Uno-Jahr 1981 

Überblick: Uno-Jahr der Behinderten 1981


... und dann?

Schon das Jahr 1972 war - zumindest in der BRD - als "Jahr der Behinderten" deklariert worden. Die 70er Jahre galten als "Dekade der Rehabilitation". Ein Kommentar zu jenem Jahr, gesprochen Anfang 1975, könnte auch Anfang 1982 wieder Gültigkeit haben:

"Das mit so vielen Hoffnungen verbundene "Jahr der Behinderten" ist - darüber vermag nichts hinwegzutäuschen - letztlich nicht geglückt. und gerade die Bundesrepublik hätte in dem, zur "Dekade der Rehabilitation" erklärten Jahrzehnt von 197o-198o ein wenig von dem aufzuholen, was im Vergleich zu anderen Ländern noch immer Anlaß gibt, sich zu schämen, von all den wohlgemeinten Appellen, von zahllosen großen und kleinen Reden über Behinderte, zu Behinderten und von Behinderten sind Tausende, ja Zehntausende von Einzelschicksalen unberührt, ist ihre eigentliche Not, ihre Einsamkeit, ihre Randsituation die gleiche geblieben wie vor 12 Monaten, vor zwei Jahren oder vor zehn.

Und die meisten spektakulären Aktionen, Show wie die allzu eilfertige Selbstzufriedenheit einiger Funktionäre, die sich mit dem Erreichten brüsten, zielen an jenen Tausenden vorbei, erreichen sie nicht. Sie werden zur Alibifunktion einer Gesellschaft, die sich auch im "Jahr der Behinderten" nicht bereitfand, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Behinderung in diesem unserem Dasein seinen ganz bestimmten Stellenwert besitzt. daß eine Sozialversicherung dem Einzelnen zwar den Lebensunterhalt gewähren, ihn aber niemals gegen die Schläge des Schicksals absichern kann. (...)

Eine Gesellschaft - so etwa formulierte der Bundespräsident - die behinderte Menschen nicht als natürlichen Teil ihrer selbst zu achten und zu behandeln wisse, spreche sich selbst ihr Urteil.

Ein Urteil, so meinen wir, dessen Vollzug selbst in diesem Jahr der Behinderten wieder ausgesetzt werden mußte, zur Bewährung gleichsam.

Gewiß, die Behauptung mag zutreffen, es seien große Fortschritte auf dem Gebiet der Behindertenhilfe erzielt worden. Unbestreitbar aber bleibt, daß sie der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinken. So blieben auch im Jahr der Behinderten viele Hoffnungen unerfüllt. die auf ein einheitliches Gesetz etwa, das allen Behinderten die gleiche Chance in Ausbildung, Beruf und Gesellschaft geben sollte. Da kamen im Jahr der Behinderten zu den architektonischen Barrieren in unseren Städten mehr neue hinzu, als alte abgebaut wurden. Da gibt es noch immer diskriminierende Bestimmungen, noch immer werden - einfach weil behindert - Menschen von vielen Lebensbereichen ausgeschlossen, noch immer gibt es, gemessen am Bedarf, kaum behindertengerechte Wohnungen, noch immer leben Tausende in Anstalten, in denen ihnen ein ganzes Leben lang außer ein paar Habseligkeiten im anstaltseigenen Spind absolut nichts gehört, nicht einmal das Bett im Schlafsaal...

Die Behinderten und ihre Freunde werden lauter, noch unmißverständlicher verdeutlichen müssen, was es heißt, 'natürlicher Teil' unserer Gesellschaft zu sein."

Walter M. Schubert in: "Kontakt" - Eine Sendung für Behinderte und Nichtbehinderte. SWF 3, 27.1.1973


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