens und Ehrenberg ihre ansprachen halten sollten. Als die spitze des zuges die bühne erreichte, besetzten rollstuhlfahrer, die mit ketten ihre räder aneinanderfesselten. Weitere rollstuhlfahrer umringten die besetzte bühne.

Gusti Steiner, einer der besetzer:" Leute, keine rede, die in diesen jahr auf uns, über uns oder zum teil mit uns gehalten wird, ist es wert, angehört zu werden, weil keine dieser reden unsere situation verändert. Man wird uns das gefühl geben, etwas für uns getan zu haben. Wir sehen das hier in Dortmund, da wird für 2 tage eine operette an einen fahrdienst inszeniert, über 22 fahrzeuge eingesetzt - für 2 tage. An montag, spätestens am dienstag, ist die alte situation wieder da. wir müssen dann wieder in unseren 4 wänden sitzen und müssen uns überlegen, ob wir fahren können, ob wir mit 16 fahrten im monat auskonmmen. Das ist die realität, und die wird keine rede dieses jahres verändern!" Das publikum war genauso überrascht wie die veranstalter. Viele zuschauer hatten sich auf das showprogramm oder auf Carstens und co. gefreut, waren nun frustriert. Eine heftige Debatte entbrannte, es waren laute proteste zu hören, aber auch sympathie und zustimmung.

Das plakat mit den "3 klammeraffen" auf der bühne wurde durch das gegenmotto "Jedem krüppel seinen knüppel!" ersetzt.

Gerade der deutsche slogan dieses "internationalen jahres" ("Einander verstehen - miteinander leben") spielt eine haltung gegenüber behinderten vor, die bloße fassade ist - wie so vieles gerade bei dieser eröffnungsfeier.

Die herren Carstens und Ehrenberg jedenfalls kamen nicht auf die bühne. Sprechchor:

"Carstens, steck die rede weg, dein geschwätz, das hat doch keinen zweck! Geh doch lieber wandern....... !"

Schließlich konnten die beiden doch noch - verspätet und im Nebenraum - ihre reden halten.

Dabei fiel auf, daß sie fast ausschließlich von nicht-behinderten umgeben waren. Eine rollstuhlfahrerin entschuldigte sich sogar für die demonstranten -"im namen aller behinderten". Auch ein kriegsopferverband distanzierte sich öffentlich von der "kleinen organisierten minderheit".

Die "besetzer" hatten es geschafft, die fassade der festreden zu durchbrechen, sie verschafften sich gehör.

Wer war nun diese gruppe? Ein unsicheres rätselraten begann, man versuchte, ihre bedeutung herunterzuspielen, sie in irgendeine radikale ecke zu stellen. Immerhin handelte es sich um über 1oo behinderte und nichtbehinderte; die diskussion in der halle hatte gezeigt, daß ein teil der zuschauer zumindest mit ihren forderungen (wenn auch vielleicht nicht mit ihrer methode) einig war.

Der protest kam von einer sehr unterschiedlichen gruppe, einer bemerkenswerten "aktionseinheit" aus mitarbeitern von reha-einrichtungen, mitgliedern unterschiedlicher clubs und unorganisierten. Zu hoffen bleibt, daß diese aktion keine eintagsfliege war und diese strömung weiterhin für einen frischen wind in der rehabilitationssonne sorgt.

Karin Fischer/Hannes Heiler

SPAK-forum 1981; februar 10/11 seite 24


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