Uno-Jahr 1981 

Überblick: Uno-Jahr der Behinderten 1981


1981 jubeljahr für wen?

Schöne bescherung: das "internationale jahr der behinderten" hat nun endlich angefangen. Lange wurde es vorbereitet, von der UNO verkündet, von der "nationalen kommission" in Bonn durchgeplant. All das verschlang viele spesen, dienstreisen und intercity-kilometer.

"Internationale jahre" hatten wir ja inzwischen genug:
das jahr der frau, des kindes - und nun sind die behinderten an der reihe. Was solls?

Schon im letzten jahr wurde viel gejubelt: die bundesregierung klopfte sich selbstgefällig auf die schulter, wie viel gutes ihr "aktionsprogramm zur rehabilitation" für die 70er jahre gebracht hat. Kritik? Natürlich konnte nicht alles erreicht werden, dafür gibt es nun das "aktionsprogramm" für die 80er jahre. "Es gibt noch viel zu tun - packen wir`s an!" Rehabilitation behinderter menschen ist zum wirtschaftsfaktor neben ölförderung und kernenergie geworden, durchrationalisiert und kostengedämpft.

Die marschrichtung scheint zu stimmen; das "jahr der behinderten" als festlicher rahmen, un die bisherigen taten gebührend zu würdigen. Die verbände und ihre funktionäre ziehen mit den politisch verantwortlichen an einen strang, auch sie haben schon neue schwarze festanzüge bestellt (wiederverwendbar bei trauerfeiern und staatsakten). Ordenshersteller und hochglanzpapierdruckereien haben hochkonjunktur.

Probleme werden wegorganisiert. Improvisation scheint die große kunst zu sein: ende januar ist in Dortmund das bundesrepublikanische eröffnungsfest gewesen, mit viel ehren und Ehrenberg.

Aber: in Dortmund können behinderte den öffentlichen nahverkehr nicht benutzen! Macht nichts, für 2 tage wird das problem gelöst. Da läßt sich jeder aufwand rechtfertigen, um diesen mangel zu vertuschen. Zu wenig rollstuhlgängige WC`s? Auch dafür gibts transportable notlösungen. Eine materialschlacht wie bei einen großen wanderzirkus. Und montags ist dann der ganze spuk vorbei, die zeche ist bezahlt. Wie nach einem besäufnis mit schlechtem alkohol: der kater kommt am morgen danach. Die geballte deutsche aufmerksamkeit merkt nicht, daß all die schönen einrichtungen wieder verschwinden.

Zu diesem spektakel wurden behindertengruppen aus der ganzen republik angekarrt. Fahrtkosten? Unterkunft? Verpflegung? Für alles wird gesorgt. Für die show war nichts zu teuer, geld ist kein problem.

Wie schlecht ist eigentlich das gewissen der verantwortlichen, daß sie solche fassaden aufbauen müssen, daß sie solche augenwischerei nötig haben? Sie selbst loben ihre erfolge in der behindertenpolitik. Nun sind sie doch nicht so sicher, ob ihnen die behinderten auch den "gebührenden" beifall dafür von selbst zollen. Da wurde in 2 tagen mehr geld verpulvert, als tausende behinderte in heimen monatlich als taschengeld bekommen, mehr als zehntausende in werkstätten "für" behinderte als "lohn" bezahlt wird.

Die dortmunder westfalenhalle wurde zum potemkschen dorf, zur trügerischen fassade. Es liegt an uns, daß nicht das ganze "jahr der behinderten" eitle selbstgefälligkeit wird.

"Ist wo etwas faul und rieselt 's im gemäuer
dann ist' s nötig, daß man etwas tut
und die fäulnis wächst ganz ungeheuer.
Wenn das einer sieht, das ist nicht gut.
Da ist tünche nötig, frische tünche nötig!
Wenn der saustall einfällt, ist's zu spät!
Gebt uns tünche, dann sind wir erbötig
alles so zu riechen, daß es noch mal geht."
B. Brecht

Hannes Heiler

...und danach?

Schon das jahr 1972 war - zumindest in der BRD - als "jahr der behinderten" deklariert worden. Die 70er jahre galten als "dekade der rehabilitation". Ein kommentar zu jenem jahr, gesprochen anfang 1973, könnte auch anfang 1982 wieder gültigkeit haben:

"Das mit so vielen hoffnungen verbundene "jahr der behinderten" ist - darüber vermag nichts hinwegzutäuschen, letztlich nicht geglückt. Und gerade die Bundesrepublik hatte in dem zur "dekade der rehabilitation" erklärten jahrzehnt von 1970 -1980 ein wenig von dem aufzuholen, was im vergleich zu anderen ländern noch immer anlaß gibt, sich zu schämen. Von all den wohlgemeinten appellen, von zahllosen großen und kleinen reden über behinderte, zu behinderten, und von behinderten sind tausende, ja zehntausende von einzelschicksalen unberührt, ist ihre eigentliche not, ihre einsamkeit, ihre randsituation die gleiche geblieben wie vor 12 monaten, vor zwei jahren oder vor zehn. Und die meisten spektakulären aktionen, shows wie die allzu eilfertige selbstzufriedenheit einiger funktionäre, die sich mit dein erreichten brüsten, zielen an jenen tausenden vorbei, erreichen sie nicht. Sie werden zur alibifunktion einer gesellschaft, die sich auch im "jahr der behinderten" nicht bereitfand, sich mit dem gedanken vertraut zu machen, daß behinderung in diesem unserem dasein seinen ganz bestimmten stellenwert besitzt, daß eine sozialversicherung dem einzelnen zwar den lebensunterhalt gewähren, ihn aber niemals gegen die schläge des schicksals absichern kann.

Gewiß, die behauptung mag zutreffen, es seien große fortschritte auf dem gebiet der behindertenhilfe erzielt worden. Unbestreitbar aber bleibt, daß sie der allgemeinen gesellschaftlichen entwicklung hinterherhinken. So blieben auch im jahr der behinderten viele hoffnungen unerfüllt. Die auf ein einheitliches gesetz etwa, das allen behinderten die gleiche chance in ausbildung, beruf und gesellschaft geben sollte. Da kamen im jahr der behinderten zu den architektonischen barrieren in unseren städten mehr neue hinzu, als alte abgebaut wurden. Da gibt es noch immer diskriminierende bestimmungen, noch immer werden - einfach weil behindert - menschen von vielen lebensbereichen ausgeschlossen. Noch immer gibt es, gemessen an bedarf, kaum behindertengerechte wohnungen, noch immer leben tausende in anstalten, in denen ihnen ein ganzes leben lang außer ein paar habseligkeiten im anstaltseigenen spind absolut nichts gehört, nicht einmal das bett im schlafsaal. Die behinderten und ihre freunde werden lauter, noch unmißverständlicher verdeutlichen müssen, was es heißt, 'natürlicher teil' unserer gesellschaft zu sein."

Walter M. Schubert
"Kontakt" - eine sendung für behinderte und
nichtbehinderte. SWF 3, 27.1.1973
Uno-Jahr 1981

aus SPAK-forum 1981 10/11 (februar) seite 23


BM-Online